Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Vitolibro-Verleger Vito von Eichborn.
Vito von Eichborn, geboren 1943 in Magdeburg, Journalist und Lektor bei Fischer, 1980 Gründer des Eichborn Verlags, der 1996 „sein Kind verließ“, wie er heute sagt, fängt mal wieder etwas Neues an. Nachdem der „Verlag mit der Fliege“ nun von Lübbe aus dem Konkurs gekauft wurde, startet er Vitolibro, den „Verlag mit dem Flieger“.
Vito von Eichborn, Sie sind einer der wenigen Verleger, deren Auftritte die Branchenpresse mit einer Intensität verfolgt, die sonst Paparazzi an den Tag legen. Warum wohl?

Vito von Eichborn: Vielleicht weil ich es gewohnt bin, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und nicht immer dasselbe erzähle wie alle? Oder weil mein Motto heißt: Das tut man nicht?
Sie haben einige Jahre in Mallorca gelebt – oder sagt man „auf“?
Vito von Eichborn: „…in“ oder „auf“ – Land oder Insel…
… einigermaßen komfortabel, nehme ich an?
Vito von Eichborn: Ich habe mich zwei Jahre lang abgeschieden. Ich hatte eine Mühle gemietet. Das tollste war der unglaubliche 360°-Rundblick von der Terrasse – der hat mich umgehauen jeden Morgen, wenn ich aufstand. Das Ganze lag gar nicht weit weg von Palma, also mittendrin. Ich habe viel erlebt und endlos Leute kennengelernt, hab einen Autorenkreis gegründet, drei Mallorcabücher verlegt und diese Multikulti-Insel sehr schätzen gelernt. Dann hat Mare mich dankenswerterweise angesprochen – gerade habe ich das Manuskript für „Mein Mallorca“ abgeliefert, das im Frühjahr erscheint.
Wie sind Ihre Spanisch-Kenntnisse?
Vito von Eichborn: Mein Spanisch ist ganz gut, mit Mallorquin ist es nicht weit her.
Im Herbst 2011 ließen Sie verkünden, Sie seien zurück in Deutschland. Sicherlich nicht, um Außenlektor für „Leichborn“ zu werden, das hätten Sie von Mallorca aus auch komfortabel erledigen können…
Vito von Eichborn: Hört sich ja schrecklich an. Aber es hieß, der Niedergang begann, als ich weg war. Hört man ja gerne. Jetzt habe ich wieder angefangen, einen kleinen Verlag zu machen.
Ihre neue verlegerische Identität heißt „Vitolibro“ – nachdem der Nachname weg ist, muss der Vorname herhalten? Was ist in der Vitolibro-DNA drin außer dem alten jungen Eichborn-Spirit, den Lübbe ja nun zu vermarkten versucht?
Vito von Eichborn: (lacht) Schauen Sie die Vorschau auf meiner Webseite www.vitolibro.de an. Ich bin heute nicht auf den Feldern Humor und Geschenkbuch unterwegs, sondern auf dem der zu Unrecht vergriffenen Bücher. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich bei Eichborn mit Literatur anfing, nicht mit Humor. Dann musste ich aber feststellen, dass die großen Verlage das besser können, die haben einige Jahre länger geübt. Wenn man als Verleger neu anfängt, findet man keinen Autor, der richtig was kann. Und selbst wenn man einen fände, könnte man es ihm gar nicht empfehlen, dazubleiben. Als Verlag muss man erst ein paar Jahre Aufbauarbeit leisten, bis man das leisten kann, was ein Autor verlangen muss.
Für einen Verleger ist das aber eine abgeklärte Haltung…
Vito von Eichborn: Eine realistische. Ein Autor hat nur das Interesse, dass sein Werk möglichst weit verbreitet wird. Das kann ich übrigens auch als Agent verwirklichen – was ich quasi nebenbei auch tat und immer noch mache.
