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7. Festival literaTurm in der Rhein-Main-Region

Uwe Tellkamp, Eva Geulen, Hubert Winkels
und Michael Krüger

Gestern Abend wurde im Kaisersaal im Frankfurter Römer die siebente Auflage des Festivals literaTurm eröffnet. Bis zum 27. Mai diskutieren über 80 Mitwirkende in 40 Veranstaltungen zum diesjährigen Thema Literatur und Zeit.

Das alle zwei Jahre stattfindende Literaturfest ist in diesem Jahr in den Frankfurter Hochhäusern OpernTurm, Park Tower, BHF-Bank und dem Vorstandssitz der IG Metall zu Gast. Außerdem gibt es Veranstaltungen in weiteren Frankfurter Kulturinstitutionen sowie in der Region – in Wiesbaden, Darmstadt und Kronberg.

literaTurm wird vom Kulturamt der Stadt Frankfurt veranstaltet und vom Kulturfond Frankfurt RheinMain, der internationalen Anwaltskanzlei Linklaters sowie dem Polnischen Institut Düsseldorf gefördert und von zahlreichen Partnern, darunter 12 unabhängigen Frankfurter Buchhandlungen, unterstützt.

Das Konzept-Festival, so klang in der Eröffnung an, ist bewusst anspruchsvoll. Das Phänomen Zeit steht im Mittelpunkt. Muss, wie Ludwig Börne meinte, jeder Zeitschriftsteller nicht ein „Geschichtsschreiber, sondern Geschichtstreiber“ sein? „Wie lässt sich Zeit literarisch figurieren, wenn das Internet und die visuellen Medien zeitliche Differenzen außer Kraft setzen?“, fragt die Festival-Leiterin Sonja Vandenrath.

Mit diesen und anderen Fragen beschäftigte sich die erste von Literaturkritiker Hubert Winkels moderierte Diskussionsrunde, an der die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen, der ehemaliger Hanser-Verleger Michael Krüger und der Autor Uwe Tellkamp teilnahmen.

Die erste Frage galt Erinnerungen. Winkels erinnerte sich an eine Mütze, die Tellkamp nach der Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis 2008 trug. Der Preisträger erinnert sich an die Galerie der 52 Kaiser von Karl dem Großen bis Franz II. und an das gemischte Gefühl von Hopp oder Top. „Die Mütze haben alte Winzer der Dresdner Gegend getragen“, erklärte er.
Michael Krüger war 2008 natürlich ebenfalls dabei: „Die Autoren mussten getröstet werden. Sie haben ja noch Zeit, um ein ausgezeichnetes Werk zu schreiben“, dachte er zurück. Zeit, so fügte Krüger hinzu, habe immer auch mit Verarbeitung zu tun.
„Jeder Teilnehmer an der damaligen Buchpreisverleihung hat andere Vorstellungen. Gesammelt ist vieles davon im Netz zu finden“, meinte Eva Geulen.

Hinsichtlich des Begriffes Zeit müsse man die verschiedenen Ordnungssysteme wie Politik, Geld, Verwaltung oder Bürokratie beachten. Die Zeitsysteme unterscheide er in Beschleunigung und Zaudern, bemerkte Uwe Tellkamp.

„Nehmen wir den gerade viel besprochenen Ersten Weltkrieg. Davon gibt es ganz verschiedene Wahrnehmungen“, knüpfte Michael Krüger an. Oft seien es jedoch nicht diese großen Ereignisse, sondern „banale Dinge, die Zeitknoten bilden und bleiben.“ Man tue so, also ob wir viel erleben, tatsächlich erlebten wir wenig.

„Die Politik unterwirft sich dem 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs“, wandte Hubert Winkels ein. „Jahrestage bieten die Möglichkeit, neu nachzulesen“, äußerte Eva Geulen.

Uwe Tellkamp erzählte aus seiner Kindheit, als er an der Seite eines Glashütter Uhrmachers durch sein Dresdner Quartier zog und beobachtete, wie dieser alle Uhren im Haus kontrollierte und richtete. Er war davon fasziniert und gab zu bedenken: „Die Uhr ist die Welt, der Uhrmacher der Weltenrichter.“

„Im 18. Jahrhundert begann die Verzeitlichung von Gegenständen, der Roman entstand“, sagte Eva Geulen und erwähnte die Ausführungen von Emil Staiger in Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters. „Staiger war ein großartiger Schriftsteller, erinnert werden aber leider nur die törichten Sachen in der Öffentlichkeit“, pflichtete Michael Krüger bei. „Wir gewöhnen uns an, Romane immer mit gewissen Zeiten zu verbinden. Das trifft nicht bei allen zu“, fügte er an. „Romane werden benutzt, um einen Stecken in die Zeit zu schlagen.“

„Die ersten 100 Seiten des ‚Turms’ haben mir als Leser viel Zeit abverlangt“, wandte sich Hubert Winkels an Uwe Tellkamp. „Ich liebe Hypotaxen!“, bekannte der Autor und unterstrich, dass er ein Gegner des Telegrammstils sei. „Man muss sich schon Gedanken machen über die stilistischen Mittel“, sagte er.

Schnell war man beim Feuilleton, das oft die Gegenwartsliteratur niedermache, wie Krüger meinte. Allgemein würde kritisiert, dass sich die Autoren nicht mit ihrer Zeit beschäftigten. „Das ist doch eine Kritik, die sich alle paar Jahre wiederholt“, wiegelte Geulen ab. Viel wichtiger sei es zu betrachten, wie der Romanautor zur Zeit und in der Zeit stehe. „Sprachlichkeit hat eine Zeitsignatur“, äußerte die Literaturwissenschaftlerin.

Bei dieser Diskussion waren die Vorträge der Autoren unversehens ans Ende der Veranstaltung gerückt. Uwe Tellkamp las eine Passage aus seinem neuen, noch nicht veröffentlichten Roman Lava, in dem Protagonisten aus Der Turm wieder auftauchen. Michael Krüger trug eigene Gedichte vor und konnte sich nicht verkneifen, den gelungenen Abend mit einem Goethe-Zitat („Das muss sein hier im Frankfurter Kaisersaal!“) zu beenden.

Details zu den einzelnen Veranstaltungen sind unter www.literaturm.de zu finden.

JF

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