Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Literaturtest-Mitgründer und -geschäftsführer Mathias Voigt.
Mathias Voigt, geboren 1972 in Berlin, hat im Jahr 2000 mit seinem Kompagnon Roland Große Holtforth Literaturtest gegründet. Die Agentur macht PR für Autoren und Bücher, für Verlage und Buchhandlungen. Zu den Tätigkeitsfeldern gehören Pressearbeit, Werbung, Marketing und Social Media. Mit der Marke Literaturfilm ist die Agentur einer der größten Produzenten und Distributeure von Buchtrailern. Aktuell ist Literaturtest auch aktiv in der Konzeption, Gestaltung und Umsetzung digitaler Vorschauen.
Mathias Voigt, wir erleben gerade ein Aufbäumen einer Branche, die sich zunehmend abgehängt sieht – technologisch und marketingtechnisch. Ist dieses „Meine Stadt braucht mich“-Selbstbewusstsein nicht etwas aufgesetzt wie ein Pfeifen im dunklen Wald?

© Sabine Felber
Mathias Voigt: Wir haben die Buchhändler nicht nur fotografiert, wir haben auch mit ihnen gesprochen. Der Optimismus, mit dem diese Leute unterwegs sind, ist geradezu ansteckend. Und das war auch die Idee unserer Kampagne: positive Geschichten zu erzählen von Leuten, die genau wissen, was sie tun und was sie in einem umkämpften Markt noch so alles vorhaben. Vielleicht springt der Funke über – auf andere Händlerkollegen, aber auch auf die Verleger, die möglicherweise noch deutlicher erkennen, welch tolle Partner sie an ihrer Seite haben. Das Selbstbewusstsein der Buchhändler, die wir getroffen haben, ist echt!
Aber es ist doch nicht zu leugnen, dass noble Einzelkämpfer langfristig schlechte Karten haben am Markt…
Mathias Voigt: Wir wollen doch als Konsumenten diese Einzelkämpfer – ihre Läden machen unsere Innenstädte lebenswert. Und die von uns porträtierten Buchhändler beweisen, dass sie diesen „Auftrag“ ernst nehmen – und nicht glauben, bald zum „alten Eisen“ zu gehören. Vielleicht reicht damit ihre Strahlkraft sogar über die Buchbranche hinaus…
… eine Strahlkraft, mit der unsere Branche manchmal etwas fahrlässig umgeht…
Mathias Voigt: Ich denke, ein Problem ist, dass wir die Dinge zu oft kleinreden. Die Buchhandelslandschaft ist in Deutschland nach wie vor so vielfältig, es sind viele Ideen und Initiativen da, es gibt immer noch eine fantastische Vernetzung der Händler vor Ort. Betrachtet man die Kultur- und Kreativwirtschaft, dann landet der gesamte Buchmarkt vom Umsatz her gesehen auf einem guten Mittelfeldplatz, mit teils beachtlichem Vorsprung vor den „Verfolgern“. Das sind Dinge, die man nach außen, aber auch in die Branche tragen sollte. Schreckensszenarien helfen nicht wirklich weiter.
… à la „Die Öffentlichkeit wird noch sehen, was sie davon hat, wenn es keine Buchhandlungen mehr gibt“…
Mathias Voigt: Genau diese Stimmung schadet. Es sind noch viel, viel mehr Buchhändler da draußen, die täglich beweisen, warum es ihre Geschäfte gibt und weiter geben wird. Buchhändler, die trotz hohem Wettbewerbsdruck und unabhängig von der Betriebsgröße an der Zukunft arbeiten, engagiert und kreativ.
Und Ihre Kampagne lässt die Kleinen leuchten – was haben die konkret davon?
Mathias Voigt: In unserer Kampagne leuchten die Buchhändler selbst. Wir porträtieren sie mit unserer Fotografin, und dann folgt ein kurzes Statement der Buchhändler, warum ihre Stadt sie braucht, z. B.: „… weil ich die besten und schönsten Bücher auswähle“ oder „… weil ich für alle unsere Kundinnen und Kunden ein Geheimnis auf Lager habe“. Die Buchhändler können unsere Kampagnenfotos nach Belieben für eigene Zwecke nutzen – und das tun sie auch. Einige zum Beispiel weisen in ihren Social-Media-Kanälen auf die Kampagne hin – mit schöner Resonanz der Kunden.
Wir brauchen also die Mischung, so wie ein gesunder Wald nicht aus regelmäßig gepflanzten gleichhohen Fichten besteht, sondern aus einer „gesunden Mischung“ von Groß und Klein und einer reichen Artenvielfalt?!
Mathias Voigt: Ja, ich glaube, die Mischung ist wichtig. Monokulturen in der Handelslandschaft sind ein Problem – auch für die Produzenten, also die Verlage. Und aus Konsumentenperspektive freut man sich über vitale Einkaufslagen – zu denen eben auch eine Buchhandlung gehört und hoffentlich noch lange gehören wird!
Aber ist es nicht so, dass sich die Branche den Zugang zu begabten Nachwuchskräften verbaut, Menschen, deren Engagement und Kreativität morgen über den Erfolg im Wettbewerb mit anderen Angeboten, Medien und Handelszweigen mitentscheiden werden?
Mathias Voigt: Das ist eine schwierige Frage, die eher an die Buchhändler und Verleger zu richten wäre. Aus Agentursicht bin ich optimistisch, was den Nachwuchs anbelangt. Ich werde hin und wieder eingeladen, in einschlägigen Studiengängen von unserer Arbeit zu erzählen. Die Studenten, die ich dort treffe, sind sehr wach, sehr interessiert. Natürlich braucht es Engagement, Ideen und auch das nötige „Kleingeld“, solche Leute in die Branche zu holen und in ihr zu halten.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalogdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.