Mit dem Wallstein-Verlag hat Thedel von Wallmoden eines der herausragenden Editionshäuser der Republik geschaffen, ein Verlag, der auch in Sachen Buchkunst immer wieder Maßstäbe setzt. Wen wundert’s, bis 2011 war von Wallmoden auch Vorsitzender der Stiftung Buchkunst. Seine morgen startende Reihe Ästhetik des Buches (siehe auch Buchmarkt 7/2013) macht explizit auf die einzigartigen Qualitäten des gedruckten Buches aufmerksam.
BuchMarkt: Sie starten morgen eine Reihe Ästhetik des Buches – ein leidenschaftliches Plädoyer für das gedruckte Buch. Haben Sie nicht Angst, als Ewiggestriger bei der E-Book-Fraktion abgeschrieben zu werden?

Thedel von Wallmoden: Wallstein war immer ein extrem technik-affiner Verlag, dessen Gründung gar nicht ohne die technologische Innovation des Desktop-Publishing möglich gewesen wäre. Wenn ein Verlag die Digitalisierung der Gutenberg Galaxis vorangetrieben hat, dann ist es Wallstein. Selbstverständlich gehören auch E-Books zu unserem Angebot.
Fassen wir doch mal die einzigartigen Qualitäten des gedruckten Buches zusammen, die die neue Wallstein-Reihe so prägnant herausstellen wird…
Für einen Verlag sollte die Frage nach Qualität und Bedeutung der Inhalte im Vordergrund stehen. Die mediale Präsentationsform ist wichtig, aber keineswegs entscheidend. Das gedruckte Buch hat den Vorzug, komplexe diskursive Inhalte in einer seit Jahrhunderten erprobten Form darstellen zu können, die den wahrnehmungsphysiologischen und kognitionspsychologischen Voraussetzungen des Menschen am besten entspricht. Auf dieser Basis wurden Schriften, Typographie, Drucktechniken, Papier und Buchverarbeitung permanent weiterentwickelt und verfeinert. Das gedruckte Buch ist ein komplexes Ensemble von Funktionen und Leistungsmerkmalen, das sich nicht darauf reduzieren lässt, eine beliebige Menge von Zeichen auf einer beliebigen Fläche unterzubringen, denn mehr können die meisten E-Books heute noch nicht.
Ein Wort zu den Autoren?
Offenbar liegen die Fragen, die uns hier beschäftigen, in der Luft, deshalb haben viele der bekanntesten Buchgestalter, Typographen, Medienwissenschaftler, Philologen und literarischen Autoren begeistert auf unseren Vorschlag reagiert und Texte zugesagt. Der Reihenherausgeber ist der bekannte Typograph und Buchgestalter Klaus Detjen. In diesem Jahr erscheinen die Bände von Hans Andree, Typograph und Grafiker, Professor em. an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, Günter Karl Bose, Professor und Leiter des Instituts für Buchkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, und Gerd Fleischmann, Typograph und Ausstellungsgestalter sowie em. Professor der Fachhochschule Bielefeld.
Schaut man sich um, hat man oft den Eindruck, dass Typographie allmählich zum Privatspielplatz von Ästhetik-Freaks geworden ist. Ist es unter dem derzeitigen Kostendruck der Verlage nicht verständlich, dass man irgendwo einsparen will und das eben bei Typographen tut?
Der Eindruck täuscht. Der allgemeine Qualitätsstandard der Buchproduktion und Buchgestaltung befindet sich in Deutschland auf einem Niveau, um das wir in der Welt beneidet werden. Vorbildliche Typographie ist keine Frage der Kosten.
Warum gerade jetzt eine so grundsätzliche Verständigung über das Buch als überhaupt nicht aus der Mode gekommener Form?
Ich bin es leid, in sterbenden Zeitungen vom Ende des gedruckten Buches zu lesen.
Eine Fallstudie aus Soest, über die wir in BuchMarkt 7/2013 berichtet haben, sagt eindeutig: Trotz vielfältigeren digitalen Angeboten sagen die Schüler: Sie lernen lieber und besser mit dem gedruckten Buch. Heißt das in diesem Falle nicht, dass der ganze E-Book-Hype nicht zu – sagen wir – einigen Teilen an den Publikumsinteressen (und damit Marktgegebenheiten) vorbeigeht?
Diese Studie belegt genau, was ich zuvor gesagt habe und sie zeigt auch, dass die heutigen E-Books noch sehr weit von dem entfernt sind, was als Möglichkeit in diesem neuen Medium steckt.
Ist es vielleicht aber doch hauptsächlich Erziehungs- und Gewöhnungssache, lieber ein Buch mit all seiner Haptik haben zu wollen oder ein elektronisches Gerät? Wenn dem so ist – erledigt sich der Konflikt Papierbuch-Datei auf dem Lesegerät nicht biologisch?
Warten wir es ab. Es spricht viel dafür, dass die analoge Präsentationsform für bestimmte Inhalte die geeignetere ist, und dass andere Inhalte ebensogut im digitalen Medium aufgehoben sind und dort sogar noch durch zusätzliche Funktionen angereichert werden können. Dass aber Relevanz künftig nur im digitalen Medium erzeugt werden könne, halte ich für ausgeschlossen.
Die ersten drei Bände Ihrer Reihe sind morgen im Handel, wir haben sie im BuchMarkt schon kurz vorgestellt. Wie geht es weiter damit?
Im nächsten Jahr folgt eine Arbeit von dem bekannten Editionsphilologen Roland Reuß zur Wertschätzung des Buches sowie ein Band des Buchgestalters Walter Pamminger zur Architektur seiner Buchformen. Und der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner arbeitet an seinem thesenstarken Text “Ein Buch ist ein Buch und keine Datei”.
Nehmen Sie einen x-beliebigen E-Book-Reader: Was die von Typographie übriglassen, unterschreitet noch die Fähigkeiten eines Herstellungslehrlings am ersten Arbeitstag. Kann es da eigentlich – wenn man Schriften skalieren will – wirklich Abhilfe geben?
Die Frage gebe ich weiter an die Techniker und Entwickler.
Immer wieder wird der Zusatznutzen von E-Books betont – den viele allerdings nicht als Nutzen, sondern einfach als Ablenkungs- und Störpotential sehen. Aber beispielsweise Joyce‘ „Ulysses“ und auf Knopfdruck virtuell in Dublin sein – hätte das nicht seinen eigenen Reiz?
Wie schon gesagt: Gut durchdachte und sinnvolle Ergänzungen und Zusatzfunktionen werden künftig den Reiz guter E-Books ausmachen.
Benutzen Sie privat einen E-Book-Reader?
Ja, um bei der Lektüre in großen Manuskriptbergen mobil zu sein.
Aus der Sicht des Verlegers: Was würden Sie dem Buchhändler in Bezug auf E-Books raten?
Ich würde jedem Buchhändler raten, sich auf kompetente Beratung, persönliche Kundenansprache und den bestmöglichen Service zu konzentrieren. Wer als Verlag die besten Inhalte hat, gewinnt und wer als Händler die besten Inhalte verkauft ebenso.
(Die Fragen stellte Ulrich Faure)