Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Motovun-Präsidentin Dr. Elisabeth Sandmann.
Dr. Elisabeth Sandmann, geboren 1960 in Augsburg, ist Gründerin und Geschäftsführerin des Münchner Elisabeth Sandmann Verlags. Nach ihrer Lehre zur Verlagsbuchhändlerin bei Suhrkamp (und gestern kam die Nachricht über die Kooperation mit dem Insel-Verlag, der ab Frühjahr 2013 die Elisabeth-Sandmann-Titel im Taschenbuch vertreibt [mehr…]) studierte sie in Bonn und Oxford und promovierte mit einer Arbeit über George Bernard Shaw. Während ihres Studiums arbeitete sie u.a. bei Virago Press in London sowie bei Lübbe und Suhrkamp, später war Elisabeth Sandmann Programmleiterin bei DuMont in Köln und Verlagsleiterin bei Nicolai in Berlin.
Sie ist verheiratet mit dem Verleger Friedrich-Karl Sandmann und hat einen Sohn (22 Jahre). Seit 2006 ist sie Präsidentin der internationalen Verleger-Organisation Motovun Group Association, die in diesem Jahr am Vorabend der Buchmesse ihren 35. Geburtstag mit einem großen Fest in Frankfurt feiern wird.
Dr. Elisabeth Sandmann: Was ist das Besondere an der Motovun, was unterscheidet sie von anderen Organen im internationalen Rechte- und Koproduktionsgeschäft?

Elisabeth Sandmann: Wir sind eine internationale Gruppe von Entscheidungsträgern, Verlegern, Buchmenschen aus der ganzen Welt, und wir möchten miteinander Geschäfte machen. Der große Unterschied liegt darin, dass vor dem Geschäft das Vertrauen, die freundschaftliche Begegnung kommt. Wir leben in einer durchgetakteten Zeit, da ist es umso notwendiger, sich zwischendurch in einem abgeschirmten Raum zu bewegen. Das ist der Geist von Motovun. Da steckt eine echte Haltung dahinter, die heute gar nicht mehr so oft zu finden ist. Ursprünglich galt es, eine Brücke zwischen Ost und West zu schlagen. Heute gilt es andere Gräben zu überwinden.
Beraten Sie einander auch?
Elisabeth Sandmann: Wir kommen aus ganz unterschiedlichen Ländern und Fachbereichen und haben teilweise völlig unterschiedliche Ansätze. Da sind unsere Gespräche, unser Austausch oft sehr fruchtbar; einer lernt vom anderen. Immer wieder entsteht etwas, das professioneller Beratung gleichkommt und echte Aha-Erlebnisse bewirkt.
Wie leistungsfähig ist die Motovun heute im Vergleich zu den Anfängen?
Elisabeth Sandmann: Die Motovun ist alles andere als eine Offshoring-Agentur. Es ging damals nicht so sehr darum, westlichen Verlagen Kostenvorteile durch Druck in Osteuropa zu verschaffen. Die Gruppe wurde wie gesagt gegründet, um zwischen Ostblock und freier Welt eine Brücke zu schlagen. Dann hat man gemeinsam festgestellt, dass man die Kosten senken kann, wenn man gemeinsam Bücher produziert, die in mehreren Ländern erscheinen. Und wenn einer die Idee hatte, wir machen ein Buch über Cranach, dann haben fünf oder auch mehr Länder mitgemacht, weil das Thema in ihren Märkten noch nicht besetzt war. Aber die Märkte haben sich seither verändert, es ist schwieriger geworden, und diese großen Co-Editionen zusammen zu bekommen – das ist heute nicht mehr oft der Fall. Im Kleinen funktioniert das natürlich, wenn man von zwei oder drei oder vier Ländern spricht.
Nennen Sie doch einmal ein paar Verlage im Verband.
Elisabeth Sandmann: Erfolgreiche deutsche Verlage sind zum Beispiel DuMont, Callwey, edel, Campus, Delius Klasing, Zabert Sandmann. In Frankreich sind erwähnenswert Flammarion oder Place des Éditeurs, aber wir haben auch zum Beispiel Roli Books, den größten indischen Kinderbuchverlag.
Gräbt die Verlagskonzentration der Motovun nicht das Wasser ab?
Elisabeth Sandmann: Im Gegenteil. Die Menschen suchen Orientierung, sie suchen Vertrauen, sie suchen Beratung, und sie suchen auch Orte, an denen man sich auf hohem Niveau austauschen kann. Das können wir bieten. Wir haben exzellente Referenten, und wir haben natürlich auch sehr professionelle Mitglieder. Dieser Austausch ist heute wichtiger denn je. Auf einer unserer Tagungen haben wir zum Beispiel bereits vor Jahren einen Vortrag über den Kindle gehört, bevor irgendjemand hier etwas darüber wusste, und wir erfuhren hingegen genau, was auf uns zukommt. Gerade mit und in der Online-Welt macht jeder seine Erfahrungen, und sich hier gezielt auszutauschen, ist ungeheuer viel wert. Wir sind in den letzten Jahren sehr gewachsen, wir sind eine profitable Organisation mit großem Potential. Ziel ist es, die Organisation für Verleger weltweilt zu werden und noch mehr Buchmenschen aus Ländern zu gewinnen, die bislang nicht vertreten sind. Hier liegt ein Schwerpunkt in den nächsten Jahren. Wir möchten noch internationaler werden und auch für Entscheidungsträger aus dem nicht-illustrierten Buchbereich interessant sein.
Sind die Themenbereiche, für die die Motovun-Produkte stehen, durch die Digitalisierung unter besonderem Druck?
Elisabeth Sandmann: Das interessiert die Mitglieder in besonderem Maß. Sie fragen sich: wo sollen wir investieren, wovon sollen wir die Finger lassen. Insbesondere die amerikanischen Mitglieder, von denen wir allerdings auch viel lernen können.
Die meisten Produkte der Mitgliederverlage dürften für den Kindle nicht besonders geeignet sein…
Elisabeth Sandmann: Aber wir reagieren auf die Digitalisierung auf unsere Weise. So hat mein Mann jetzt im Programm den Titel „Kochen-die digitale Schule“ – das Löffelkochbuch fürs 21. Jahrhundert. Im Buch sind QR-Codes abgedruckt, die auf Videos verweisen, die dann auf dem Smartphone oder iPad laufen. Zusätzlich gibt es eine App. Dieses Projekt soll auf der Frankfurter Buchmesse natürlich auch unter den Mitgliedern international vermarktet werden.
Was hat der Buchhändler von der Motovun?
Elisabeth Sandmann: Durch unseren intensiven Austausch, der weit über das hinausgeht, was Verlage auf ihren üblichen 30-Minuten-Buchmesse-Gesprächen miteinander verhandeln, entstehen hervorragende und ausgereifte Ideen und Konzepte. Auch unsere Marketing-Entscheidungen basieren nicht selten auf dem Wissen der Kollegen aus mehreren Ländern. So entstehen aus unserer Mitte verkäufliche und erfolgreiche Titel. Insofern profitiert auch der Buchhandel von unseren Aktivitäten.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.
Mehr im Web: www.motovungroup.org







