
Thomas Wrensch,
Matthias Ulmer
Zum zweiten Mal tagte das Branchenparlament zu seiner 11. Zusammenkunft im Haus des Buches in Frankfurt. Im Präsidium hatten Parlamentspräsident Matthias Ulmer sowie Stefan Könemann und Thomas Wrensch Platz genommen.
Matthias Ulmer bemerkte, dass fast alle Parlamentarier der Einladung gefolgt waren. Er sprach gleich zu Beginn neue Vorhaben an. Die Nachwuchsparlamentarier sollen stärker einbezogen werden, man wolle sich in der Debatte auf Kernthemen konzentrieren. Heutige Ausnahme sei das Buchmarketing.
Ulmer erzählte die Geschichte vom vermeintlich „guten Alten“ am Beispiel der Landwirtschaft. Dabei gehe es nicht um eine Frage von kleinen oder großen Betrieben, nicht um traditionelle oder moderne Methoden. Vielmehr gehe es um Identifikation mit dem Beruf und Zukunftsorientierung – eine Parallele, die durchaus auf die Buchbranche anwendbar sein könne.
Nach der Ehrung von Wolf Dieter Eggert stand als erstes Thema der E-Book-Verkauf auf der Tagesordnung. Dazu hielt Detlef Büttner, Lehmanns, einen Initiativvortrag aus Sicht des Sortimenter-Ausschusses. „Wir stehen am Anfang des Digitalisierungsprozesses“, sagte er und fragte zugleich: „Hält der Verband das aus?“ Branchenpartner seien nicht mehr deutlich unterscheidbar, weitere Mitbewerber kämen hinzu. Anhand einer Präsentation erläuterte Büttner, wie ein Fachbuchhändler von der Bevölkerung wahrgenommen werde. Der Referent schlussfolgerte: „Die Einstellung im Kopf des Kunden müssen wir ändern.“
E-Books seien integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie von Lehmanns. Doch die Umstellung entwickle sich nicht schnell und schon gar nicht im Selbstlauf. Aber sie gelinge, beispielsweise im B2B-Bereich. Das Internet-Geschäft konnte gesteigert werden.
Büttner verwies daneben auch auf den Piracy-Report von Gutenberg 3.0: „Es wird einem übel dabei, was an Werteverlust zu registrieren ist“, sagte er.
Im Marketing unternehme Lehmanns viel für die Verbreitung des E-Books, sowohl im Laden selbst als auch auf den Internetseiten des Unternehmens. „Doch bei der Adobe-DRM-Auswahl liegt der Hund begraben“, konstatierte Büttner und bemängelte fehlende Software, falsche Autorisierung und unterschiedliche Rechte. Amazon sei der Branche weit voraus, das sei für das Sortiment ein riesiger strategischer Nachteil. Eine schnelle Lösung sei nicht in Sicht.
Büttner konstatierte für Lehmanns ein Prozent Umsatzanteil bei E-Books für Endkunden. „Das ist nicht viel, aber wir sind präsent“, unterstrich er und fügte hinzu, dass der Anteil bei Fachbüchern wesentlich höher liege. „Wir brauchen den Willen, unsere eigene Plattform zu verbessern“, forderte Büttner. „Der Handel wird in Summe nicht vom Print existieren können“, prophezeite der Geschäftsführer.
In der Diskussion meldete sich Ronald Schild, MVB, zu Wort: „Der Handel hat zurzeit kaum Chancen im E-Book-Bereich.“ Das sei auf mangelnden Service und kundenunfreundliche Bedienbarkeit zurückzuführen. Der Vorteil jedoch bestehe in der Freiheit der Auswahl von Geräten und E-Books. So werden bei libreka! E-Books dauerhaft zur Verfügung gestellt, wenn sie auch im Original vom Verlag dauerhaft geliefert würden. 90 Prozent aller Kundenanfragen bezögen sich auf DRM. Eine gute Entscheidung wäre es deshalb, E-Books mit „weichem“ DRM anzubieten. Die Verlage Lübbe und Hanser würden das bereits umsetzen.
„Beim E-Book-Thema ist wichtig, dass unsere Partner nicht zur Konkurrenz werden“, postulierte Thomas Wrensch und verlas einen entsprechenden Appell [mehr…], [mehr…]
Die nächste Diskussion beschäftigte sich mit VLB-Daten für den Buchhandel. Dazu legte Hermann-Arndt Riethmüller den Bericht der Arbeitsgruppe vor. Als Beispiel stellte Riethmüller seinen eigenen Versuch, ein Werk des diesjährigen Friedenspreisträgers Liao Yiwu über das Internet zu kaufen, voran. Er scheiterte. „Die Kernkompetenz der Buchhändler geht im Netz verloren“, stellte Riethmüller fest und forderte, hier gegenzusteuern.
