
Zum 63. Mal verlieh der Börsenverein des Deutschen Buchhandels heute den Friedenspreis traditionell in der Paulskirche in Frankfurt am Main. Geehrt wurde Liao Yiwu, einer der bekanntesten chinesischen Exilautoren.
Zu den Gästen der Feierstunde gehörten Bundespräsident Joachim Gauck, Richard von Weizsäcker, Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, die eng mit Yiwu befreundet ist, die Friedenspreisträger Alfred Grosser (1975), Friedrich Schorlemmer (1993) und Boualem Sansal (2011).
„Seine eigene Stimme zu finden ist für den Menschen von elementarer Bedeutung“, stellte Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, seinem Grußwort voran. „Wann immer das ‚richtige’ Wort gefunden wird und das ist allemal das Wort, das ins Freie führt, das nicht einschüchtert, abgrenzt, verurteilt oder gar vernichtet, sondern das zum Eigenen ermutigt, den anderen anerkennen lässt und es möglich macht, sich selbst und die anderen zu verstehen, da wird auch Raum für Frieden gewonnen“, erklärte Honnefelder.
Der Vorsteher ging auch auf die Rolle des Börsenvereins ein. Der Branchenverband habe es von Anfang an als „Berufung verstanden, den Menschen den Zugang zum Medium der Sprache zu erleichtern – von den großen Verlagen bis zur kleinen Buchhandlung vor Ort, von den kleinen Verlagen bis zur großen Buchhandlung in den Städten.“ Diese Berufung müsse eine alle Mitglieder des Börsenvereins bindende Intention bleiben. „Denn die Aufsplitterung der Medien des geschriebenen Wortes steht in der Gefahr, eine Aufsplitterung der Märkte nach sich zu ziehen.“ Die „im Gespräch mit dem einzelnen Leser bestehende Vermittlungskultur vor Ort“ dürfe nicht verspielt werden, denn damit verlöre nicht nur der Börsenverein seine „Seele“, sondern die Sprachkultur ein wichtiges Kommunikationsband.
Liao Yiwu sei zu Recht durch Gespräche mit „Menschen vom unteren Rand der Gesellschaft“ bekannt geworden. Dem Autor „gelingt es in diesen Texten, die durch Schicksal, Not und Unterdrückung bedingte Stummheit seiner Gesprächspartner zu sprengen und Menschen hörbar zu machen, die sonst ohne Stimme blieben“, unterstrich Honnefelder.
„Damit wird die Stimme Chinas auf eine Weise hörbar, die wir uns so gern schon bei der dem Gastland China gewidmeten Frankfurter Buchmesse 2009 gewünscht hätten“, erklärte der Vorsteher.
Das Stadtoberhaupt Frankfurts, Peter Feldmann betonte: „Ich kann mir keine glücklichere Wahl vorstellen und bin dankbar, dass Liao Yiwu als freier Mann diese große Auszeichnung persönlich entgegennehmen kann.“
„Liao Yiwu gewährt uns mit seiner eigenen Biografie und den zahlreichen Porträts seiner Bücher einen ernüchternden, ja verstörenden Blick hinter die Fassade des großen Landes. Der Kontrast zwischen dem Alltag der untersten Gesellschaftsschichten und unserer Wahrnehmung des modernen China könnte nicht größer sein“, postulierte Felicitas von Lovenberg in ihrer Laudatio. „Liao Yiwu beschreibt die chinesische Gesellschaft aus den Augen jener, deren Stimmen sonst öffentlich nie zu vernehmen sind: Rikschafahrer, Leichenwäscher, Kleinkriminelle, Bettler, Kloputzer, Barmädchen, Mönche, Straßenmusiker. Es sind Schicksale, die auf Chinas Weg aus der jahrtausendealten Geschichte und Tradition ins 21. Jahrhundert unter die Räder geraten sind.“
Liao Yiwus neuestes Buch Die Kugel und das Opium, gerade im S. Fischer Verlag erschienen, führe vor Augen, wie die Erinnerungen an das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz 1989 verblassten. „Die Massen, die sich wie von Sinnen in die Umwandlung des Landes gestürzt haben, sind über Nacht so pragmatisch geworden, so einig in ihrer Liebe zum Geld“, heißt es im Buch. „Diese Geschichtsvergessenheit, die Gedächtnis durch Wohlstand ersetzt, prangert Liao Yiwu an“, bemerkte Felicitas von Lovenberg. Weiter sagte sie: „Wie effizient die vom boomenden Reich der Mitte Ausgegrenzten und Verdrängten stumm gemacht worden sind, lässt sich schon daran ermessen, dass der Autor allein sieben Jahre gebraucht hat, um die Stücke für Die Kugel und das Opium zusammen zu bekommen.
