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Bilder von der Friedenspreisverleihung an Swetlana Alexijewitsch: „Ihre Bücher sind vielstimmige Chöre“

Swetlana Alexijewitsch, Gottfried Honnefelder

Heute hat die in Weißrussland lebende Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch in der Frankfurter Paulskirche den 64. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Etwa 1000 Gäste, darunter die Friedenspreisträger Alfred Grosser (1975), Liao Yiwu (2012), Boualem Sansal (2011) und Friedrich Schorlemmer (1993) nahmen an der feierlichen Veranstaltung teil.

„Was kann die Aufgabe eines Friedenspreises anderes sein, als dem eine Stimme zu verleihen, was dem fragilsten unter den Gütern des Menschen dient, dem Frieden“, leitete der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, sein Grußwort ein.

„Swetlana Alexijewitsch hat ebenso selbstlos wie mutig ihre ganze schriftstellerische Kraft dazu verwandt, diejenigen lebendig und hörbar werden zu lassen, deren Stimmen stumm blieben, deren Hoffnungen keine Chance der Erfüllung fanden und die ihre Existenz als Verfügungsmasse der Mächtigen zu fristen hatten“, würdigte Honnefelder.

Auch in ihrem jüngsten Buch Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus, auf Deutsch im August dieses Jahres bei Hanser Berlin erschienen, kommen „die vielen in der Nische Überlebenden, die ihren Alltag nach dem Zusammenbruch der einstigen Zwangsgesellschaft als eine von den Mächtigen ratlos zurückgelassene ‚Küchengesellschaft’ führen müssen, die vergeblich nach der Möglichkeit geistigen Überlebens sucht“, zu Wort.

Alexijewitsch habe „eine ganz neue Weise schriftstellerischer Arbeit, nämlich den eigenen Roman als einen Roman der Stimmen zu schreiben und dies nicht gefiltert und verklärt, sondern in der ‚harten Lagerprosa’“ entwickelt.

Ihre in 35 Sprachen übersetzten Bücher seien so eine „vernehmbare Botschaft“.

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann nannte den seit 1950 jährlich verliehenen Friedenspreis eine Mahnung daran, dass Frieden noch längst nicht überall selbstverständlich ist und erinnerte an die Bilder des Unglücks von Lampedusa. Sie zeigen, wie verletzlich Freiheit und Menschenwürde seien.

Laudator Karl Schlögel zitierte Swetlana Alexijewitsch: „Ich gehöre zu der Generation, die erzogen wurde von Büchern und nicht von der Realität“, gestand die 1948 in der Westukraine Geborene. „Bücher“, erläuterte Schlögel, „standen für die Zugehörigkeit zur Welt des Geistes, für leidenschaftliche Debatten in Kreisen der Intelligenzia.“

Doch „Swetlana Alexijewitschs Schreiben beginnt mit einem Abschied von der schönen Literatur.“ Ihre Bücher handeln „vom Krieg, vom Kommunismus, vom sowjetischen Imperium, von ihrer Heimat Weißrussland, letztlich aber vom Menschen in Extremsituationen, Menschen im Ausnahmezustand, vom ‚nackten Menschen auf nackter Erde’.“

Die von den Hinterlassenschaften des Krieges geprägte Swetlana Alexijewitsch begann 1967 in Minsk das Studium der Journalistik. 1985 erschien ihr erstes Buch Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. Es war bereits zwei Jahre vorher fertig geworden, durfte aber nicht veröffentlicht werden. Zwei Millionen verkaufte Exemplare in der Sowjetunion zeugen vom Erfolg des Debüts, in dem die Autorin den Frauen, die im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gekämpft hatten – es waren nahezu eine Million – eine Stimme gibt.

„Swetlana Alexijewitsch, die nicht vorhatte, sich weiter mit dem Krieg zu beschäftigen, wurde vom Krieg buchstäblich wieder eingeholt“, erläuterte Schlögel. In Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen, 1991 veröffentlicht, hat sie Gespräche mit Soldaten, Krankenschwestern, Müttern und Ehefrauen geführt. „Dieses Buch handelt von einem Krieg, der seine Spuren auf den Körpern und in den Seelen der Beteiligten hinterlassen hat, und für den es – radikal anders als im Großen Vaterländischen Krieg – keinerlei patriotische Begründung mehr gab“, resümierte der Laudator.

