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Anton G. Leitner: Sie wissen, wie man Lyrik verkauft – verraten Sie es auch unseren Buchhändlern?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an DAS GEDICHT-Herausgeber Anton G. Leitner.

Anton G. Leitner, geboren 1961 in München, hängte vor 20 Jahren seine Juristenlaufbahn im öffentlichen Dienst an den Nagel, um DAS GEDICHT zu begründen, eine Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik. Mit Wortgewalt und Energie gelang es ihm, seinem Projekt nachhaltig Gehör zu verschaffen und prominente Partner wie Matthias Politycki zu binden. DAS GEDICHT feiert in diesen Tagen unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit Jubliäum.

Anton G. Leitner, Sie sind mit Ihrer Zeitschrift und Ihrem Webprojekt „DAS GEDICHT“ seit 20 Jahren auf dem Markt. Mindestens ebenso lange gilt im Handel Lyrik als Synonym für „unverkäuflich“. Wie überleben Sie?

Anton G. Leitner
© Boerboom&Vogt

Anton G. Leitner: Letztlich dank der Leserinnen und Leser, die unser Heft direkt beziehen. Wir haben einen hervorragenden Stamm von Abonnenten, die uns teilweise seit zwanzig Jahren treu sind. Manche von ihnen kommen bis aus Kanada, um an unseren Lyrik-Seminaren teilzunehmen. Die Poesie hat überall gute Freunde, das können ganz einfache Leute sein, aber auch einflussreiche Medienvertreter, Politiker – unter unseren Abonnenten haben wir auch einige prominente Bundespolitiker. Ein Bankvorstand hat mir ehrenamtlich dabei geholfen, eine Krise in meinem Verlag zu überstehen. Als ich ihn fragte, warum, stellte sich heraus, dass er ein großer Lyrik-Liebhaber ist. So etwas vergessen Buchhändler leider manchmal. Wir verzichten auf jegliche Subventionierung, unser Projekt funktioniert bis heute aus sich heraus. Immerhin sind unsere jährlichen Erlöse gut sechsstellig und ernähren eine fest angestellte Kraft sowie teilweise auch vier freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich selbst entnehme mir bis heute kein Gehalt, da meine Frau, die Ärztin ist, für unseren Lebensunterhalt sorgt. Allerdings ergänzen wir unser Verkaufs- und Anzeigengeschäft durch Aktivitäten und Dienstleistungen im Umfeld – etwa durch Lektorats-Gutachten, durch anthologische Editionen oder Beratung von Verlagen und anderen Institutionen im Lyrikbereich. So haben wir schon beide christlichen Konfessionen beraten und z. B. die „Große Nacht der Poesie“ für den Ökumenischen Kirchentag 2010 in München entwickelt. Außerdem publizieren wir Lernhilfen für das Fach Latein.

Nun ist Ihr Projekt ja vielleicht singulär – wie viele erfolgreiche Projekte kann es neben Ihrem geben?

Anton G. Leitner: Die Behauptung, dass Lyrik als solche unverkäuflich sei, ist doch schon längst widerlegt. Einzelne Lyrik-Anthologien von Steffen Jacobs bei Zweitausendeins haben sich über 100.000 mal verkauft, mit all meinen eigenen bisherigen Zusammenstellungen beim dtv habe ich sicherlich die Grenze von 100.000 auch schon überschritten – bei Einzelverkäufen von 5000 bis zu 10.000 Exemplaren. Da könnte doch selbst mancher Prosa-Autor vor Neid erblassen. All diese Leser suchen nicht die akademisch austrainierte Lyrik, die vom Literaturbetrieb oft als die einzig mögliche Lyrik präsentiert und tragischerweise auch prämiert wird. Viele Lyrikleser suchen hingegen das, was Matthias Politycki und ich „Realpoesie“ nennen – eine alltagsnahe Lyrik, bei der auch mal gestaunt oder gelacht werden darf. Das ist die Lyrik, der wir uns als Macher der Zeitschrift DAS GEDICHT mit den Jahren immer mehr verschrieben haben und die uns so erfolgreich macht, auch ohne staatliche Fördermittel. Unser Heft ist ein Schlüsselorgan, das den Weg zu anderen lyrischen Türen aufsperrt. Daher sollten die Buchhändler nicht alle Lyrik oder Literaturzeitschriften als unverkäuflich über einen Kamm scheren, sondern differenzieren und sich lyrischen Projekten gegenüber öffnen, die auch ein konkretes Lesepublikum vor Augen haben. Ich hatte neulich einen Buchhändler am Telefon, der mir erklärte, dass er den Laden neu übernommen habe und schon jetzt genug davon habe, von allen für ein Sortiment gelobt zu werden, das keiner kaufe. So würde er alle Literaturzeitschriften, etwa 70 an der Zahl, abbestellen, weil er es satt habe, sie Jahr für Jahr kostspielig „in die Tonne zu treten“. Viele – auch staatliche – Jurys erwecken den Eindruck, dass Lyrik schwierig oder langweilig ist, und das fliegt uns dann im Handel um die Ohren. Im Literaturbetrieb spielen Ausgrenzung und Futterneid eine zu große Rolle. Auch Robert Gernhardt, den wir als eine Art Vaterfigur zu den lesbaren „Realpoeten“ zählen, wurde anfangs misstrauisch beäugt nach dem Motto „Der braucht keinen Preis, weil er sich ja eh gut verkauft.“

Welche Rolle spielt für Sie der Verkauf im klassischen Buchhandel?

