
Andrea Wörle wird heute 60 Jahre alt. Rafik Schami gratuliert der Programmleiterin Non Fiction beim dtv zum runden Geburtstag:
Es war auf der Buchmesse 1985. Wir, die Herausgeber der Reihe „Südwind“ schwirrten durch die Hallen und luden jeden, den wir sympathisch fanden, zu einer großen Lesung mit über zehn ausländischen Autorinnen und Autoren in das Haus der „Casa di cultura populare“. Der Name des Lokals versprach auch italienische Gastfreundschaft.
Die herbe Niederlage war kaum auszuhalten. Außer ein paar Verwandten und Freunden war fast niemand gekommen. Fast muss man betonen, weil doch etwa vier Fremde da waren. ein Schriftsteller, ein Journalist und zwei dtv-Mitarbeiter, Andrea Wörle und Lutz Wolff.
Trotzdem haben wir vor ca. fünfzehn Zuhörer(inn)en eine der schönsten Lesungen durchgezogen. Ich habe als Moderator die Kolleg(inn)en eingeführt und auch als Autor meinen Text über den „Beamten Müller“ vorgetragen.
Am Ende der Lesung saßen wir mit unserem Publikum beisammen, redeten und lachten. Andrea Wörle fragte mich so nebenbei, ob ich noch andere Geschichten hätte. Damals hatte ich drei schmale Märchenbücher herausgebracht, die einen gewissen Erfolg hatten, aber alle meine „realistischen“ Romane und Geschichten, die später Welterfolge feiern sollten, waren abgelehnt worden. Die Begründungen habe ich in einem Ordner mit dem Titel: „freundlich geheuchelte Ablehnungen“ aufbewahrt. Die häufigste Begründung lautete: leider (!!!) passt Ihr Buch nicht in unser Programm, dabei hat das Programm eine Breite vom Koch- und Gartenbuch bis Bakunin und Lateinamerika. Es gibt kaum ein deutsches Wort, das mehr missbraucht wird als das Wort leider.
Ich habe Andrea offen dargelegt, dass ich über fünfzehn magische wie realistische Geschichten habe, die von kleinen und großen Verlagen abgelehnt wurden. Ich könnte ihr die Ablehnungen schicken, wenn sie sie lesen möchte. Andrea lachte, nein, sie wolle lieber die Geschichten lesen. Ich kam von meiner selbstironischen Verbitterung herunter und erklärte der Frau, die ich vorher nie gesehen habe, dass ich mit meinen Geschichten deshalb draußen in der Kälte stehe, weil ich, wie auch andere Kolleg(inn)en, weder den Mitleidsbonus noch das Klischee vom armen süßen Ausländer wolle, sondern den Deutschen eine Bereicherung ihrer Kultur anbiete. Jawohl, Bereicherung habe ich gesagt. In der Niederlage wird der Stolz entweder gebrochen oder er bläht sich zum Schutzmantel auf.
Ich stand in jenem Jahr kurz vor der Ausweisung. Und ich wusste nicht, wohin. Syrien hätte für mich Tod oder Gefängnis bedeutet. Ich vergaß die Buchmesse und all die Gespräche und war eher bemüht, mir eine Bleibe im nahen Ausland zu suchen.
Ein paar Wochen später bekam ich ein einen Brief von Andrea Wörle: „Wo bleiben die Geschichten?“ Ich schickte ihr das Manuskript. Die Antwort kam im Januar 1986. Ich werde einen Satz nie vergessen, nicht nur, weil er mich damals in einer Krise traf und mitgeholfen hat, wieder Hoffnung zu schöpfen, sondern weil er mir zeigte, dass Andrea Wörle eine der aufmerksamsten Zuhörerinnen ist, und Zuhören ist eine Voraussetzung für Klugheit und Sensibilität, mit einem Wort für eine exzellente Lektorin.
„Wir möchten das Manuskript aus der Kälte holen und ihm ein Dach über den Kopf geben“. Ein paar Monate später kam der Vertrag. Das Buch wurde für Dezember 1987 geplant, aber es kam erst im Januar 1988. Heute, 25 Jahre später, ist es in der 12. Auflage immer noch auf dem Markt. Also hat Andrea Wörle Recht behalten mit ihrer Vermutung. Und sie war der Grund, weshalb ich bei allen meinen Verträgen auf der Klausel bestanden habe, dass der dtv eine erste Option auf die Taschenbuchrechte bekommt. Denn seit dem Welterfolg mit „Erzähler der Nacht“ und spätestens bei „Die dunkle Seite der Liebe“ haben alle Verlage plötzlich Platz für meine Bücher in ihrem Programm.
