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Anne Bein – wenn Wissenschaftler ihre Aufsätze bloggen: Wo bleibt da noch Raum für Verleger und Handel?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Anne Bein, Swets-Powerfrau seit über 30 Jahren .

Anne Bein, ausgebildete Verlagskauffrau, trat nach zehn Springer-Jahren 1981 beim niederländischen Beschaffer für Fachinformation Swets & Zeitlinger ein. 1985 gründete sie die Deutschland-Niederlassung in Frankfurt und ist bis heute dort als Mitglied der Geschäftsführung aktiv. Anne Bein ist außerdem maßgeblich tätig in verschiedenen informations- und bibliothekswissenschaftlichen Verbänden.

Anne Bein, Swets ist seit Generationen…

Anne Bein

Anne Bein: … genauer gesagt seit 1901…

… der Partner für Bibliotheken im Bereich von gedruckten und digitalen Zeitschriften und Fortsetzungen. Welche Veränderungen bringt die Digitalisierung mit sich?

Anne Bein: Wie immer, Risiken UND Chancen. Alle Beteiligten der Wertschöpfungskette „Wissenschaftliche/Fachpublikationen“ definieren ihre Rolle und richten ihre Strategie entsprechend aus. Interessant ist zu verfolgen, wie die großen STM-Verlage sich positionieren und sich neue, zusätzliche Zielgruppen und Marktsegmente erschließen.

Zum Beispiel?

Anne Bein: Zum Beispiel durch Direktansprache der Wissenschaftler oder Erschließung des Education- und Bildungsmarktes. Was den Handel angeht, so tragen einige Firmen dem Wandel seit geraumer Zeit schon durch die Änderung der Firmenbezeichnung „von der Zeitschriftenagentur zu Information Services“ Rechnung. Wir sprechen heute von Content oder Inhalten. Deshalb war es für uns konsequent, von Anfang an E-Books in unser Portfolio zu integrieren und eine Vorreiterrolle im Markt zu übernehmen.

… und damit sicherlich erheblich ins Risiko zu gehen. War dieses Risiko für Swets planbar?

Anne Bein: Unsere Kernkompetenz liegt u. a. darin, Lösungen anzubieten, Arbeitsabläufe zwischen uns und den Verlagen/Anbietern und Kunden zu vereinfachen und zu optimieren. Durch die zunehmende Komplexität, besonders im Bereich der Lizenz- und Zugriffsverwaltung, d. h. des Verfügbarmachens der elektronischen Inhalte unter den vorgegebenen Rahmenbedingungen, ist diese Kernkompetenz mehr denn je gefragt – auch unter dem Aspekt des zunehmenden Kostendrucks. Für uns als Dienstleistungsagentur sind dies ganz klare Chancen. Dementsprechend ist unser Dienstleistungs- und Produktportfolio ausgerichtet. Unser Content Management Service bietet umfassende Lösungen und Services im Selection und Access Management sowie der Forschungsproduktivität. Unser neuestes Baby ist der Open Access Article Processing Charge Service (APC)…

Geht’s auch auf Deutsch?

Anne Bein: Mit dem APC unterstützen wir unsere Bibliotheks- und Verlagskunden dabei, die Artikelkosten, sprich die Finanzströme, die zwischen Autor, Bibliothek und Verlag fließen, zu verwalten, zu kanalisieren und zu bündeln, verbunden mit entsprechenden Analysen. In diesem Bereich spielen wir eine wichtige Rolle in der Branche.

Gibt es noch eine nennenswerte Anzahl von Kunden, die gar keine digitalen Zeitschriften wünschen?

Anne Bein: Nein. Es wird gewünscht, dass alle Zeitschriften und Bücher in elektronischer Form angeboten werden. Ob man diese dann erwirbt, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Welches Tempo legen die Verlage bei der Digitalisierung vor, gibt es noch Journals, die ausschließlich in Print erscheinen?

Anne Bein: Inzwischen sind über 90 % der Zeitschriften elektronisch verfügbar. Rein gedruckt publizierte Zeitschriften sind im Wesentlichen nur bei kleineren Verlagen, Gesellschaften und Vereinen zu finden. Und natürlich den Exoten. Eine ähnliche Entwicklung sehe ich auch bei wissenschaftliche und bei Lehrbüchern.

Viele große Wissenschaftsverlage haben die einzelnen Artikel ihrer Zeitschriften schon längst in Repositorien abgelegt, die die Kunden abonnieren oder aus denen sie einzelne Beiträge nutzen können. Kleinere Fachverlage mit geringerem Output haben es schwerer mit dieser Vertriebsform. Was machen diese?

