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„Keine Angst vor Elendsliteratur“: Friedrich Ani stellt sich auf dem blauen Sofa

Am Freitag, 30. Mai, um 23:00 Uhr sendet das ZDF ein Interview mit Friedrich Ani auf dem blauen Sofa. Unser Reporter Nicola Bardola kennt schon den Wortlaut: „Ich habe so was noch nie gelesen“, sagt Wolfgang Herles am Ende des Gesprächs mit Ani, das den vorläufigen Höhepunkt in der Debatte um „Elendsliteratur“ bildet.

Der Hintergrund: Am 12. März zeigte sich Christine Knödler in der Welt überfordert von „Geschichten über Amok, Aids, Alkohol, Alzheimer, Asperger, Autismus, Behinderung, Drogen, Missbrauch, Mobbing, Krebs und Krieg“. Knödler klagte, die Jugendlichen fänden zu viele Titel über Gewalt in der Familie oder über Kinderprostitution und fragte, für wen und warum die Jugendliteratur diese Geschichten erzähle. Sie dienten weder der Aufklärung noch der Bewältigung.

Als Beispiel nannte sie Friedrich Anis „Die unterirdische Sonne“ (cbt): „Tränen, Stottern, Verstummen, Kriechen: Das Repertoire der Qual ist grenzenlos, die Strategien der Geschändeten auch (…) Eine unterirdische Sonne scheint hier nicht.“ Daraus folgert sie, Leser müssten sich gegen diese neue „Elendsliteratur“ wappnen. Dagegen verwahrten sich u.a. Roswitha Budeus-Budde am 15. April in der Süddeutschen Zeitung und Tilman Spreckelsen am 21. Mai in der FAZ. Nun bittet Wolfgang Herles den Urheber der Debatte aufs Sofa.

„Ist denn diese bestürzende, verstörende Geschichte Kindern zumutbar? Es ist ja als Jugendbuch deklariert“, fragt Herles. „Diese Geschichte ist auf jeden Fall jedem zumutbar, man muss sich halt drauf einlassen, es gibt eben viel Kuschelliteratur, auch im Jugendbuch, und da gehört es halt nicht dazu. Es ist ein Buch, das einen Leser, auch einen jungen Leser, herausfordert. Aber meine bisherigen Erfahrungen sind eigentlich eher so, dass die Jugendlichen weniger Probleme damit haben, eher die Erwachsenen“, erklärt Ani. „Ich glaube, dass sie sich einer Realität stellen, die Jugendlichen, und dass sie wissen, was in dieser Welt vor sich geht, und dass Dinge passieren, wie in dem Buch geschildert, und dass sie deswegen keine Berührungsangst mit dieser Realität haben. Bei den Erwachsenen ist es eine moralische Kategorie, sie sagen: ‚Hu, das wollen wir ihnen nicht zumuten.‘ Als lebten diese Jugendlichen heute in einer Parallelwelt, wo alles rosig und kuschelig ist“, so Ani.

Herles will es genau wissen: „Wenn ‚Die unterirdische Sonne‘ als Jugendbuch vermarktet wird, wird dann dieser Roman nicht ein bisschen unter Wert verkauft?“, fragt der Journalist, der sich mit seinem eigenen neuen Roman „Susanna im Bade“ (S. Fischer) mit todbringender Kunst beschäftigt. „Nein. Also erstens ist dadurch, dass er ab 16 verkauft wird, eh schon klar, dass das auch für Erwachsene ist – also es ist so ein Zwischenbereich – und dass die Buchhändler das auch wissen. Ich weiß auch von Buchhändlern, die es in beide Abteilungen stellen, für Jugendliche und für Erwachsene“, antwortet Ani. Im Gespräch werden viele weitere Aspekte hinterfragt, u.a. die Täter-Opfer-Perspektiven oder der Kontrast zwischen fast poetischer Sprache und der Grausamkeit der geschilderten Realität.

Bemerkenswerte Worte zum Schluss von Wolfgang Herles: „Ich hab so was noch nie gelesen, wunderbares Buch, vielen Dank, Herr Ani“. Wie so oft bei mutiger Literatur, die sich an Grenzen wagt, scheint auch „Die unterirdische Sonne“ die gewohnte Laufbahn von schockierter Ablehnung und vernichtender Kritik hin zu höchster Anerkennung zu nehmen. Nicola Bardola

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