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Martin Heidingsfelder – wie wird man zum Schrecken der Schavans dieser Welt?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an „Doktorjäger“ und VroniPlag-Gründer Martin Heidingsfelder.

Martin Heidingsfelder, geboren 1965 und aufgewachsen in Franken, war als American-Football-Spieler und mit den Ansbach Grizzlies deutscher Meister. Unter dem Screen Name Goalgetter brachte er 2011 nach der zu Guttenberg-Affäre als VroniPlag Wiki-Gründer die Welle der Enthüllungen deutscher Spitzenpolitiker als akademische Plagiatoren ins Rollen. Heute firmiert Heidingsfelder als freiberuflicher Plagiatssucher unter www.vroniplag.de.

Martin Heidingsfelder: Sie haben sich als Plagiatsjäger, als eine Art Dr. van Helsing im Reich des intellektuellen Vampirismus, einen Namen gemacht. Was war Ihr bisher spektakulärster Fang?

Martin Heidingsfelder
Foto: Martin Stollberg

Martin Heidingsfelder: (lacht) Gruselfilme mit Blutsaugern schaue ich mir nicht an. Lieber würde ich mich als Wissenschaftsdetektiv bezeichnen. Mein spektakulärster Fang ist noch nicht veröffentlicht. Bis jetzt war der größte an sich der Fall zu Guttenberg – aber das war Gemeinschaftsarbeit und den hatten andere vor mir schon begonnen zu zerpflücken. Der zweitgrößte Fall war Silvana Koch-Mehrin. Von der Raffinesse hoch ist Annette Schavan, aber da bin ich wie bei zu Guttenberg auch erst später eingestiegen. Einer der klarsten Fälle war Jorgo Chatzimarkakis, Mitglied des Europaparlamentes. Namengebend und damit für mich persönlich am wichtigsten war die Stoiber-Tochter Veronica Saß. Ihr Fall brachte mich dazu, das VroniPlag Wiki alleine zu gründen und mit ehemaligen Guttenplag Aktivisten und einigen anderen aufzubauen und mich später auf eine berufliche Tätigkeit als Plagiatssucher zu spezialisieren.

Erklären Sie in kurzen, gemeinverständlichen Worten Ihr Vorgehen bei der Doktorjagd.

Martin Heidingsfelder: Mein Vorgehen ist immer sehr ähnlich und doch sehr spannend. Ein Auftraggeber meldet sich mit einem Rechercheauftrag, dann bestelle ich mir das verdächtige Werk in der Bibliothek, um zu prüfen, ob es für meine Untersuchungen inhaltlich und technisch geeignet ist. Dann scanne und digitalisiere ich den Text und korrigiere Einlese-und Texterkennungsfehler manuell. Anschließend lese ich die Arbeit zügig durch, und dabei entdecke ich meist schon, ob ein Autor flüchtig gearbeitet hat und sich der anfängliche Verdacht zerstreut oder verdichtet. Oft stecken Hinweise in den Fußnoten und im Literaturverzeichnis. Mit einer standardisierten Softwareanalyse recherchiere ich im Web nach ähnlichen Textpassagen oder thematisch ähnlichen Veröffentlichungen, später nutze ich eine spezielle Software, die den Vergleich zwischen Diessertation und Quelle vereinfacht. Oft bestelle ich die zitierten Quellen nachhause. Bei juristischen Arbeiten, ca. ein Drittel meiner Aufträge prüfe ich die Quellen meist in der Bibliothek.

Das klingt ja alles so, als erledigten Sie die Arbeit, die eigentlich der Doktorvater tun müsste…

Martin Heidingsfelder: Ein Doktorvater steckt inhaltlich sehr tief in einer Arbeit. Er erkennt mit seinem Fachwissen Stellen, die schon anderswo veröffentlicht wurden. Ein Plagiatssucher macht den ganzen Tag nichts anderes, als Texte auf formale Fehler zu prüfen, dadurch entwickelt er im Lauf der Zeit ein fachübergreifendes Spezialwissen und ein gewisses handwerkliches Geschick sowie einen aus der Erfahrung geborenen Spürsinn. Man wird wie ein Weinkenner oder Sommelier. Der braucht einen geübten Blick, eine gute Nase und eine sensible Zunge, und dann muss er seine Erkenntnisse noch treffend formulieren können. Genau kann ich das nicht beschreiben und wundere mich oft selbst, wie ich Dinge entdecke quasi erfühle. Das ist wie beim Wein, man braucht eigentlich alle Sinne um die Nuancen wahrzunehmen.

Werden Sie nur im Auftrag tätig? Was haben die Auftraggeber für Motive?

