Vor 50 Jahren im Sommer 1964 gründete der heute 83-jährige Klaus Wagenbach in Berlin seinen Verlag. Seit 12 Jahren führt seine Frau Susanne Schüssler das Unternehmen, das bis heute unabhängig ist.
Das Verlagsjubiläum war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch.
„Die ersten Bücher waren kaum erschienen, als der Verlag schon totgesagt wurde….“. So ist es in Ihrer Frühjahrsvorschau zu lesen. Aber es gibt Sie immer noch als selbständigen Verlag. Wie kommt’s?

Susanne Schüssler: Das liegt an verschiedene Faktoren. Erstens – und das ist der wichtigste – machen wir mit Leidenschaft anspruchsvolle Bücher. Leidenschaft braucht man, weil es nicht immer ganz einfach ist, solche Bücher auch durchzusetzen. Als kleinerer, unabhängiger Verlag ist man nur sichtbar, wenn man ein sehr eigenständiges, qualitativ hochwertiges Programm hat. Viele Verlage haben hier im Laufe der Zeit Kompromisse gemacht. Wir machen keine Kompromisse.
Macht das den Wagenbach Verlag unverwechselbar?
Ja. Wenn man die letzten hundert Jahre der deutschen Verlagsgeschichte anschaut, dann gibt es verschiedene Gruppen von belletristischen Verlagen: Es gibt zum Beispiel die von einer starken Persönlichkeit gegründeten Verlage, die dann aber in großen Konzernen aufgegangen sind, wie Fischer, Rowohlt, Piper. Dann gibt es Verlage wie Hanser, C. H. Beck, Klett, deren ökonomische Grundlage sich aus einem Fachverlag speist oder gespeist hat. Und es gibt einen Typus wie Suhrkamp beispielsweise, der massive Probleme hat, wenn es um die Übergabe an die nächste Generation geht. Andere unabhängige Verlage – Kunstmann, Schöffling und so weiter –, haben die Übergabe noch vor sich. Wir sind also in der derzeitigen deutschen Verlagslandschaft ein Sonderfall. Denn es ist ja ein Sonderfall, wenn die Übergabe gelingt. Beispiele, in denen sie nicht geklappt hat, lassen sich endlos aufzählen.
Sie haben den Verlag vor zwölf Jahren von Ihrem Mann Klaus Wagenbach übernommen. Welche Kriterien sind wichtig, damit die Nachfolgeregelung gelingt?
Der Dreh- und Angelpunkt ist die Person, die den Verlag übergibt und nicht die Person, die ihn übernimmt. Wer sich zurückzieht, muss akzeptieren können, dass sein Nachfolger den Verlag anders führt. Denn er wird ihn anders führen. Und in den Augen dessen, der den Verlag gegründet hat, wird er auch Fehler machen, einfach weil er es anders macht. Wer das nicht akzeptiert, wer nicht loslässt, scheitert an der Übergabe.
Und was ist für denjenigen wichtig, der die Verlagsführung übernimmt?
Ich habe versucht, keinen Bruch sichtbar werden zu lassen. Das mag eine weibliche Herangehensweise sein, aber sie war ziemlich gut für den Verlag. Dies ist sicher der schwierigere Weg, schwieriger als alles sofort ganz anders zu machen und lautstark zu poltern: hoppla da bin ich.
Was hat sich unter Ihrer Verlagsleitung verändert?
Das Programm hat sich extrem internationalisiert. Wir galten mal als der Italien-Verlag mit hin und wieder einem französischen oder spanischen Buch. Jetzt verlegen wir zum Beispiel mehr spanischsprachige als italienische Bücher. Wir veröffentlichen weiterhin nur Bücher aus den fünf Sprachen, die wir im Lektorat lesen können: Deutsch, Italienisch, Spanisch, Englisch und Französisch; doch der Kulturraum aus dem unsere Titel stammen, hat sich erweitert. Unsere Autoren kommen nicht nur aus den fünf Ländern, sondern aus allen Regionen, in denen diese fünf Sprachen gesprochen werden.
Nennen Sie uns bitte ein Beispiel?
Im Frühjahr haben wir mit Ryad Assani-Razaki einen grandiosen Autor, der auf Französisch schreibt. Er kommt aus Benin, lebt in Kanada und erzählt von drei Jugendlichen in Afrika und der brutalen Realität auf diesem Kontinent, der es aber nicht gelingt die Liebe und die Hoffnung auf eine Zukunft zu zerstören. Assani-Razaki erfüllt das, was ich an der Literatur so spannend finde: Er hat einen fremden Blick, weil er in zwei Kulturen aufgewachsen ist. Und dieser fremde Blick befähigt viele Autoren, Dinge präziser und treffender darzustellen als Autoren, die in einer Kultur sozialisiert und dort hängengeblieben sind.
Der Verlag ist mit einem politischen und literarischen Programm gestartet. Haben sich die Gewichtungen im Programm im Laufe der Zeit verschoben?
