Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Josef Stahl, Geschäftsleiter KIDOH in der Verlagsgruppe Weltbild.
Direktmarketingspezialist Josef Stahl, geboren 1966, kam über Stationen als Geschäftsführer in der Zeitschriftenbranche Living&More, Bayard Media zu Weltbild. Seit 2006 leitet er die Geschäfte des 2002 übernommenen Spielzeug- und Lernmittelversenders KIDOH.
Josef Stahl, nach VTech, Oregon Scientific und LexiBook nun auch Weltbild mit einem Kinder-Tablet. Ihre Werbung zeigt Vorschulkinder, die begeistert auf bunten Bildschirmen herumpatschen. Dass Kids auf Tablets auch Bücher lesen könnten, kommt nur ganz am Rand vor. Sieht so Leseförderung beim größten Buchhändler Deutschlands aus?

Josef Stahl: Unsere Werbung zielt darauf ab, dass jedes Vorschulkind mit einem Tablet umgehen kann. Die Idee der Leseförderung stand nicht im Vordergrund unseres Marketingkonzepts, obwohl über die vorinstallierten Apps einige Kinderprodukte –auch Kinderbücher – sofort nutzbar sind.
Für ein Vorschulkinder-Tablet sieht das Design ganz schön konventionell aus, und der Preis ist mit € 149,- ausgesprochen stolz – was bietet das Gerät Besonderes, um den Preis zu rechtfertigen?
Josef Stahl: Wir haben natürlich die marktbegleitenden Produkte im Angebot gehabt und versuchen uns positiv von diesen abzuheben. Unser „Tablet PC Junior plus“ ist für alle Altersgruppen geeignet, daher das neutrale Design. Mein 17-jähriger nimmt es für Youtube-Videos genau so gern in die Hand wie meine 12-jährige zum Spielen. Unsere Marktforschung hat sogar ergeben, dass das neutrale Design ein Plus auch in der jüngeren Zielgruppe ist. Tablets sind für uns mediennahe Plattformen, ähnlich wie Nintendo-Konsolen. Wir sehen aber, dass Tablets gegenüber Konsolen Vorteile haben, denn sie sind multifunktional. Die Kinder können sich im Internet austoben und umsehen. Sie können sich aber auch für die Schule vorbereiten oder ein E-Book lesen. Dabei hat unser Tablet einen Vorsprung gegenüber den Mitbewerbern, wenn es um die Förderung von Medienkompetenz geht. Die Kinder müssen lernen, mit dem Internet umzugehen. Die Frage, ab welchem Alter ein Kind für interaktive Bildschirm-Medien reif ist, bekommen wir von unseren Kunden immer wieder gestellt. Teils beschäftigen sich schon Kinderwagenkinder mit Tablets. Bei Konsolen ist der Druck bereits im Kindergarten so massiv, dass viele Eltern es ihren Kindern nur schwer vermitteln können, warum sie ihnen keine kaufen. Unser Tablet hat das ausgereifteste Kinderschutzprogramm, dabei ist es technisch völlig offen, hat W-LAN, einen USB-Anschluss, einen Webbrowser. Nur dass die Eltern sowohl die Nutzungszeit als auch die genutzten Bereiche und Transaktionen ebenso sensibel wie effektiv begrenzen können.
Ihre Verkaufsargumente könnte man mit dem Leninwort „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“ zusammenfassen. Wie soll da in Kinderköpfen echte Medienkompetenz wachsen?
Josef Stahl: Unser Tablet ist so konzipiert, dass die elterliche Aufsicht ausgeübt, aber auch jederzeit gelockert werden kann.
Ist der „Tablet PC Junior plus“ der Auftakt zu einem Programm von Kinder-Apps – wird Weltbild jetzt zur Software-Schmiede?
Josef Stahl: Nein wir verstehen uns nicht als Softwareschmiede, wir wollen unseren Kunden beste Hardware zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten.
Ist der tolino-Shop vorinstalliert?
Josef Stahl: Sie können über die vorinstallierte Weltbild-Lese-App auf den tolino-Shop zugreifen wie jedes andere Android-Tablet auch.
Kann der Anwender Daten in die Telekom-Cloud hochladen?
Josef Stahl: Das versteht sich von selbst, wir bieten kein geschlossenes, sondern ein offenes System. Der „Tablet PC Junior plus“ steht einem Erwachsenen-Tablet leistungsmäßig und von der Konnektivität her in nichts nach.
Zielen Sie am Ende gar nicht auf Kinder ab, sondern auf Menschen, die von sich selbst glauben, sie seien für ein „normales“ Tablet nicht gescheit genug?
Josef Stahl: Er i s t ein normales Tablet, daher ist er nicht als reines Kinder-Tablet zu verstehen.
Planen Sie das Gerät in den Handel zu bringen, oder vermarkten Sie es ausschließlich in den eigenen Kanälen?
Josef Stahl: Dieses Gerät ist zunächst zum Vorteil unserer eigenen Kunden konzipiert, damit vertreiben wir es gegenwärtig ausschließlich unter den eigenen Marken. Bei KIDOH ist es das bestverkaufte Produkt. Die Margen sind höher als bei Handelsware. Wir sehen Kinder-Konsolen auf dem absteigenden Ast, die Kids wollen heute keine kommunikationsunfähigen Geräte mehr.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Stammdaten und deren Qualitätssicherung sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.