Eigentlich erweisen Sie sich bei Ihrem vitolibro-Herbstprogramm als 37,5% Verleger…
Vito von Eichborn: Ja, das ist natürlich auch eine Kapitalfrage. Diese Neuausgaben mit kleinstem Geld und völlig ohne Apparat zu realisieren, damit hat man schon genug zu tun. Aber es macht einen Riesenspaß, weil ich die Bücher toll finde.
Von den acht angekündigten Novitäten wollen Sie fünf nur dann drucken, wenn Sie genügend Vorbestellungen haben. Funktioniert das?
Vito von Eichborn: Nein. Ich habe kleine Auflagen gedruckt. Der größte Teil des Buchhandels hat das Konzept nicht verstanden und macht nicht mit. Ich habe sehr schöne Bestellungen in der Schweiz und Österreich, ganz ordentlich auch im Norden und Westen, aber in Süddeutschland wurde praktisch nichts verkauft. Das verstehe ich nicht. Diese Bücher gibt es nicht bei Amazon oder den Kettenbuchhändlern. Ich dachte auch, die Buchhändler kennen die Inhalte, zum Beispiel aus der Anderen Bibliothek, den Enzensberger, den Heiligenkalender, bei den Lesern sind das Desiderate, auch Tante Linas Kriegskochbuch und die literarischen Werke. Aber der Buchhandel ist so eingefahren und verängstigt, er nimmt nur noch, was geht, irgendwelche Barsortiments-Pakete; aber das Unternehmerische, das Selbstdenken, das Selbstlesen, das gibt’s offensichtlich nicht mehr. Im Frühjahr erscheinen in der Reihe keine Titel, ich bastle an Projekten für den nächsten Herbst. Zusätzlich arbeite ich an einer E-Book-und Pod-Plattform für Wiederentdeckungen.
Warum tun Sie sich das an, warum lassen Sie es nicht?
Vito von Eichborn: Weil ich es nicht lassen kann, weil ich an die Inhalte glaube. Wenn der Buchhandel nicht mitspielt, muss ich mir halt was anderes einfallen lassen. Ich dachte, bei der Breite des vorhandenen Angebots an geistigen Tankstellen würden meine Bücher die Aufmerksamkeit finden, die sie brauchen. Aber das war wohl ein Trugschluss, die meisten sind nur noch Tankstellen.
Mit der Reihe „limit 1000“ stellen Sie sich dezidiert an die Seite des unabhängigen Buchhandels. Wer ist das genau?
Vito von Eichborn: Ich hatte ursprünglich den Traum, zwei Dutzend Buchhandlungen zu finden, die die passende Größe haben, um in ihrem Gebiet gute Bücher verkaufen zu können. Die sollten schon bei der Programmplanung und über Vorbestellungen mitmachen und dann in ihrem Gebiet eine Art Exklusivität bekommen. Als das nicht ging, habe ich die Titel breit angeboten, aber auch das hat nicht funktioniert. Immerhin gibt es im Bundesgebiet etwa 50 Buchhandlungen, die halbwegs dabei sind, aber das reicht nicht. Jetzt habe ich noch ein paar hundert Exemplare aller Titel am Lager – aber wenn die limitierten Titel wie die Andere Bibel oder die Enzensberger-Anthologie nicht bald weggingen, würde ich mich wundern. Dann sind sie, wie versprochen, bei mir vergriffen.
Wenn man sein altes Schiff Fahrt aufnehmen sieht und bleibt selbst auf einem Holzfloß zurück – kommt da ein Captain-Bligh-Gefühl auf?
Vito von Eichborn: Nöö, das ist doch so lange her, dass ich bei Eichborn raus bin. Auszusteigen war der Fehler meines Lebens, aber aus meiner gesamten damaligen Situation heraus ging es nicht anders. Ich freue mich, es sieht ja so aus, als ob Lübbe das ganz gut hinkriegt. Lübbe und Eichborn passen gut zusammen: Ich habe immer vertikal gedacht, nicht horizontal. Ich habe Literatur gern, mag aber auch einen guten Witz. Intellektuelle denken üblicherweise horizontal, die kommen mit Niveau-Unterschieden nicht klar. Das Leben ist aber so, und warum sollten die Bücher nicht auch so sein?

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.






