Selten hat ein Unternehmer die geschichtliche und wirtschaftlich-industrielle Entwicklung einer Stadt, der umliegenden Region und sogar der Nation so nachhaltig geprägt wie der am 8. Juli 1838 in Konstanz geborene Ferdinand Graf von Zeppelin.
Dessen visionäre Luftschiffproduktion ist Ausgangspunkt für milliardenschwere international ausgerichtete Industrieunternehmen wie Tognum, EADS mit ihren Töchtern Astrium und Cassidian sowie die ZF Friedrichshafen AG und die ZEPPELIN GmbH. Um Zeppelins segensreiche Errungenschaften und Leistungen zu würdigen, feiert die Stadt Friedrichshafen in diesem Jahr zusammen mit dem ZEPPELIN Konzern den 175. Geburtstag des adligen Visionärs mit vielen bunten kulturellen Highlights.
Rund 250.000 EUR lässt der Konzern hierfür springen. Doch obwohl eine vielfältige Publizistik zum Erbe Graf Zeppelins vorliegt, darunter auch der soeben erschienene historische Tatsachenroman von Gunter Haug Ferdinand Graf von Zeppelin, zieht dieses Großereignis am Buchhandel leider bodenseebreit vorüber.
Margrit Philipp sprach für BuchMarkt mit Martina Kraus, Filialleiterin der Buchhandlung RavensBuch in Friedrichshafen, und fragte bei dieser Gelegenheit nach verpassten Chancen zur Stützung der örtlichen Buchhandelskultur.
BuchMarkt: Frau Kraus, weshalb sind Sie – und mit Ihnen der gesamte städtische Buchhandel – konzeptionell in das Fest- und Veranstaltungsprogramm „175 Jahre Graf Zeppelin“ nicht eingebunden worden?

Martina Kraus: Ganz einfach: Wir wurden bis heute nicht gefragt. Ebenso wie wir in die Planungen des Stadtmarketings Friedrichshafens traditionell nicht einbezogen werden. Dabei verfügen wir über das erforderliche Know-how für kreative Konzeptentwicklung – auch in der Durchführung nationaler Kampagnen, wie sie in diesem Falle durchaus angezeigt gewesen wäre.
Was also hätten Sie von den Veranstaltern erwartet?
Wir hätten uns gewünscht, dass in diesem opulenten Fest-Etat Mittel beispielsweise für eine „Zeppelin Lesenacht“ in allen Friedrichshafener Buchhandlungen, die Ausstattung unserer Geschäfte mit Deko-Sets, Fest-Broschüren und finanzielle Unterstützung für Leseveranstaltungen mit ausgewiesenen Autoren zur Verfügung gestellt worden wäre. Hiermit hätte auch die historisch-kritische Reflektion des Wirkens Graf Zeppelins, wie sie in der Geburtstagssausstellung des Friedrichshafener Zeppelin Museums zu finden ist, intensiviert stattfinden können.
Bei aller Zeppelin-Euphorie der städtischen Feierlichkeiten darf nicht vergessen werden, dass der große Pionier der Luftschifffahrt, der motivierende Unternehmer und stets für das Wohl seiner Mitarbeiter sorgende Ferdinand Graf von Zeppelin als ehemaliger Kavallerieoffizier zugleich ein glühender Kriegsbefürworter war. Es waren Zeppelin-Luftschiffe, die im Ersten Weltkrieg im Dienst der Marine Bombenangriffe über England flogen.
Ist die 175-Jahr-Feier ein zu regional geratenes „Festmanagement by Zeppelin“?
Mit Sicherheit, denn Zeppelin verdankte der unvergleichlichen nationalen Spendenaktion infolge der Luftschiffkatastrophe von Echterdingen im Jahr 1908, dass sein Luftschiffprojekt nicht endgültig gescheitert war. Und auch die Stadt Friedrichshafen verdankt der vom Grafen mit dem Spendengeld ins Leben gerufenen Zeppelin-Stiftung ihren Reichtum als Industriestadt am Bodensee. Der Mythos Zeppelin lebt und es wäre sicherlich auch von nationalem Interesse, wenn dem Grafen z. B. im Rahmen einer nationalen Buchhandelskampagne zeitkritisch gedacht würde. Zudem war er tatkräftiger Befürworter der Bildung seiner Arbeiter und gründete im Rahmen der Zeppelin-Wohlfahrt die erste Bibliothek im Zeppelindorf.
Da Sie auf sich selbst gestellt sind: Was werden Sie in der Buchhandlung zum Zeppelin-Fest veranstalten?
Zeppelin-Bücher sind natürlich Dauerbrenner und in der Buchhandlung mit den wichtigsten Titeln in einer fest installierten Regalfläche dauerhaft präsent. Auch Schaufenster-Dekos gibt es immer wieder übers Jahr verteilt, ebenso Thementische.
Nicht nur der stationäre Buchhandel ist durch das wachsende Online-Geschäft in seiner Existenz bedroht. Welche Verantwortung trägt in dem Zusammenhang städtisches Marketing für den Erhalt der allgemeinen Handelsgeschäfte und insbesondere der Buchhandelskultur – nicht nur in Friedrichshafen?
Werfen wir zunächst einen Blick über die Grenze, nach Österreich. Hier wird der Buchhandel als besonderer Kulturträger eingestuft und staatlich unterstützt. Ebenso kleinere Verlage. Die Buchhandlung RavensBuch führt rund 40 bis 50 Veranstaltungen im Jahr mit hochkarätigen Autoren durch, die sie komplett selbst finanzieren muss. Ebenso die lesefördernden Veranstaltungen für Schulklassen. Eine enorme Kraftanstrengung.
Selbst das Kulturamt veranstaltet Autorenlesungen vollkommen unabhängig vom Buchhandel. Man kann sich zwar an Büchertischen beteiligen, aber das ist ein kaum lohnendes Geschäft und darum geht es uns auch nicht: Uns liegt an gemeinsamer und konzentrierter Planung, die z. B. auch Veranstaltungen wie attraktive Literaturfestivals im Zusammenspiel mit den örtlichen Buchhandlungen ermöglichen könnte, um das buchaffine Publikum von unserer Kompetenz, unserem Leistungsspektrum zu überzeugen, sowie von der kulturellen Bedeutung, sich in den Buchhandlungen Vorort mit Lesestoff zu versorgen.
Und wie steht es denn da um das Thema „buy local“ in der Region, deren Initiator die Buchhandlung RavensBuch ist?
In Ravensburg läuft die Zusammenarbeit mit dem Kulturamt vorbildlich. Diese Aktion, die dem gesamten Einzelhandel dienen soll, wird vom Wirtschaftsforum beispielhaft unterstützt. Überhaupt führen die Ravensburger das Kreativpotenzial der Stadt in ihrer Konzeptarbeit zusammen.
Und in Friedrichshafen?
Hier wurde dem Stadtmarketing im vergangenen Herbst buy local von uns vorgestellt, verbunden mit der Frage nach Zusammenarbeit mit der bestehenden städtischen Handelsförderung „Aktion FN“. Doch bisher haben wir leider keine Antwort erhalten …