Vier Jahre Gefängnis, Folter, zwei Selbstmordversuche – all das übersteht Liao Yiwu nicht nur, er leistet Widerstand aus Überzeugung, sagt selbst darüber: „Ich, das war ein Speiserest, der von einer formlosen Zunge gedreht wurde, ich wollte nicht verschluckt und verdaut werden, ich streckte die Hand aus, was heißen sollte: ‚Nein!’“
„Indem er Einzelschicksale sammelt, stellt Liao Yiwu Würde wieder her, die Würde der Unzähligen, die Chinas Machthaber auf der ‚Müllhalde’ der Geschichte unbemerkt entsorgen wollten“, konstatierte die Laudatorin.
Liao Yiwu bedankte sich nach Überreichung des Friedenspreises mit einer Rede, die den Titel Dieses Imperium muss auseinanderbrechen trug. Er schilderte zu Beginn das Schicksal des neunjährigen Jungen Lü Peng, der am 4. Juni 1989 von einer Kugel niedergestreckt wurde. Dabei war er nur aus Neugier auf die Straße gegangen, wollte wissen, was da draußen los war. Lü Peng ist das jüngste der 202 Todesopfer des Massakers auf dem Tian’anmen. Das sollte nie vergessen werden.
Der Autor geht weit in die chinesische Geschichte zurück, erinnert an den Philosophen Laotse, an die vielen kleinen Splitterstaaten, die früher das heutige China bildeten. Es sei eine Zeit wirtschaftlicher und kultureller Blüte gewesen, das geflügelte Wort vom „Wettstreit der hundert Schulen“, beziehe sich auf diese Periode.
Als Beispiel verfälschter Geschichte nannte er die heutigen „Konfuzius-Institute“. Der Gelehrte Konfuzius war Einwohner des kleinen Staates Lu. „Konfuzius war 56 Jahre alt, als er sich mit dem Fürsten seines Staates in politischen Fragen anlegte“, erklärte Liao Yiwu. Der Meister musste fliehen, konnte erst mit 70 Jahren in seine Heimat zurückkehren. Deshalb müsse der Name korrekt eigentlich „Konfuzius Exilanten Institut“ lauten.
Vieler solcher Beispiele, wo Geschichte anschließend von den Machthabern anders gelesen wurde, folgten. Stets waren die Umbrüche von grausamen Menschenmorden begleitet – bis heute. Die Gegenwart sei „ein China, im dem ich mich im eigenen Land heimatlos fühlte. Das Elend wurde immer schlimmer und die Menschen stumpften immer weiter ab, während die chinesische Wirtschaft florierte“, urteilte der Autor. Ausländische Investoren würden angelockt: „Immer hereinspaziert … solange ihr nicht den Finger in die Wunde legt und über Menschenrechte sprechen wollt, könnt ihr tun und lassen, was euch beliebt“, formulierte Liao Yiwu und kommt zu einem drastischen Fazit: „In dieser größten Müllkippe der Welt stecken die besten Geschäftsmöglichkeiten.“ Er warnt: „Das Wertesystem dieses Imperiums ist längst in sich kollabiert und wird nur noch vom Profitdenken zusammengehalten. Gleichwohl ist diese üble Fessel des Profits so weit reichend und verschlungen, dass sich die freie Welt der wirtschaftlichen Globalisierung noch ausweglos in ihr verheddern wird.“
Liao Yiwu resigniert indes nicht, sondern erinnert an die Worte Václav Havels, der von der „Macht der Machtlosen“ sprach. Liao Yiwu will aufrütteln – am Schluss seiner Rede kommt er auch auf Tibet zu sprechen, auf die öffentlichen Selbstverbrennungen. Er äußert dazu: „Könnte Tibet einfach ein freies Land sein, das Grenzen mit Sichuan und Yunnan teilt, und nicht von einer fernen Diktatur in Beijing unterdrückt wird, dann würde niemand aus diesem lebensfrohen Volk des Hochplateaus je einen Grund haben, sich ein solches Leid anzutun.“
Berührend ging die Ansprache des diesjährigen Friedenspreisträgers zu Ende. Er trat weg vom Pult, stellte sich an ein kleines Podest mit zwei Klangschalen und sang von den Müttern von Tian’anmen. Ein anschwellender Chor nahm diesen Gesang lautmalerisch auf, löste sich schließlich in zartes Flötenspiel auf.
Stehender Beifall drückte den Respekt des Publikums für Liao Yiwu aus.
Vor der Paulskirche hatten sich inzwischen viele Menschen versammelt, um den Friedenspreisträger zu sehen. Darunter waren auch Exil-Tibeter, die Liao Yiwu auf Plakaten und Bannern dankten.
JF