
Vielfach unerwartete Begegnungen gibt es derzeit für aufmerksame Frankfurter und ihre Gäste: Ab morgen wird dieStreet-Art Brazil offiziell eröffnet.
Elf Graffiti-Künstler bzw. Künstlergemeinschaften schufen neun Kunstwerke an Gebäuden und Plätzen im öffentlichen Raum. Außerdem trägt ein U-Bahnzug der Linie 5 die Figuren der Künstler vom Hauptbahnhof bis nach Preungesheim durch die Stadt.
„São Paulo ist ein blühendes Zentrum der Street-Art, die es dort seit Mitte der 1980er Jahre gibt“, erläutert der Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Max Hollein. Die brasilianische Graffiti habe einen spezifischen Stil, eine „narrative Bildsprache“. Während die Straßenkünstler vor knapp 30 Jahren noch verfemt waren, gehören die Grafiteiros heute zur Kulturszene. Ihnen wird öffentlicher Raum zur Verfügung gestellt.
Genau das passiert auch gerade in Frankfurt. „Anlässlich der bevorstehenden Buchmesse wird Straßenkunst von Brasilien nach Deutschland transformiert. Das hat eine Verschiebung des Kontextes zur Folge, ermöglicht andererseits neue Bezüge. In Frankfurt haben wir uns für die Präsentation von Street-Art neuralgische Punkte der Stadt gesucht. Das bedurfte vieler Briefe an viele Ämter, in denen wir darauf aufmerksam machten: ‚Hier entsteht Kunst, bitte nicht entfernen’“, erklärte Hollein. Ablehnungen habe es keine gegeben – die restfreie Entfernung der Street-Art wurde garantiert. Dennoch: „Es war ein schwierig umzusetzendes Projekt“, bekennt der Direktor.
Stadtrat Stefan Majer ergänzt: „Öffentlicher Raum ist weit mehr als technische Vorgänge.“ Straßen seien Bühnen des öffentlichen Lebens. Er freue sich auf den Diskurs in der Stadt über die Street-Art. Der Dezernent rät: „Man weiß nicht, wie lange die Werke zu sehen sind in unserer schnelllebigen Stadt. Deshalb sollte man jetzt hinschauen. Vielleicht ist später nichts mehr da.“ Zu dieser Annahme gibt es guten Grund: Im April entstanden am Gebäude der alten Kfw-Bank bunte Graffitis. Mittlerweile wurde das Haus abgerissen. Nur auf dem Zaun vor der Baustelle sind die Bilder noch vorhanden.
Brasiliens Street-Art zeigt sich an der Außentreppe Treppe der Schirn Kunsthalle mit Fantasiewesen von Jana Joana & Vitché, auf dem Boden der Hauptwache mit geisterhaften, lang fließenden Traumfiguren von Herbert Baglione, mit einem großen roten Kopf von Onesto auf dem Gebäude der Frankfurter Sparkasse in der Neuen Mainzer Landstraße, mit blauen Arabesken von Zezão an der Schirn und unter der Untermainbrücke am Uferweg, mit einer aus bunten Buchstaben zusammengesetzten Figur von Fefe Talavera auf der Glasfassade der Deutschen Bank, mit einem offenbar meditierenden Protestler im Lotussitz von Alexandre Orion an der Ecke des Sparkassen-Gebäudes in der Junghofstraße, mit vielen bunten Figuren und Ornamenten von Rimon Guimarães am Bauzaun vor der KfW-Baustelle in der Bockenheimer Landstraße, mit den Arbeiten von Gais an der Baustelle des Stadthauses vor dem Dom, mit dem großen Kopf eines Motorradkuriers von Speto an der Matthäuskirche in der Friedrich-Ebert-Anlage, mit zwei kindlichen Figuren auf gigantischen Bücherstapeln von Tinho an der Fassade des Alten Polizeipräsidiums in der Friedrich-Ebert-Anlage, mit einer Arbeit von Nunca in der Niddastraße. Nicht zuletzt bewegt sich Street-Art durch Frankfurt: Auf einem U-Bahnzug, den Onesto und Tinho gestalteten.
Dieses ungewöhnliche Experiment im Stadtraum soll bis zum 27. Oktober zu sehen sein. Ein Katalog erscheint Anfang Oktober, wenn in der Schirn Kunsthalle die 2. Ausstellung zu Brasilien gezeigt wird. Eine entsprechende App, mit der nicht nur zu den einzelnen Orten navigiert werden kann, sondern auf der auch viel über die Künstler zu erfahren ist, gibt es schon jetzt. Gratis.
JF