Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Katharina Hesse, ab Oktober 2013 Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst.
Katharina Hesse, geboren in Alzenau, lernte Bücher verkaufen bei Bücherhaus Jansen in Rüsselsheim, bevor sie sich selbst auf dem mediacampus in die Aus- und Fortbildung des Nachwuchses stürzte. Zuletzt führte sie die Geschäfte des E-Lectra Verlages, der multimediale E-Books produzierte – unter anderem in Lizenz der RTL2 Group. Bei der Auszeichnung der Schönsten Deutschen Bücher 2013 beging sie schon mal ihren künftigen Wirkungskreis.
Katharina Hesse, können Sie Ihr Verhältnis zu Büchern auf einen Satz bringen?

Katharina Hesse: Ob mir da ein Satz reicht? Ich schaffe es ja noch nicht einmal, meine Bücher in einem Raum und den vielen Regalen aufzubewahren. Und das hat nicht unbedingt etwas mit der Menge, sondern mit meinem Gefühl für sie zu tun. Vielleicht drückt dieser eine Satz in etwa aus, wie ich mein Verhältnis zu Büchern beschreiben würde: Es fällt mir schwer, mich in einem Raum ohne Bücher wohl zu fühlen.
Was brachte Sie mit Büchern in so intensive Berührung, dass Sie auf die Idee kamen, sich für den besten Teil des Tages mit ihnen zu umgeben?
Katharina Hesse: Meine bibliophilen Großeltern haben mich als Kind regelmäßig nach Hanau zum Einkaufen mitgenommen. Festes Ritual und mein Lieblingsziel dort: Der Besuch der Buchhandlung Dausien…
… so ein Buchhändler, den seine Stadt braucht…
Katharina Hesse: … genau! Bei solch einem klassischen Buchhändler bin ich dann auch ausgebildet worden. Jürgen Jansen, der die kulturelle Halbwüste Rüsselsheims nach Kräften bewässert, mit Veranstaltungen und allem Zubehör.
Als Sie sich vor anderthalb Jahren entschieden, nicht mehr Buchhändlerinnen aus- und fortzubilden, sondern lieber E-Books zu verlegen: war da auch verlorenes Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des Buchhandels mit im Spiel?
Katharina Hesse: Ganz und gar nicht. Ich hatte und habe großes Vertrauen in den Buchhandel. Für mich gehören aber auch E-Books als Bücher im weiteren Sinne zum Buchhandel.
E-Books verlegen, das hieß für Sie nicht crossmediale Verwertungsketten abzuwickeln, um sie auf allen internationalen Plattformen wieder aufzurollen, sondern Originalinhalten die ihnen gemäße multimediale Gestalt zu geben – ist E-Lectra eine Art E-Book-Manufaktur?
Katharina Hesse: Eher eine Art innovatives Versuchslabor mit reichlich Pionierarbeit. Eines meiner Projekte war das Buch zur TV-Serie „Die Bauretter“ – das erste E-Book überhaupt, mit dem der Sender den Markt getestet hat.
Und heute Abend bei der Auszeichnung der Schönsten Deutschen Bücher sehen wir lauter handwerklich perfekte Manufakturware. Im Line-up der verantwortlichen Herstellungsbetriebe fehlen die bekannten Namen mit Ausnahme von Sachsendruck und Kösel. Hat das für Sie eine Zukunft? Wie weit ist das entfernt von nostalgischem Talmi à la „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ und Re-Enactments einer altdeutschen Handwerkstradition mit Gautschfeier und zünftigem Brimborium?
Katharina Hesse: Ein Buch, im Gegensatz zu den meisten anderen „Gebrauchsgegenständen“, begleitet uns doch viel länger als der tatsächliche Gebrauch. Wir sammeln, schenken und bewahren Bücher – und schmücken uns mit ihnen. Für diese Zwecke sollten sie dann auch hergestellt werden. Qualität hat weniger mit Nostalgie zu tun, sondern mit gutem Handwerk und Nachhaltigkeit.
Rechnen Sie damit, dass schön gemachte Buch-Individuen in einer Epoche der digitalen Hyper-Industrialisierung für den niedergelassenen Handel an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnen werden?
Katharina Hesse: Darauf deutet immerhin einiges hin. Denken Sie nur an Annerose Beurich, die bei Libri als Marketingleiterin ausstieg, um in Hamburg ihre Buchhandlung stories! zu betreiben, in der sie eine kleine Auswahl individuell ausgesuchter Titel führt – allesamt sehr hochwertig produziert. Und das läuft! Wer kann sich schon dem Reiz eines schönen Buchs in schönem Ambiente entziehen?
Die Filialketten wanken unter dem Druck der Internet-Riesen – zählen Sie im Kampf für „das schöne Buch“ auf den unabhängigen Buchhandel?
Katharina Hesse: Mit Hans Frieden schickt die Stiftung Buchkunst einen Botschafter in den Buchhandel, der die ausgezeichneten Bücher dort bekannt und beliebt machen soll. Was spricht dagegen, solche Bücher zu Aktionspaketen zusammenzupacken und so wieder dahin zurückzubringen, wo sie eigentlich hingehören – in die Hände engagierter Buchhändler und anschließend in die Hände begeisterter Leser und Büchersammler? Das Gütesiegel „Die Schönsten Deutschen Bücher“ ist noch viel zu unbekannt, an dieser Stelle muss die Stiftung Buchkunst wirksamer werden.
Sie haben einen mehrköpfigen Stiftungsvorstand, an den Sie berichten, es gibt Stifter, Sponsoren, Förderer – wie viel Gestaltungsspielraum bleibt Ihnen da?
Katharina Hesse: Jeder Geschäftsführer hat Gesellschafter, Vorstände oder sonstige Instanzen, die die Richtlinien formulieren und an die er zu berichten hat. Das gehört zum Geschäftsführer wie das Cover zum Buch. Ich freue mich sehr auf die Aufgabe, die Richtlinien meiner Auftraggeber kreativ umzusetzen.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Stammdaten und deren Qualitätssicherung sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.







