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Peter Stamm bei Müller & Böhm in Düsseldorf

Peter Stamm, Rudolf Müller

Er habe es gern, gleich am Anfang eines Buches zu wissen, was auf den Leser zukomme, so gestern Peter Stamm (Foto) im Gespräch mit Gastgeber Rudolf Müller bei seiner Lesung gestern im Düsseldorfer Heine Haus – und so stehe in seinem neuen Roman Nacht ist der Tag (S. Fischer) das Hauptereignis des Buches auch gleich am Anfang.

Da also erfährt man, daß die Hauptfigur Gillian nach einem schweren Autounfall im Krankenhaus liegt, ihr Mann Matthias ist tot – beide hatten einen heftigen

Stamm signiert

Streit zuvor; dabei ging es um Fotos, die Hubert von Gillian gemacht hat. Nein, Stamm verrät seine ganze Geschichte nicht gleich auf den ersten Seiten und nimmt dem Leser die Spannung. Vielmehr zeigt er, wie die Frau ohne Gesicht (das ist vom Unfall so mitgenommen, daß ein plastischer Chirurg Hand anlegen muß) im Laufe des Buches (das für den Man Booker International nominiert war) sich allmählich aus ihrer Vergangenheit befreien kann. Und nicht nur im übertragenen Sinne ein neues Gesicht erhält.

Konfrontiert wird der Leser, so erfuhren es die Zuhörer im Gespräch mit dem Autor, die Geschichte einer erfolgreichen TV-Moderatorin, die „irgendwie“ spürt, daß es mit dem Leben „auf der Erfolgsspur“ so nicht ewig weitergehen kann, daß „es“ nicht gut ausgehen kann. Und damit ist Stamm, der u.a. Psychologie und Psychopathologie studiert hat, wieder bei seinem Ur-Thema: die Rätselhaftigkeit des Menschen. Denn nichts anderes tut der Autor in seinen Texten: beim Schreiben den Menschen analysieren. Er findet, seine Geschichte habe ein klassisches Happy-End – mit einem trotzdem offenen Ende, wie man es von Stamm kennt, aber: „Es gibt Leser, die sehen das anders.“

Spätestens da weiß man, daß es Stamm nicht so sehr um einen spannenden Plot geht, um den Leser bei der Stange zu halten, sondern um eine Art „Feldforschung“: Wie bewegt sich das Individuum in seinem gesellschaftlichen Umfeld? Gillian, sozusagen wieder auferstanden von den Toten, schmeißt ihren TV-Job und wird Animateurin in einem Hotel: „Eine Ironie, die die Schweizer Kritik nicht so richtig verstanden hat“, schmunzelt Stamm. Wie er über seine Figuren redet, zeigt, daß sie für ihn nicht Spielmasse sind, mit denen ein Autoren-Gott nach Belieben schalten und walten kann: „Ich könnte mir denken, daß Gillian das genauso sehen würde…“

„Dieser Roman geht unter die Haut“, schrieb Zadie Smith über Stamms Roman Sieben Jahre. Das gilt auch für sein neues Werk.

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