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„Der Krieg der Welten“ auf Vinyl: Ein Tag im Presswerk optimal media – mit vielen Fotos

Retro-Chic: „The War of the
Worlds“ als Vinyl-Edition

Liebhaber audiophiler Meisterwerke werden bald von ihrer Ungeduld erlöst: Einen Tag nach der Buchmesse kommt das wohl berühmteste Hörspiel aller Zeiten, „The War of the Worlds“ von Orson Welles, nicht einfach nur in neuer Aufmachung in den Handel.

Und das nicht einfach nur auf CD: der Hörverlag leistet sich auch die Schallplatte als Tonträger, zum zweiten Mal nach dem erfolgreichen „Hobbit“-Hörspiel. Was macht den Reiz des Diamant-abgetasteten Kopfkinos aus? BuchMarkt-Autor René Wagner durfte hinter die Kulissen der Vinylproduktion schauen.

Ein Experiment ist es wohl nicht mehr, die Nachfrage vorhanden: Das Hörspiel „Der Hobbit“, das erste Vinylprojekt des Verlags, verkauft sich seit einem Jahr stetig. Die Verkaufszahlen nur auf Deutschland gerechnet, sind seit dem Erscheinen vor gut einem Jahr an jedem Verkaufstag irgendwo übers Land verstreut mehr als fünfzehn Exemplare à 70 Euro über die Ladentheken gegangen – und so langsam neigt sich die Erstauflage von 7.000 Stück (zusammen 49.000 Schallplatten!) dem Ende entgegen. „Zuerst wollten wir eigentlich nur 500 Exemplare fertigen lassen, weil wir uns der Pionierarbeit bewusst waren“, erzählt Pressesprecherin Heike Völker-Sieber. „Aber mit jedem Gespräch, das wir in der Branche führten und uns ermutigte, aus dem Imageprojekt auch einen Verkaufserfolg zu machen, wuchs nach und nach die Erstauflage.“

Bevor die Produktion starten kann, erfolgt im Schneidstudio der Schnitt in Lack- oder DMM-Technologie (Direct Metal Mastering)

Diesmal aber sollten Buchhändler, die ihrer Hörspielkundschaft das Besondere bieten wollen, rechtzeitig ordern, weil die Erstauflage beim „Krieg der Welten“ niedriger ist – verständlich ob des fehlenden Fahrwassers einer Kinotrilogie à la Peter Jackson, die zum kommenden Weihnachtsfest ihren Höhepunkt feiert und dem Handel sicher noch weitere Fantasy-Hörspiel-Käufer bescheren wird. Dagegen sind vom zweiten Vinyl-Ausflug des Verlags erst einmal 1.000 Exemplare produziert worden, von denen ab dem 13. Oktober zum Verkaufspreis von rund 25 Euro sicher ebenfalls recht schnell eine erstaunliche Verkaufszahl in den Händen von Hörspielplatten-Fans landen wird.

Die Kontrolle der „Mutter“ unter dem Mikroskop dient zur Feststellung feinster Abweichungen

Immerhin gibt es auch hier etwas zu feiern: das Jubiläum des 100. Geburtstages von Orson Welles am 6. Mai 2015. Dem Regisseur, Schauspieler und Autor gelang im Alter von nur 23 Jahren der mediale Durchbruch durch eine geradezu sensationelle Radio-Adaption des Science-Fiction-Romans von H. G. Wells – wobei die Legende von der Massenhysterie unter US-Hörern nach aktueller Forschung eher eine PR-Inszenierung war. So inszeniert wie das „Kopfkino“ an sich: Die akustische Dramatisierung der Buchvorlage, vor allem durch das Drehbuch von Howard Koch, war so beeindruckend, dass sie auch heute noch als Meilenstein in der Geschichte der Massenmedien gilt.

Vor der Vinylproduktion werden in der Galvanik in Kopierprozessen die Pressmatritzen hergestellt

Das Szenario am Ausstrahlungstag des Hörspiels, dem Abend vor Halloween im Jahre 1938: Ein Rundfunkabend. Orchestermusik. Dann: eine Explosion. Noch eine. Marsbewohner landen in New Jersey. Der aufgeregte Radioreporter berichtet von Außerirdischen, von ihrem Angriff auf die Bevölkerung, von Giftgas und Lichtblitzen. Die Hörer erleben ein beklemmendes, allzu realistisches Szenario.
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Fast 80 Jahre später vermag das Hörspiel wohl, nein, hoffentlich nicht mehr ganz so irreführend zu sein – doch auch heute noch umweht die Produktion eine ganz eigene Faszination, was die Königsklasse des Hörbuchs zu leisten imstande ist. Nicht umsonst gab es zahlreiche Nachahmer im Laufe der Jahrzehnte: 1977 „übersetzten“ bekannte Radiojournalisten des WDR quasi „live“ die englischen Originalszenen und brachten so scheinbar echte Nachrichten über die Invasion. Zwanzig Jahre danach sprachen Schauspieler der Fernsehserie „Star Trek“ eine amerikanische Neufassung, und zu Halloween 2010 übertrug ein Hamburger Radiosender in „Ufos über der Elbe“ die Story ins Deutsche.

