
Heute Morgen fand auf der Frankfurter Buchmesse eine Pressekonferenz mit Liao Yiwu statt. Der chinesische Schriftsteller wird am kommenden Sonntag mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.
“Sprachmächtig und unerschrocken begehrt Liao Yiwu gegen die politische Unterdrückung auf und verleiht den Entrechteten seines Landes eine weithin hörbar Stimme“, zitierte Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, zu Beginn der Konferenz aus der Begründung für den Friedenspreis. Liao Yiwu setze den Menschen am Rand der chinesischen Gesellschaft ein aufrüttelndes literarisches Denkmal.
Auf die Frage eines spanischen Journalisten, warum Liao Yiwu nach dem Massaker auf dem Pekinger Tian’Anmen-Platz am 4. Juni 1989 ein Gedicht geschrieben habe, antwortete der Schriftsteller, dass dies aus Wut geschah. „Ich hatte keine politischen Erfahrungen, war Anarchist“, erklärte Liao Yiwu. Seine Worte wurden von Yeemei Guo ins Deutsche übertragen.
Drei Mal musste er sein Gefängnis-Buch Für ein Lied und hundert Lieder neu schreiben, weil das Manuskript zwei Mal beschlagnahmt wurde. Woher nahm er die Kraft dafür? Liao Yiwu habe die Angst in seinem Herzen nie überwunden. „Das Gefängnis macht den Menschen zu einem Hund“, sagte er, der vier Jahre in chinesischen Gefängnissen verbracht hat. Schreiben sei ihm notwendig gewesen, sonst hätte er eine unerträgliche Leere in sich gespürt. Noch immer mache ihm jede Hausdurchsuchung Angst. Die größere Angst sei jedoch, vergessen zu werden, auch von der Gesellschaft. Die Hauptpersonen in seinen Büchern hätten ebenfalls Angst. „Vergessen ist wie Tod“, erklärte der Autor.
Auf die natürlich anstehende Frage, was er von der gestrigen Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2012 an Mo Yan halte, schilderte Liao Yiwu zwei Episoden. Als er am 8. Oktober 2010 erstmals zur Buchmesse anreiste und im Zug von Berlin nach Frankfurt saß, erhielt er die Nachricht, dass der Friedensnobelpreis an seinen Freund Liu Xiaobo verliehen wird. Er glaubte, dass sei ein Sieg der Moral und der Menschlichkeit gewesen. „Alle im Untergrund in China fühlten sich bestätigt und ermutigt“, erinnerte sich Liao Yiwu. Gestern habe er ebenfalls im Zug von Berlin nach Frankfurt gesessen und die Nachricht von der Verleihung des Nobelpreises an Mo Yan erfahren. Doch Mo Yan sei ein ganz anderer Mensch, er vertrete das chinesische System. „Ich empfinde das Wertesystem im Westen als diffus“, sagte Liao Yiwu.
Das Massaker auf dem Tian’Anmen-Platz sei in China nicht vergessen, aber: „Davor hatte man das Land geliebt, danach hatte man nur noch Geld im Kopf“, erklärte der Autor. In Hongkong habe es am Jahrestag in diesem Jahr große Demonstrationen gegeben. Ein Vater habe sich umgebracht, weil er nicht länger ertragen konnte, dass sein Sohn auf dem Tian’Anmen-Platz sterben musste. „Das alles lässt sich nicht vergessen“, konstatierte Liao Yiwu. Aber Mo Yan müsse sich nicht erinnern, fügte er hinzu.
Ob seine Bücher in zehn Jahren in China veröffentlicht würden, könne er nicht sagen. Er sei kein Politiker und könne nichts voraussehen. Seine Aufgabe sehe er darin, das aufzuschreiben, was in China und was ihm passierte.
Allerdings seien seine Bücher auch auf Chinesisch veröffentlicht – in Taiwan.
Auf die Frage, welche Reaktionen es nach seiner verbalen Attacke im Focus gegen Helmut Schmidt gab – Schmidt hatte Verständnis für das Verhalten der chinesischen Soldaten vor 23 Jahren geäußert – antwortete Liao Yiwu mit einfachen, aber eindringlichen Worten: „Menschen töten – das tut man nicht.“ Vielleicht, so äußerte der Autor, wollte Helmut Schmidt eine doppelte Moral anwenden. Der chinesische Autor jedenfalls habe Schmidt Bemerkungen nicht verstanden. „Das menschliche Leben hat doch den höchsten Wert“, unterstrich Liao Yiwu.
Erneut erklärte er, dass er nichts von Politik verstehe. Er setze seine gr0ßen Hoffnungen auf seine Leser, die Zivilgesellschaft und die Menschen im Westen und unterstrich: „Egal, wie gesund ein politisches System ist, ich halte großen Abstand.“
Auf die Frage, ob man ein guter Schriftsteller sein könne, wenn man Diktaturen unterstütze, fragte Liao Yiwu seinerseits nach den Maßstäben, die einen guten Schriftsteller ausmachten. Dennoch gelte: Der Schriftsteller dürfe die Ebene der Moral nicht verlassen. Das allerdings habe beispielsweise Mo Yan getan, als er vor einigen Wochen über 100 Autoren versammelte, um sie eine Seite aus Maos Werken abschreiben zu lassen. Die Literatur Mo Yans habe nichts mit den Menschen, nichts mit der Moral zu tun. Er habe die Ebene der Wahrheit verlassen.
Auf das Bild von Deutschland in China angesprochen, meinte Liao Yiwu, dass dies sehr vage sei. Zudem gebe es zwei Betrachtungsweisen; eine von der Oberfläche der chinesischen Gesellschaft aus, eine zweiter Blick von der Schicht unter der Oberfläche. 1989 sei für Deutschland und für China ein bedeutsames Jahr gewesen, ein Jahr, das beide Länder verwandelte.
Liao Yiwu liebe Berlin, überall begegne man dort Spuren der Geschichte; Stolpersteinen und Denkmalen beispielsweise.
Deutschland, das seien seine Leser, der S. Fischer Verlag und auch der Börsenverein. 2011 sei er nach Deutschland geflohen, um für die Veröffentlichung seines Buches Für ein Lied und hundert Lieder zu kämpfen. „Deutschland ist meine geistige Heimat“, bekannte er.
Er habe kein Interesse an China und den Menschen, die nach Deutschland kommen, denn sie würden ein Regime vertreten, mit dem Liao Yiwu nicht einverstanden ist.
JF