Anton G. Leitner: Früher haben wir bis zu 70 Prozent unserer Auflage über den Buchhandel verkauft. Heute sind es 20-30 Prozent, obwohl wir gute Konditionen geben. Interessanterweise finden wir verständige Gesprächspartner noch eher bei den Abteilungsleitern von Filialisten, die so angefeindet werden, als bei kleineren Buchhandlungen.

Wie schaffen Sie es, präsentiert zu werden?

Anton G. Leitner: Ich würde sagen, wir setzen nicht mehr unbedingt auf die Präsentation im Buchhandel. Kleine Verlage werden dort heute nicht selten ausgelistet. Wir veranstalten Lyrik-Seminare und -Events wie z. B. auf Kirchentagen. Durch eine substantiierte Pressearbeit generieren diese Aktionen so viel öffentliches Interesse, dass die Kunden nach dem buchstarken Heft suchen und fragen – auch im Buchhandel. Jede GEDICHT-Ausgabe hat eine ISBN. Wir sind bei allen Barsortimenten gelistet. Aber warum Buchhändler erst gar nicht in ihrer EDV nachschauen und manchmal den Kunden sagen, DAS GEDICHT gebe es nicht im Buchhandel, ist mir unverständlich.

Mit wie vielen Handelskunden arbeiten Sie regelmäßig zusammen?

Anton G. Leitner: Mit ca. 200 – es waren schon einmal über 1.000. Wir hatten früher einen kleinen Außendienst, den haben wir eingestellt. Die Subventionierung der akademischen Lyrik, die nur ein sehr kleines Publikum anzusprechen vermag, ist sicherlich mit schuld daran.

Was sagen Sie einem Neukunden, um ihn zu überzeugen, dass er Lyrik braucht?

Anton G. Leitner: Ich sage ihm, dass eine Lyrik-Boutique mit ausgewählten Exponaten eine langjährige Kundschaft ansprechen kann. Aber man muss die Sachen eben gut anschauen, die man ins lyrische Sortiment aufnimmt. Der Tisch ist so reich gedeckt, auch – und gerade – im Bereich der Poesie, aber macht Euch die Mühe auszuwählen, bevor Ihr alles in die Tonne tretet und statt Bücher Teddybären verkauft, denn Lyrikleser sind treue Kunden, die auch bereit sind, Geld für Gedichtbände, insbesondere für Sammelbände, auszugeben.

Welche Rolle spielt das Internet für Ihren Absatz?

Anton G. Leitner: Inzwischen eine sehr große, obwohl unsere Web-Aktivitäten nicht alle absatzrelevant sind. Wir waren mit die erste Literaturzeitschrift, die sich schon vor 15 Jahren im Internet getummelt und mit dem Medium experimentiert hat. Neben unserer Website www.dasgedicht.de haben wir einen Blog (www.dasgedichtblog.de) und seit zwei Jahren auch einen eigenen YouTube-Kanal (www.dasgedichtclip.de), der schon über 112.000 mal besucht worden ist. Wir haben bisweilen 1.000 Besucher pro Tag auf allen unseren Websites zusammen. Die meisten besuchen unser Kostenlos-Angebot, aber es vergeht kaum kein Tag ohne Bestellung in unserem Shop. Jedes Mal wenn eine neue Bestellung reinkommt, klingelt es auf meinem Rechner, und heute hat es für die Jubiläumsausgabe schon 25 mal geklingelt, das ist Musik in meinen Ohren!

„Gehen“ Gedichte als bezahlte E-Books, und auf welchen Plattformen laufen sie am besten?

Anton G. Leitner: Ich habe das noch nicht probiert, es gibt aber die Überlegung, es einmal zu versuchen. Wenn E-Book-Publikation, dann mit Zeitversatz, das werden wir mit einer der nächsten Ausgaben antesten. Ich persönlich glaube, die Lyrik braucht das Papier, die Haptik, die Möglichkeit des Rückzugs in die Natur – oder man dreht gleich einen Clip, in dem der Autor liest und quasi schauspielert.

Was wollen Sie im neuen Jahrzehnt anders und besser machen?

Anton G. Leitner: Ob man was besser machen kann? Wir haben alles eingesetzt, was wir an Know-how und Mitteln zur Verfügung haben. Aber natürlich beobachten wir, dass die Digitalisierung voranschreitet. Wir betreiben Social Media. Wir wollen aus elektronischen Diensten Einnahmen generieren: vielleicht eine Gedichte-App? Wir wollen unser Team jung halten, damit auch unsere Leserschaft sich verjüngt.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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