Martin Heidingsfelder: Nicht nur – gelegentlich arbeite ich auch aus eigener Initiative. Manchmal sogar gratis für Leute, die mittellos sind. Die Auftraggeber haben die unterschiedlichsten Motive. Wie reines Interesse, meine Arbeit ideell zu unterstützen oder Entscheidungshilfe bei der Personalauswahl sind da noch die harmloseren. Manche Auftraggeber haben eine hohe emotionale Motivation. Danach frage ich aber nicht, das kommt dann meist von selbst. Da gibt es vom komischen Schwiegersohn, dem klassischen Blender bis zum Todesfall unterschiedlichste Motive. Dann kommen Angehörige zu mir und wünschen, dass ich einem Unfallverursacher oder vielleicht dem Arzt, der eventuell ein falsches Medikament verabreicht hat, auf den Zahn fühle.

Kostet eine Plagiatssuche viel Geld?

Martin Heidingsfelder: Die Basisrecherche ist günstig und gar nicht so lohnend für mich, teuer wird es erst dann, wenn ich etwas finde, denn das muss ich genau und zeitintensiv dokumentieren.

Wie viele Manntage Arbeit stecken in einer wasserdichten Plagiats-Recherche und -Dokumentation?

Martin Heidingsfelder: Manche gehen ganz schnell, weil gleich alle Dokumente bereitliegen. Ein Kunde zum Beispiel brachte gleich alle notwendigen Materialien mit. Andere Fälle dauern und können ganz schön unter die Haut gehen: ich denke da an eine medizinhistorische Dissertation zum Schicksal jüdischer Zahnärzte. Da wurden dutzendfach Quellen mit mehr als 1000 Seiten ohne Seitenangabe zitiert. Da saß ich mehrere Wochen an der Sichtung der Dokumente, weil ich mir in den Kopf gesetzt hatte, den erlegten Hirsch dem Kunden zu präsentieren. Am Ende wurden aus einer zwanzigseitigen Fehlerliste zwei Stellen mit offensichtlich vorsätzlichen Plagiaten, die ich der betreffenden Universität angezeigt habe.

Sie stecken beträchtliches Engagement in Ihre „VroniPlag“-Dienstleistung – was treibt Sie dabei an?

Martin Heidingsfelder: Meine Motivation hat schon in den Zeiten meiner Wikiarbeit einigen Wechsel erfahren. Am Anfang wollte ich nur helfen. Dann wollte ich meine virtuellen Freunde im Wiki nicht hängen lassen. Später wollte ich es tun, weil es kein anderer tat – es ging mir um die Gerechtigkeit, darum, dass Missstände auf den Tisch kommen. Noch später wollte ich, dass das, was ich gegründet hatte, auch erfolgreich wurde, und habe unheimlich viel daran gearbeitet. Danach versuchte man, mich aus dem Wiki herauszudrängen, und ich sah, dass man sich professionalisieren muss, um diese Tätigkeit beruflich auszuführen, und das wollte ich, weil es mir großen Spaß macht. Und heute lebe ich davon. Heute ist mein Antrieb immer noch zu helfen und der Wissenschaft zu dienen. Hierbei denke ich nicht nur an die Auftraggeber, sondern auch an meine freien Mitarbeiter, die ich mit Aufträgen versorge.

Sie kennen den Satz: „Der größte Lump im ganzen Land das ist und bleibt der Denunziant.“ Sind Sie ein solcher Denunziant?

Martin Heidingsfelder: Ich wäre sehr vorsichtig mit dieser Formulierung. Hoffmann von Fallersleben glaube ich… Dieser Satz ist vielfach missbraucht worden. Niemand ist ein Denunziant, wenn er Gefahren von der Allgemeinheit abhält. Der Denunziant macht das anonym, der Denunziant hat niedere persönliche oder politische Beweggründe oder verspricht sich einen materiellen Vorteil davon. Ich tue was Positives für die Gesellschaft und besonders für die Wissenschaft.

Ist es mehr als ein erwünschter Nebeneffekt, wenn Sie dabei politische Gegner erledigen können – oder andersherum gefragt: hat Bayerns SPD das nötig?

Martin Heidingsfelder: Gute Frage, geht aber in die falsche Richtung. Ich bin Landtags-Kandidat im Regierungsbezirk Mittelfranken – für die Piratenpartei. „Wenn das Bier umsonst ist, saufen die Roten auch.“ habe ich mal an einem Stammtisch zur Zeiten der Amigo-Affäre im tiefsten Bayern und im Dialekt eingefärbt vernommen. Sprich, es gibt auch Plagiateure im linken Politikspektrum.