Am Anfang stand mit den Quartheften die Literatur. Dann politisierte sich der Verlag mit Autoren wie Dutschke oder Meinhof. Später richtete sich das Interesse mehr und mehr auf Kulturgeschichte und Kunstgeschichte und die Leser für die politischen Bücher kamen unmerklich abhanden. Lange galten wir als der Verlag der schönen Bücher, nicht zuletzt wegen SALTO, und der literarischen Neuentdeckungen. Dass die politischen Bücher marginalisiert wurden, hat mir nicht gefallen, darum habe ich zusammen mit Patrizia Nanz vor fünf Jahren die Reihe Politik bei Wagenbach wiederbelebt. Wir publizieren jetzt zwei bis vier Titel im Jahr. Das macht großen Spaß, weil es sich überwiegend um Auftragsbücher handelt, wir also in die Entstehung involviert sind. Aus unserem Autorenstamm hat sich ein Diskussionsforum entwickelt, das sich zweimal im Jahr trifft und – jenseits von politischer Lobbyarbeit oder universitärer Plänkelei – über Themen und neue Autoren streitet. Solche Auseinandersetzungen gab es noch mühsam zu meiner Studentenzeit, heute findet man das nur noch selten.
Was macht ein gutes Verlagsprogramm aus?
Ein gutes Verlagsprogramm sollte schlüssig sein und nicht von der Überlegung getragen werden, ob ein Titel gut verkäuflich ist, sondern von der Überzeugung, dass ein Buch gut ist. Unter diesen Voraussetzungen braucht der Verlag natürlich auch einen besonders guten Vertrieb, denn es ist nicht einfach, diese Bücher zu verkaufen. Nina Wagenbach gelingt das wunderbar – nicht zuletzt, weil sie auf den unabhängigen und neugierigen Buchhandel setzt. Wir sind natürlich dankbar, dass sich so viele Buchhändler für unser anspruchsvolles Programm engagieren. Ein kleiner Verlag kann auf Dauer nur mit einem klaren Profil seine Bücher verkaufen und unabhängig bleiben.
Wo sehen Sie den Wagenbach Verlag in zehn Jahren?
Solche Fragen mag ich nicht. Das ist schwer zu prognostizieren. Denn ein Verlag ist darauf angewiesen, was die Autoren hereintragen. In der Literatur kann man keine Bücher in Auftrag geben. Wir müssen sehen, was auf uns zukommt. Es ist ja kein Zufall, dass wir weniger italienische Bücher machen. Die italienische Literatur ist zu unserem Bedauern momentan nicht so reichhaltig. Wie unser literarisches Programm aussehen wird, lässt sich also nicht vorhersagen. Ich weiß nur, dass wir an unseren Qualitätskriterien festhalten werden.
Welchen Einfluss haben E-Books auf die Literatur?
Ich bin ein Verfechter des schön gemachten Buchs. Dabei rede ich nicht von Kunstgewerbe, das sich gerade auf dem Markt verbreitet. Bücher sind ein hochwertiges Industrieprodukt mit hohen Auflagen. Ein SALTO-Band ist ein Industrieprodukt. Aber er hat ein gutes Leinen, ein durchgefärbtes Vorsatzpapier und er ist fadengeheftet. Trotzdem ist die Minimalauflage 4.000 Stück. Für herstellerisch gut gemachte Bücher wird es ohne Frage eine Zukunft geben.
Das bedeutet nicht, dass E-Books keine Daseinsberechtigung hätten. Das Problem ist leider, dass die Technik noch nicht unseren Ansprüchen genügt. Es heißt ja immer die Verlage hinken ein bisschen hinterher, in Wirklichkeit ist es die Technik, die hinter uns hertrappelt.
Wie meinen Sie das?
Ein komplex gestaltetes und bebildertes Sachbuch bekommt man als E-Book noch nicht hin. Aber irgendwann wird das möglich sein. Wir belassen es also momentan bei reinen Textbüchern, Literatur oder Sachbuch. Es gibt viele Gründe fürs elektronische Lesen – nicht nur wenn man wie ich 50+ ist und langsam altersweitsichtig wird.
Wird es in Zukunft noch ein Publikum für Ihr Verlagsprogramm geben?
Die Internationalisierung findet auch bei den Lesern statt. Im Sachbuch müssen wir uns fragen, ob der Leser ein Buch aus dem angelsächsischen Sprachraum nicht schon auf Englisch gelesen hat. Bei den anderen Sprachen bleibt uns das Publikum erhalten.
Und in der Literatur?
Das Publikum wird vielleicht kleiner werden, aber es wird keineswegs weniger gebildet, keineswegs weniger interessiert sein. Die Schere wird sich weiter öffnen und auf der einen Seite wird eine hochinformierte und neugierige Gruppe stehen, die liest – Gedrucktes wie Elektronisches. Die gedruckten Auflagen werden geringer, die Ladenpreise werden steigen müssen.
Ein Ende der Verlagskultur ist also nicht zu befürchten?
Nein. Die Umbrüche sind bereits massiv, sie werden auch noch weitergehen, aber ein Ende der Lesekultur sehe ich nicht.
