15,6 Prozent aller Deutschen und fast ein Viertel der 20- bis 29-Jährigen empfinden Bücherlesen als erotisch – das ist das Ergebnis einer Umfrage, die im Rahmen der Kampagne „Vorsicht Buch!“ im Auftrag des Börsenvereins durchgeführt wurde. Grund genug für die Frankfurter, ein Interview mit Paula Lambert (Foto), Deutschlands bekanntester Sexkolumnistin, über die Sinnlichkeit des Bücherlesens zu führen. Und Männer, die Lesen für reine Zeitverschwendung halten.
Vorsicht Buch: Im Rahmen der Kampagne „Vorsicht Buch!“ werden in regelmäßigen Abständen Zahlen rund ums Bücherlesen erhoben. Dabei kam heraus, dass 15,6 Prozent aller Deutschen Lesen erotisch finden. Hättest Du damit gerechnet?
Paula Lambert: Es gibt ja weniges, was erotischer ist, als ein Mensch, der sein Gehirn benutzt. Lesen ist auch deshalb so sexy, weil es, anders als Fernsehen, eine aktive Tätigkeit ist und die Fantasie anregt. Und deshalb wirken geschriebene erotische Szenen auch länger nach. Die maximale Stimulation. Überhaupt ist einem Menschen ohne Bücher nicht zu trauen. Ich habe ein paar Mal mit Männern angebandelt, die Lesen für reine Zeitverschwendung hielten – diese Herren waren wirklich Zeitverschwendung.

Vorsicht Buch: Wie erklärst Du Dir, dass in der Altersgruppe von 20 bis 29 Jahren der Wert mit 21,4 % sogar am höchsten ist? Auch bei den 14- bis 19-Jährigen sowie bei den 30- bis 49-Jährigen steht Lesen als erotischer Nervenkitzel hoch im Kurs.
Paula Lambert: Bücher helfen, die Persönlichkeit zu entwickeln. Mit Anfang Zwanzig, das wissen wir aus schmerzlicher Eigenerfahrung, ist es besonders wesentlich, sich in irgendeine Richtung zu orientieren. Nichts hilft mehr, als Träume, Frustration und totale Planlosigkeit mit Wissen und Träumen zu füttern, die man in Büchern findet.
Vorsicht Buch: Was macht Deiner Meinung nach die Erotik beim Bücherlesen aus? Ist es ausschließlich der Inhalt der Bücher oder ist das Lesen an sich ein erotisches Erlebnis? Was sind Deine Tipps für einen heißen Abend mit Buch?
Paula Lambert: Das Lesen an sich ist schon ein intimer Akt. Das erklärt auch, warum so viele Menschen am liebsten auf der Toilette lesen – ein Ort, an dem man idealerweise nicht gestört werden kann (Anmerkung: Eine Umfrage im Rahmen von Vorsicht Buch! Im März 2013 ergab, dass 13 % aller Deutschen am liebsten auf der Toilette lesen.) Aber der Inhalt ist natürlich wesentlich. Worte dringen viel mehr ein als bloße Bilder. Und lösen größere Spannung aus. Wer liest, hat eine größere Chance, am gleichen Abend noch mit seinem Partner intim zu werden als jemand, der sich vorher vom Fernseher volldröhnen lässt. Das nur als Tipp.
Vorsicht Buch: Hattest Du eine bestimmte Situation mit einem Buch, die Du als besonders anregend empfunden hast? Inwiefern?
Paula Lambert: Als ich das „Zirkuskind“ von John Irving gelesen habe – darin liest der Protagonist seiner Frau aus James Salters „Ein Spiel und Zeitvertreib“ vor, woraufhin die Ehe einen neuen erotischen Spin erfährt. Das hat mich sehr angesprochen, witzigerweise mehr als Henry Miller oder Anais Nin, deren Lektüre ja direkt ins Lustzentrum geht, ohne noch wild Haken zu schlagen.
Vorsicht Buch: „Vorsicht Buch!“ warnt humorvoll vor der Kraft, die Büchern innewohnt. Wie viel erotische Kraft und Potenzial siehst Du in Büchern und muss es zwangsläufig erotische Literatur sein?
Paula Lambert: Manchmal fühlt man sich beim Lesen plötzlich so verbunden mit den Figuren, dass sich fast so etwas wie eine Liebesbeziehung entwickelt. Dazu muss der Inhalt gar nicht erotisch sein. Es gibt einen Menge Charaktere, die ich sehr gerne mal in echt kennenlernen würde. Smilla zum Beispiel, eine tolle Person. Schwierig, aber interessant und komplex.
Vorsicht Buch: Wie erklärst Du Dir den Erfolg von Shades of Grey, Crossfire & Co.? Denkst Du, der große Erfolg hat dazu beigetragen, dass so viele Menschen Bücherlesen als erotisch empfinden?
Paula Lambert: Die Bücher zielen auf die Instinkte ab, deshalb sind sie so ein Erfolg. Geschrieben sind sie sehr uninteressant, finde ich zumindest. Mich vergnügt dieser Mangel an Sprachwitz überhaupt nicht.