Die Studiengänge Buchwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München bieten seit dem Wintersemester 2012/2013 u.a. den Masterstudiengang Verlagspraxis an. Das Interesse dafür ist größer als an der traditionellen Germanistik. Was haben die Buchwissenschaftler den Buchhändlern und den Verlagen zu bieten? Und umgekehrt? Prof. Dr. Christine Haug, Leiterin der Studiengänge Buchwissenschaft, wünscht einen intensiven Austausch und macht konkrete Vorschläge.
BuchMarkt: Germanistik-Studenten klagen oft über mangelnden Praxisbezug. Wie ist das bei Ihren Studenten?

Prof. Dr. Christine Haug: Die beiden Masterstudiengänge bei uns sind besonders auch wegen der Praxisnähe begehrt. Den „Masterstudiengang Buch- und Medienforschung“ sollen Leute studieren, die schon den Bachelor Buchwissenschaften oder verwandte Fächer studiert haben. Der „Masterstudiengang Verlagspraxis“ kommt sogar noch besser an, weil wir den allen Geisteswissenschaftlern, aber auch Juristen und allen anderen Interessierten mit Bachelorabschluss anbieten. Das ist nun offenbar im gesamten deutschsprachigen Raum kommuniziert. Kombiniert mit dem Medienstandort München, den vielen Verlagen und Buchhandlungen hier sind die Studiengänge Buchwissenschaft in München begehrt. Wir haben jetzt eine doppelte Bewerberzahl gegenüber dem Germanistik-Master an der LMU.
Können Sie alle Bewerber aufnehmen?
Bei weitem nicht. Der Bewerberkreis mit erweitertem Radius reicht mittlerweile bis nach Leipzig, Berlin, Hamburg, Kiel, Schweiz und Österreich und weitet sich aus. Wir können aber nur bis maximal zwanzig Studenten in einem Kurs aufnehmen. Wir haben ja auch den Anspruch, die Studierenden danach erfolgreich zu vermitteln. Insgesamt sind es jetzt 120 Studierende bei uns. Unsere Arbeitsgruppen bestehen selten aus mehr als zwanzig Leuten. In der Germanistik sitzen oft mehr als 70 Studenten in den Seminaren. Wir haben hier deshalb auch viele Germanisten, die den Master nicht in Germanistik machen, sondern zu uns wechseln. Nicht alle wollen promovieren und in der Wissenschaft bleiben. Die Perspektiven mit unserem Studium und unseren direkten Buchhandels- und Verlagskontakten scheint sich sehr zu bewähren.
Welche Themen interessieren Ihre Studenten zurzeit besonders?
Wir gründen in Projektseminaren manchmal fiktive Verlage und Buchhandlungen und exerzieren besondere Modelle durch. Fachleute aus der Branche nutzen die Gelegenheiten, um mit den Studierenden gemeinsam solche Experimente zu entwickeln. Wie weit wirkt sich die Digitalisierung auf den Handel und auf die Verlage aus? Wie reagiert der Markt auf den Strukturwandel? Dazu sind in letzter Zeit mehrere Diplomarbeiten geschrieben worden. Studenten, die bei den Recherchen eng mit Verlagen und Sortimentern zusammengearbeitet haben, wurden danach oft übernommen. Ein Beispiel ist Ina Fuchshuber, die heute für Droemer die Plattform Neobooks betreut. Meine Ex-Studenten kamen auf ähnliche Weise auch zu amazon.de, buch.de und immer wieder zu Hugendubel, Thalia und Weltbild. Der Nachwuchs ist flexibel im perspektivischen Umgang mit E-Readern, E-Books und allen damit zusammenhängenden Veränderungen im Markt.
Welche Bedeutung haben kleinere und mittlere Sortimenter für Ihre Buchwissenschaftler?
Ich habe gerade eine Diplomarbeit einer Studentin auf dem Tisch, die sich damit beschäftigt hat, wie sich kleinere und mittlere Buchhandlungen zurzeit sehr erfolgreich im Markt behaupten. Sie haben den großen Kostenfaktor Miete nicht und entwickeln neue Ideen. Die Buchhandlung in Ulm, in der ich selbst gelernt habe, bietet beispielsweise Walking-Treffen an und hat ein entsprechend großes Angebot an Sportbüchern. Konzepte, die über den Buchverkauf hinausgehen, werden gerne von den Studenten entwickelt. Sortimenter haben ein kreatives Potenzial und haben dadurch ganz eigene Chancen im Vergleich zu den großen Filialisten.
Werden die Diplomarbeiten alle veröffentlicht?
Eine per se Publikation machen wir nicht, weil jede Arbeit einer Überarbeitung bedarf. Als Uni dürfen wir leider kein Geld einnehmen. Den klassischen Univerlag wie in den USA lässt sich hier nicht gründen. Allerdings zeichnen wir gemeinsam mit der Buchhandlung Hugendubel einmal im Jahr die beste Diplomarbeit aus. Die muss nicht zwangsweise den Buchhandel im Fokus haben. Das können auch Verlagsthemen, historische Themen usw. sein. Diese Arbeiten und die nominierten werden veröffentlicht.
Gibt es etwa gleich viele Dozenten aus dem Verlagswesen und aus dem Handel?
Wir würden uns über mehr Dozenten aus dem Buchhandel freuen. Leider gibt es da oft Kapazitätsprobleme. Zudem wären mehr Praktikumsplätze im Handel für unsere Studierenden willkommen. Für unseren Master Verlagspraxis, wo die Leute schon vier Monate Verlagserfahrung haben müssen, fehlen manchmal noch Plätze in Sortimenten für die weiteren zwei Monate Buchhandelspraxis.
Sehen Sie weitere Kooperationsmöglichkeiten mit dem Handel?
Sollte eine Buchhandlung den Wunsch äußern, das eigene Verkaufskonzept zu optimieren, bringen unsere Studierende mit ihrer oftmals ganz anderen Denkweise besondere Ideen ein. Kunst- und Kinderbuchhandlungen oder andere spezialisierte Sortimente könnten im Austausch mit den jungen Buchwissenschaftlern beispielsweis neue Modelle der Kundenbindung entwickeln. Praktisch könnte das als Blockseminar gestaltet werden: ein Freitag an der Uni und ein Samstag in der Buchhandlung. Wir sind für Vorschläge offen.
Die Fragen stellte Nicola Bardola.