Zehn Jahre von der Katastrophe bis zum Buch hat Swetlana Alexijewitsch gebraucht, um Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, erschienen 1997, schreiben zu können. „Im Zweiten Weltkrieg war jeder dritte Einwohner des Landes umgekommen, jetzt lebte jeder fünfte – über zwei Millionen Menschen – auf verseuchtem Gebiet“, schilderte Schlögel.
Die Autorin selbst sagte in einem Gespräch: „In einer Nacht gelangten wir an einen neuen Ort der Geschichte. Wir sprangen in eine neue Realität, und diese Realität überstieg nicht nur unser Wissen, sondern auch unsere Einbildungskraft. Der Zusammenhang der Zeiten riss.“

Und was passiert den Menschen im zerfallenen Sowjetreich? „Wir müssen darüber sprechen, was mit uns geschehen ist“, forderte Alexijewitsch. Schlögel skizzierte die jüngste Arbeit der Autorin so: „Die Stimmen gehen jetzt wild durcheinander. Hassgesänge, Verzweiflung, Enttäuschung, bis hin zur Selbstaufgabe. Das Panorama, das sie entwirft, ist etwas anderes als die Meistererzählung vom automatisch gelingenden Übergang von der Diktatur zur Demokratie und vom Kommunismus zur Marktwirtschaft … Alle, die es ohne eigenes Verdienst, und nur weil sie diesseits des Eisernen Vorhangs aufgewachsen sind, geschichtlich besser getroffen haben … können bei ihr lernen, was es bedeutet, wenn von heute auf morgen ein Lebensplan zusammenbricht und das Leben der Menschen aus der Spur gerät … wenn Lebenserfahrungen, Berufe, Werte, Sprachregelungen, Verhaltensweisen, die ein Leben lang gegolten haben, mit einem Mal entwertet sind.“

„Im Gespräch zwischen Macht und Volk sieht Swetlana Alexijewitsch … den einzigen Weg, um den circulus vitiosus der Gewalt zu durchbrechen und dem Rückfall in stalinistische Praktiken zu begegnen“, sagte Schlögel. Als Schriftstellerin habe sie nur ihr Wort, doch das sei stark, „darin ist von einer Wirklichkeit die Rede, die stärker ist als die manipulierte Wahrheit der von der Macht kontrollierten Medien.“

Swetlana Alexijewitsch bedankte sich nach der Verleihung des Friedenspreises mit einer Rede unter dem Titel Warum bin ich in die Hölle hinabgestiegen?. „Wir können nicht mehr wie die Helden Tschechows ausrufen, in hundert Jahren würde der Himmel voller Diamanten und der Mensch wunderbar sein. Wir wissen nicht, wie der Mensch sein wird.“ Seit Menschengedenken werde über die Freiheit gestritten. „Der Mensch muss sich die ganze Zeit entscheiden: Freiheit oder Wohlstand und gutes Leben, Freiheit mit Leiden oder Glück ohne Freiheit. Die meisten Menschen gehen den zweiten Weg“, stellte die Autorin fest.

In über siebzig Jahren Kommunismus sei ein neuer Menschentyp entstanden, der „Homo sovieticus“. „Er ist ich“, bekannte die Autorin. „Ich habe fünf Bücher geschrieben, doch im Grunde schreibe ich nun seit fast vierzig Jahren an einem einzigen Buch. An einer russisch-sowjetischen Chronik: Revolution, Gulag, Krieg – Tschernobyl … der Untergang des ‚roten Imperiums’ … Ich folgte der Sowjetzeit. Hinter uns liegen ein Meer von Blut und ein gewaltiges Brudergrab. In meinen Büchern erzählt der ‘kleine Mensch’ von sich. Das Sandkorn der Geschichte … Ich höre ihnen zu … Ich bin ein Mensch des Ohres.“

Deshalb blieben Swetlana Alexijewitsch immer wieder die Stimmen, selbst wenn die Gesichter aus ihrer Erinnerung verschwänden.

„Alles wiederholt sich. In Russland, in meinem kleinen Weißrussland gehen Tausende junge Leute erneut auf die Straße. Sitzen im Gefängnis. Und reden über die Freiheit. Vor der Revolution von 1917 schrieb der russische Schriftsteller Alexander Grin: ‚Die Zukunft ist nicht mehr an ihrem Platz.’ Manchmal frage ich mich, warum ich immer wieder in die Hölle hinabgestiegen bin. Um den Menschen zu finden.“

Swetlana Alexijewitsch bedankte sich abschließend beim deutschen und schwedischen PEN-Zentrum und bei den französischen Schriftstellern, die sie in schwieriger Situation unterstützten. Ihr Dank galt auch ihrer langjährigen Verlegerin Elisabeth Ruge und ihrer Agentin Galina Dursthoff.

JF

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