Natürlich freut sich jeder Bürger, der sich alles mühsam erarbeiten muss, wenn einer dieser Überflieger ins Zwielicht gerät als einer, der eben auch nur mit Wasser kocht, und manchmal zu unredlichen Mitteln greifen muss, damit er alles wuppen kann. Bekommen Sie Zuschriften von Privatpersonen, und was schreiben die?

Martin Heidingsfelder: E-Mails bekomme ich viele, handgeschriebene Briefe mit Lobeshymnen – z.B. von einem Professor –, ich bekomme Anrufe, ich bekomme sogar unangekündigte Besuche, weil Leute mich kennen lernen wollen oder ich werde auf Veranstaltungen angesprochen. Die Reaktionen sind durchweg positiv und heben den Wert meiner Arbeit für die Wissenschaft und für die Gesellschaft heraus. Die Leute loben mich, dass ich mutig gegen Mächtige vorgehe und unverblümt meine Meinung sage.

À propos „trauen“…

Martin Heidingsfelder: Nein, da denken Sie falsch. Aber viele glauben, ich werde bedroht, doch das trifft kaum zu, darüber lache ich. (lacht laut) Als American-Football-Spieler, ist mir Angst relativ fremd…

Hat schon mal eines Ihrer „Opfer“ direkten Kontakt mit Ihnen aufgenommen, oder läuft das nur über den Rechtsanwalt?

Martin Heidingsfelder: Nein, eigentlich nicht. Einmal hatte ich Mailkontakt zu einem Plagiateur, da hatte ich was Falsches behauptet, das betraf aber nicht das Plagiat selbst, sondern die aktuelle Parteizugehörigkeit des Betroffenen, die war nämlich beendet.

Gibt es eine Art von branchenbezogener Nutzanwendung für Ihre Dienste, und wie würden Sie sich vorstellen, dass Buch- oder Presseverlage sie anwenden?

Martin Heidingsfelder: Generell könnte ich mir vorstellen, dass jeder, der Mitarbeiter einstellt, die einen Doktortitel haben, nach meiner Leistung nachfragt. Denn ein Doktortitel, das ist wie ein Zeugnis, und das sollte man sorgfältig prüfen, ob dieses Zeugnis zu Recht erteilt wurde, ob die Bewerber den formalen Ansprüchen genügen. Für Verlage prüfe ich Manuskripte und Bücher im Kontext des Urheberrechts und des Wettbewerbsrechts. Ich habe bereits einige Biografien geprüft, Essays und Romane. Es gibt Wettbewerbs-Streitigkeiten um einzelne Inhalte, es gibt die unterschiedlichsten Fragestellungen. Verlage sparen an den Lektoren und handeln sich damit Schwierigkeiten ein, die ich abfangen muss. Ich hatte zum Beispiel mal einen Fall, da hatte der Verleger Bedenken, das Manuskript anzunehmen, und forderte den Autor auf, eine Unbedenklichkeitsbescheinigung beizubringen. Der Autor beauftragte mich, wohl weil er hoffte, dass ich nicht so kritisch bin, wenn er mich bezahlt. Ich habe den beiden geraten, das Werk nicht zu publizieren, da unter anderem, seitenlange Artikel aus dem FOCUS darin steckten. Der Verleger war mir dann so dankbar, dass ich diesen Schaden von ihm gewandt hatte, dass er ein Extra-Honorar ausgab.

Wird sich durch Aktivitäten wie „VroniPlag Wiki“ etwas nennenswertes im Umgang mit fremden Quellen ändern, oder werden die möglichen Verletzer sich darauf einstellen und einfach subtiler werden?

Martin Heidingsfelder: Es bleibt abzuwarten, wie lange solche spektakulären, öffentlich bekannten Fälle nachwirken. Im historischen Kontext ist das sicher sehr interessant, zu untersuchen welche Effekte auf Promotionsleistungen diese Skandale haben. Vielleicht schreibt irgendwann mal einer eine Doktorarbeit darüber. Übrigens habe ich bei meinen Bibliotheksrecherchen die Erfahrung gemacht: je bekannter eine Person, desto abgegriffener die Dissertation. Persönlich glaube ich: die Botschaft ist angekommen, und jeder, der heute richtig Karriere machen will, wird es sich gut überlegen, wie er mit seinen Quellen umgeht.

Ihr Spruch zum aktuellen Fall Schavan?

Martin Heidingsfelder: Schuldig. Ich fordere seit dem 7. Mai ihren Rücktritt, und ich fordere jetzt den schnellen Rücktritt. Es sind keine entlastenden Belege hinzugekommen – im Gegenteil zeigte sich, dass von „Jugendsünden“ keine Rede mehr sein kann. Dieser sorglose Umgang mit fremdem geistigem Eigentum zieht sich durch noch bis in Frau Dr. Schavans fünftes Lebensjahrzehnt.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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