
Heute Abend wird in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main eine Ausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 zum deutschsprachigen Exil in Brasilien eröffnet.
Das Exilarchiv erarbeitete die Exposition in Kooperation mit Marlen Eckl. Präsentiert werden etwa 150 Objekte – darunter Briefe, Pässe, Fotos, Zeitungen, Bücher, Bilder und Videos – aus den Beständen des Exilarchivs, des Archivs des Auswärtigen Amtes, verschiedener brasilianischer Institutionen und Einrichtungen, des Leo Baeck Institute, des Jüdischen Museums Frankfurt, von Verlagen und Privatpersonen.
Bereits 1994 fand in der Deutschen Nationalbibliothek eine Ausstellung zum Exilland Brasilien statt. Neue Forschungsergebnisse ermöglichen nun einen größeren Einblick in Land und Zeit.
„Unser Schwerpunkt ist der Kulturaustausch“, erläutert Dr. Sylvia Asmus zur Preview. Die zweisprachige deutsch-portugiesische Exposition ist in zehn Stationen gegliedert, sie wurde wie ein großer Korb gestaltet, dessen Geflecht ineinander greift und die verschiedenen Komponenten des Exils darstellt.
Im ersten Kapitel geht es um die Anlässe, die etwa 16.000 bis 19.000 Flüchtlinge zwangen, das deutsche Sprachgebiet zu verlassen und in Brasilien einen Neuanfang zu wagen. Nach Argentinien wurde das bevölkerungsreichste Land Südamerikas zum zweitwichtigsten Exil des Kontinents.
Brasilien während des Vargas-Regimes steht im Mittelpunkt der zweiten Station. Darunter findet der Besucher auch ein mit roter Schrift versehenes Visum – es gehört zu den von Papst Pius XII. bewilligten 3000 Visa für sogenannte „nicht-arische Katholiken“. Weniger als 1000 Visa wurden schließlich tatsächlich vom Vargas-Regime erteilt.
Der eindrucksvolle, aus Metall gearbeitete Stammbaum der Familie Gerson, dessen Fotografien Hans-Günter Flieg rekonstruierte, gehört zur dritten Station.
Rolândia und Terra Nova waren landwirtschaftliche Siedlungen, die für viele Flüchtlinge zu einem neues Zuhause im unberührten Urwald wurden. Davon erzählt die vierte Station. Im Gegenzug zur Erteilung von Einreise- und Niederlassungsgenehmigungen kaufte die brasilianische Seite deutsches Eisenbahnmaterial. Eine politische Tätigkeit der Flüchtlinge war nicht erwünscht.
In Brasilien gab es auch nationalsozialistische Aktivitäten, darüber informiert die fünfte Station.
1938 wurde in Brasilien die politische Betätigung von Ausländern verboten. Dennoch existierten widerständige Splittergruppen, wie im sechsten Kapitel deutlich wird.
Erfolgreiche Lebensentwicklungen, Menschen, die in der brasilianischen Wirtschaft Fuß fassten, werden im siebten Kapitel vorgestellt.
Während die überwiegende Zahl der Emigranten in Brasilien blieb, gab es auch Flüchtlinge, die zurückkehrten. Darüber informiert die achte Station.
Zur Betrachtung des neunten Kapitels muss der Besucher den Innenraum des „Korbs“ mit den Vitrinen verlassen – beim äußeren Rundgang entdeckt er zahlreiche Beispiele der Kulturvermittlung in den Bereichen Publizistik, Literatur und Theater. So ist Stefan Zweigs Abschiedsbrief zu lesen, wird Hugo Simon, Bankier und Kunstmäzen, vorgestellt, auch Richard Katz, Autor, der Journalist Frank Arnau, der sogar im Exil seiner Tätigkeit nachgehen konnte, Otto Maria Carpeaux, Verfasser literaturhistorischer Standardwerke oder der Schriftstellers Ulrich Becher begegnen dem Besucher.
Im Eingangsbereich der Ausstellung befindet sich eine Wand mit den Biografien von Persönlichkeiten, die in Brasilien Zuflucht fanden. Die mit großen Fotos versehenen Vitae kann man abnehmen und darin blättern. Auf der anderen Seite dieser Wand sind 14 Interviews mit Exilanten bzw. ihren Nachkommen zu hören und zu sehen.
Die Exposition wird bis zum 31. Mai 2014 gezeigt und von einem Rahmenprogramm begleitet. Dazu ist ein zweisprachiger und mit vielen Abbildungen versehener Katalog im Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin, erschienen.
JF