Anne Bein: Es gibt auch viele kleinere Fachverlage, die bereits über eine digitale Version verfügen. Diese arbeiten u. a. mit sogenannte Aggregatoren zusammen, die eine entsprechende Plattform anbieten. Und falls es Bedarf gibt: Ich berate gerne.

Die Rollenverteilung zwischen Verlagen und Autoren wandelt sich, mitbedingt durch Open Access, den kostenlosen Zugang zu Forschungsergebnissen, die öffentlich finanziert wurden. Tangiert das auch den Handel, z.B. Swets?

Anne Bein: Natürlich tangiert es uns und damit den Handel. Aber kostenloser Zugriff bedeutet nicht kostenlose Verwaltung. Deshalb bieten wir neben den erwähnten umfassenden Content Management Serviceleistungen seit Kurzem unseren APC Service für Verlage und Bibliotheken an, den wir noch ausbauen werden.

Elsevier hat 2013 reagiert, indem man Mendeley, ein wissenschaftliches Social Publishing Network, kaufte. Mittlerweile sind dem Vernehmen nach 2,5 Mio. Wissenschaftler auf Mendeley registriert, publizieren, recherchieren, kollaborieren über ihre spezifischen Fachgebiete. Swets wollte nicht zur Seite stehen und entwickelte gemeinsam mit Mendeley die Mendeley Institutional Edition. Worin besteht die?

Anne Bein: Ich muss Sie korrigieren. Wir haben bereits 2011 mit dem damaligen Start-Up Mendeley für unsere Kunden die Institutionsversion von Mendeley entwickelt – mit dem Ziel, unseren Kunden ein Werkzeug an die Hand zu geben, das Transparenz über Nutzeraktivitäten bietet und auch eine Plattform zur Kollaboration für die gesamte Institution und Community darstellt. Durch den Einsatz der MIE, wie wir sie nennen, unterstützen wir die Rolle und Bedeutung der Bibliothek im Zeitalter Sozialer Medien.

Wie vermarktet man so etwas?

Anne Bein: Wie würde sich meine Marketingmitarbeiterin ausdrücken: “Unabdingbare Voraussetzung ist es, Kenntnis des Marktes und der Zielgruppen zu haben.“ Im klassischen Sinne die 4Ps des Marketings. Vertriebspolitik, also der Direktvertrieb, Preis-, Produkt- und Kommunikationspolitik. Voraussetzung ist, dass wir den Markt kennen, die Kunden, deren Rahmenbedingungen. Neben der klassischen Direktansprache, die eigentlich die wichtigste Rolle spielt, und den klassischen Instrumenten setzen wir natürlich auch die Sozialen Medien ein.

Welche Strategie steht für Swets hinter dieser Entwicklung?

Anne Bein: Konsequente Fortführung unserer bisherigen Rolle als neutraler Anbieter von Lösungen und Serviceleistungen in den Bereichen Erwerbung, Verwaltung, Zugriff. Wir unterstützen unsere Kunden, die Bibliotheken mit der Bereitstellung von Analysen des Nutzungsverhaltens der Bibliotheksnutzer, zum Beispiel der Studenten und Wissenschaftler. Um umfassende Lösungen anbieten und weiter entwickeln zu können, arbeiten wir verstärkt mit Partnern zusammen. Ein Beispiel ist Reprints Desk (ein leistungsfähiger Anbieter für sofortige, globale Bereitstellung von Einzelartikeln inklusive Lizenzmanagement).

Es gibt noch mehrere Plattformen wie Mendeley, z.B. Endnote. Ist es denkbar, dass Swets sich auch dort engagiert?

Anne Bein: Wie bereits gesagt, ist es logisch, dass wir neue Partner und Produkte in unser Portfolio aufnehmen. Ob dies auch Sinn für direkte Konkurrenzprodukte machen würde, bezweifle ich zum jetzigen Zeitpunkt. Außerdem gehören immer mindestens zwei zu einer Partnerschaft…

Sie sind schon „ewig“ in der Branche. Was reizt Sie daran?

Anne Bein: Das Medium Content in jeglicher Form, die Geschwindigkeit des Paradigmenwechsels, aber vor allen Dingen die Menschen in unserer Industrie. Es wird NIE langweilig . Mein Motto: „Der Handel lebt vom Wandel“.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Stammdaten und deren Qualitätssicherung sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

Mehr dazu unter http://www.swets.de/mendeley-institutional-edition

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