Wird sich die Arbeit des Verlegers verändern?
Verleger waren noch nie so wichtig wie heute. Die technischen Möglichkeiten machen es leicht, alle Inhalte ins Netz zu stellen. Man kann angeblich auch Dienstleistungen dazukaufen und damit hat man ein Produkt, das wie ein Buch oder ein E-Book aus einem Verlag aussieht. Viele Verlage bieten heute in der Tat keinen Service mehr und suchen Bücher nur nach den Erfolgsaussichten aus. Wie soll man das alles unterscheiden? Der Leser ist allein gelassen. Und genau da liegt das Problem. Wagenbach ist ja eine Marke, das ist wie ein Gütesiegel. Der Leser kann sich darauf verlassen, dass er eine gute Qualität geliefert bekommt. D.h. eine strenge Auswahl, ein ordentliches Lektorat, eine sachgemäße Herstellung. Und ein klassischer Verlag macht noch sehr viel mehr: Er sorgt dafür, dass die Bücher in die Buchhandlung und zum Leser kommen. Er verschafft dem Autor eine Öffentlichkeit, Besprechungen im Feuilleton, Veranstaltungen et cetera.
Viele Buchhandlungen kämpfen mit Umsatzrückgang. Wie stehen die Chancen der Buchhandlungen?
Das Problem haben in erster Linie die großen Ketten. Die unabhängigen Buchhandlungen funktionieren deutlich besser. Dabei kommt es auf das Konzept an, nicht auf die Größe. Das Kulturkaufhaus Dussmann und die Osianderschen Buchhandlungen sind ebenso erfolgreich wie mancher kleine Kiezladen. Buchhändler, die ihren Beruf ernst nehmen, die Sortimenter sind, die genau das tun, was ein guter Verlag tut, nicht nach Erfolgschancen sondern nach Inhalten auswählen, haben gute Chancen. Das Konzept hängt von der Lage ab. Es muss für den jeweiligen Ort und die Klientel gelten und der Buchhändler muss einen Service bieten, den Amazon nicht bieten kann: zum Beispiel die persönliche Empfehlung. Im Idealfall weiß der Buchhändler schon beim Durchblättern der Verlagsvorschau, welches Buch er für welchen Kunden bestellt.
Und jede Buchhandlung sollte eine vernünftige Website haben. Die Buchhändler müssen der Ansprechpartner im Netz sein, nicht Amazon. Wir brauchen den unabhängigen Buchhandel.
Da spielt auch die Buchpreisbindung eine Rolle…
Es gibt ein paar Basics. Dazu gehören die Buchpreisbindung, der ermäßigte Mehrwertsteuersatz – und das Urheberrecht, letzteres wird gerne vergessen. Aber ohne Urheberrecht, ohne Leistungsschutzrecht für Verlage brauchen wir nicht weiterzumachen.
Das Urheberrecht ist sehr gefährdet. Die deutschen Parteien haben sich von den Piraten in die Enge treiben lassen. Selbst die kulturkonservative CDU hat sich windelweich gezeigt. Dazu kommen Probleme auf der europäischen Ebene. Das Recht hinkt hinter der technischen Entwicklung hinterher. Das ist ein komplexes Thema, das von den Verantwortlichen unterschätzt wird. Ich wundere mich immer, wie schlecht sich die enorm große Kulturindustrie – neben der Buchbranche, die Film- und die Musikindustrie – artikulieren kann, wie dieser gigantische Unternehmensbereich weniger wahrgenommen wird als beispielsweise die Landwirtschaft. Warum ist das so? Auch im Koalitionsvertrag ist der Schutz des Urheberrechts mit einem Nebensatz abgehakt worden. Jetzt hoffen wir auf Monika Grütters und Heiko Maas.
Verraten Sie uns zum Schluss noch Ihren Favoriten aus dem Frühjahrsprogramm?
Neben Iman von Ryad Assani-Razaki ist mir George Tabori besonders lieb. Er wäre 2014 hundert Jahre alt geworden und wir bringen aus diesem Anlass den zweiten Teil seiner Lebenserinnerungen. Leider sind sie ein Fragment geblieben.
Und dann haben wir uns passend zu unserem Verlagskonzept etwas Besonderes überlegt. Viele Verlage machen ja zu großen Jubiläen ein Best-of-Programm. Wir wollten etwas Neues machen und zeigen, dass der Verlag lebendig ist. Dazu haben wir fünf ziemlich junge Autoren aus unseren fünf Sprachen ausgewählt, die noch nie auf Deutsch erschienen sind. Es sind ganz unterschiedliche Bücher und wir zeigen damit, was wir literarisch für möglich halten. Unsere Aktion signalisiert, dass wir nach vorne blicken und unser Programm nicht festgefahren ist. Man muss auch mal ein Risiko eingehen. Aber es ist auch gut, dass Klaus Wagenbach als Gedächtnis des Verlags da ist. Das ist genauso wichtig wie der Blick in die Zukunft.
Die Fragen stellte Margit Lesemann