Nun bei dieser Erfahrung angekommen frage ich mich: Was hat Andrea Wörle zu einer großen Lektorin gemacht?
Andrea wurde am 24.7.1953 in dem kleinen Ort Seeon geboren – berühmt für die Figur „Muttergottes“, die im bayrischen Staatsmuseum steht, aber auch für ein Kloster, das durch die Benediktiner für „die Schreibkunst“ berühmt wurde. Nach Schule und Gymnasium studierte sie klassische Philologie und Alte Geschichte an der LMU, München und promovierte bei Siegfried Laufer über „Die politische Tätigkeit der Schüler Platons“. 1980 stieg sie beim dtv als Lektorin für Belletristik ein. Sie betreute die Werke bedeutender Autoren wie Fay Weldon. T.C. Boyle und Alice Schwarzer. Sie gab aber auch erfolgreiche Bücher wie die Reihe „Frauen in …“ heraus, mit einer Gesamtauflage von 750.000. Sie engagierte sich auch im Betriebsrat für die Rechte ihrer Kolleg(inn)en und wurde so respektiert und geschätzt, dass sie über vier Wahlperioden (1981-1993) als Betriebsratsvorsitzende gewählt wurde.
Wagemutig wie sie war, wollte sie sich nicht auf den Lorbeeren der Erfolge der schönen Literatur ruhen, sondern übernahm 1994 die Leitung des Wissenschaftslektorates. Seit 1995 ist sie Cheflektorin des Programmbereichs Non Fiction.
Das sind Eckdaten, Stationen ihres beruflichen Lebens. Aber sie erklären kaum, was Andrea Wörle zu einer guten Lektorin machte. Der Lektorberuf ist sehr kompliziert. Anders als der Übersetzer, der ja die Geschichte neu erzählen muss, ist der Lektor eine Kombination aus Trainer, Vorkoster, Literaturagent, Literaturkritiker und Psychologe. Er muss eine Geschichte nicht erfinden können, aber er muss sie lesbar machen, in Zusammenarbeit mit den Autoren das Beste aus dem Gegebenen herauskristallisieren. Das gilt nicht nur für junge und unerfahrene Autor(inn)en. Je bekannter ein Autor ist, umso notwendiger ist ein strenger Lektor. Und es ist für mich unverständlich, dass die Namen der Lektoren nicht die Bücher schmücken.
Seit über 25 Jahren treffen wir uns, Andrea und ich, Jahr für Jahr auf der Buchmesse. Wir ziehen uns für eine halbe Stunde zum „Lästern mit Kaffee“ zurück. Das Gespräch ist spannend. Wir ergänzen uns – sie mit ihrem internen und ich mit dem externen Blick eines nomadisierenden Autors.
Manchmal wollte ich sie fragen, wann sie esse oder schlafe, weil ich von ihren anderen literarischen und gesellschaftlichen Aktivitäten wusste. Sie ist mit vielen ehrenamtlichen Aufgaben vertraut: Seit über 20 Jahren wirkt sie in der Projektgruppe Münchner Bücherschau mit, seit 19 Jahren ist sie ehrenamtliche Prüferin bei den mündlichen Prüfungen im Ausbildungsberuf Buchhändler/in bei der IHK München/Oberbayern und ist dazu noch Dozentin an der LMU (Buchwissenschaften). Aber ich fragte sie nie, weil ich mich fürchtete, dass sie mir dieselbe Frage stellen würde, auf die ich keine Antwort besitze.
Deshalb wünsche ich Andrea Kraft, Gesundheit und etwas mehr Lachen. Und mir den nächsten Espresso mit ihr auf der Buchmesse.
Wer auch gratulieren möchte: woerle.andrea@dtv.de
Möchten auch Sie jemandem aus Ihrer Buchhandlung/Ihrem Verlag zum „Runden Geburtstag“ gratulieren? Dann mailen Sie uns einen kleinen Text und ein Foto des Jubilars/der Jubilarin: redaktion@buchmarkt.de , Stichwort: Runde Geburtstage