Die Arbeitsgruppe empfehle eine drastische Senkung der VLB-Nutzungskosten und eine sortimentsgrößenabhängige VLB-Gebührenordnung. Dabei sollten Mitgliedern des Börsenvereins Vergünstigungen eingeräumt werden. Künftig sollten regelmäßig Gespräche zur Erarbeitung von Datensätzen stattfinden.
Dem schloss sich der AkS an. Der Sortimentsbuchhandel sei im Internet angekommen. Er wolle die Entwicklung mitgestalten und nicht nur hinterherlaufen.
Deshalb müssten alle Buchhändler auch im Internet auftreten, es müsse eine Oberfläche geben, die auch E-Books integriere. Die Datenangaben müssten entsprechend optimiert werden, ein konkrete Angabe zur Verfügbarkeit sei wünschenswert.
Entsprechend werde eine Maßnahmenkatalog vorgeschlagen:
• Das stationäre Sortiment muss in die Lage versetzt werden, alles anzubieten.
• Die MVB verzichtet auf einen konkurrierenden Webshop.
• VLB-Daten werden zu einem günstigen Preis zur Verfügung gestellt.
• Die Sortimenter integrieren die VLB-Daten.
• Die Sortimenter stellen die Beschaffung der Bücher sicher.
Anschließend entspann sich eine Diskussion über „Datenschrott“. Ronald Schild bemerkte dazu, dass die Verlage bei Titeln, bei denen keine Bewegung zu verzeichnen ist, angeschrieben werden. Er versprach auch: „Die MVB wird sich den Barsortimentern verstärkt zuwenden.“
Dieter Dausien forderte Verbesserungen beim VLB bezüglich korrekter Daten, richtete jedoch gleichzeitig einen Appell an die Verlage, ihre Daten entsprechend zu pflegen. Es könne nicht sein, dass „ein branchenfremder Gemischtwarenhändler mit seinem Titelverzeichnis die Kernkompetenz des Buchhandels übernimmt.“
Riethmüller regte an, eine Gruppe aus allen Sparten zu schaffen, die Regeln für die Meta-Daten aufstellt. Dem schloss sich Büttner an, denn „die VLB-Daten sind in der Tiefe beklagenswert“. Hier müsse sich dringend etwas ändern.
„Wir sollten gemeinsam handeln, denn jeder, der das Sortiment nicht unterstützt, sägt am eigenen Ast“, ergänzte Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. Ein Appell zum Einsatz einer entsprechenden Arbeitsgruppe wurde einstimmig verabschiedet.
Das Prinzip Buch wurde als drittes Thema diskutiert. Dazu nahm Matthias Ulmer Stellung und forderte ein klares Bild dieser Formulierung als Kern einer CI des Verbandes.
Er stellte folgende Punkte zur Erläuterung des Prinzips Buch auf: Es müsse sich dabei um
• Fokussierung (sowohl des Autors als auch des Lesers),
• Textlichkeit
• Abgeschlossenheit
• Storytelling
handeln. Ulmer verhehlte nicht: „An den Rändern des Themas ‚Prinzip Buch’ werden Anforderungen an uns selbst in Frage gestellt.“ Als Beispiel nannte er Satzarbeiten, die Verlage von Autoren verlangten, oder den Verkauf von Nonbooks im Sortiment.
Ulmer bat den Vorstand, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, die aus Spartenmitgliedern und Experten bestehen sollte. Ein Bericht müsste bis zum nächsten Parlament vorliegen. Dieser Appell wurde mit fünf Enthaltungen angenommen.
Den Bericht über SPIEGEL-Bestenlisten erstattete Dr. Frank Sambeth, Random House. Ein Appell des Branchenparlaments für die verstärkte Arbeit mit der dritten Liste (Kultur SPIEGEL Paperback-Bestseller) wurde dahingehend erweitert, dass alle Listen weiterhin Berücksichtigung finden. Der Appell wurde mit einer Ablehnung und sieben Enthaltungen angenommen.
Zur künftigen Marketingstrategie des Branchenverbandes stellte Alexander Skipis die Kooperationspartner sowie die Kampagne und ihre mögliche Umsetzung in ersten Entwürfen vor. Man plane den Kick-off für die Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2013. Einige Parlamentarier baten schnellstmöglich um Zahlen – es gehe schließlich um das Werbebudget für das kommende Jahr. Das müsse rechtzeitig beschlossen werden.
Mattias Ulmer nannte den Start einer Marketingkampagne vor dem Beschluss durch die Hauptversammlung des Börsenvereins „prima und mutig“.
Alle Appelle wurden abschließend an Viola Taube, stellvertretende Vorsteherin des Börsenvereins, übergeben.
JF