Im mannsgroßen „Backofen“ werden die gedruckten Etiketten getrocknet

Und nun nähert sich also Halloween 2014 … Seit wenigen Wochen liegen die eintausend Polyvinylchlorid-Scheiben beim Hörverlag in München – schwarz gerillt mit weißer Schrift auf schwarzem Label, fertig umhüllt in aufwendig gestalteter, oben abgerundeter Langspielplatten-Verpackung. Als Highlight für die Fans gilt das originelle Cover mit einem Radioempfänger im Retro-Look, der durch die Anordnung von Lautsprechern und analoger Frequenzanzeige die Form eines „außerirdisch“ anmutenden Gesichtes bekommt.

Der Stamper reicht für die Herstellung von ungefähr 5000 Platten, …

„Die Ausstattung muss extrem stimmig sein, sonst macht das ganze Projekt keinen Sinn“, macht Heike Völker-Sieber deutlich. Abgesehen davon, dass sich mit der „Krieg der Welten“-Schallplatte auch Mitarbeiter des Verlags einen lang gehegten Wunsch erfüllten, so die Pressesprecherin, sei der Imageeffekt schon beim „Hobbit“ beträchtlich gewesen – die Sonderproduktion rücke den Hörverlag in den Fokus. „Und natürlich will man sich auch einfach mal was gönnen und den Kunden etwas ganz Besonderes außer der Reihe bieten.“

…wird dann gegen einen frischen Nachfolger ausgetauscht …

Das Flair des Besonderen spürten denn auch die Journalisten, die die Vinylproduktion bei optimal media in Röbel an der Müritz hautnah verfolgen, die fertigen Platten aber nicht in der Hand halten durften – rein der Hitze wegen, denn jede Platte, für deren Herstellung gerade mal eine halbe Minute nötig ist, landet mit einer Temperatur von gut 140 Grad auf dem Produktionsstapel. Acht Stunden später sind alle eintausend Exemplare gepresst, sechs weitere Stunden später getrocknet. Von der Eingangskontrolle der Audiodaten über den galvanischen Herstellungsprozess bis zum Trocknen des LP-Labels im kühlschrankgroßen Ofen – die schwarzen Scheiben haben einen langen Weg hinter sich.

…und wandert für eventuelle Nachauflagen ins Lager des Presswerks

Zwar ist „The War of the Worlds“ eine absolute Nischenproduktion für eines der größten Presswerke Europas, das als „Mediendienstleister“ mit über 600 Mitarbeitern jedes Jahr mehrere hundert Millionen Datenträger, Verpackungen, Bucheditionen und Druckprodukte realisiert. Trotzdem strahlt Petra Funk, Assistenz der Geschäftsleitung, sichtlich bei der Präsentation auch dieses vergleichsweise „kleinen“ Vinylprojektes: „Wir nehmen jeden Auftrag sehr ernst und freuen uns über jeden Kunden, der mit uns sozusagen den analogen Weg gehen möchte. Und natürlich ist es immer wieder schön, wenn das fertige Produkt vor einem liegt.“

Mehrere turmhohe Silos vor den Fabrikhallen sind bis oben hin mit PVC-Granulat gefüllt

Ein „Krieg der Tonträger-Welten“ im Vergleich zwischen Vinylplatten und CDs bahnt sich wohl noch lange nicht an – und doch ist der Trend hin zur „warmen natürlichen Platte“ im Gegensatz zur „kalten digitalen Scheibe“ kein kurzlebiger, sondern erkennbar langanhaltend. „Alles, was heute im Musikbereich Rang und Namen hat, kommt auf Platte“, stellt Petra Funk kurz und knapp fest. Vor zwei Jahren sei das Interesse der Musikindustrie „extrem gestiegen“: Damals fielen schon sieben Millionen LPs, aufs Jahr gerechnet, bei optimal media vom Greifer auf den Produktionsstapel. Ein Jahr später waren es schon neun Millionen, und das in diesen Tagen zu Ende gehende Geschäftsjahr werden die Röbeler wohl mit weit über 13 Millionen hergestellten Vinylplatten abschließen – allein im August sollen es 1,3 Millionen gewesen sein. Funk resümiert: „Vinyl ist eine wichtige Säule, der Anteil liegt schon bei 20 Prozent am Gesamtumsatz.“

Ein Blick in die Produktion von CDs, DVDs und Blu-rays

Überhaupt erlebt die Schallplatte hierzulande seit Jahren eine Renaissance – während die Zahl der insgesamt in Deutschland hergestellten CDs langsam, aber stetig zurückgeht. Als optisches und haptisches Erlebnis – im Gegensatz zur heutigen Welt, die von digitalen Inhalten dominiert wird – kommt der LP wieder eine wachsende Bedeutung zu. Darüber hinaus schätzen Musikkenner das Klangerlebnis, weil eine Originalaufnahme und eine gute Pressung ungleich mehr musikalische Nuancen bereithält als eine CD-Einspielung oder gar ein MP3-Track.

Bei optimal media werden alle Schallplatten von Hand verpackt

Diese Nuancen werden beim „berühmtesten Hörspiel aller Zeiten“ (Zitat des „Tagesspiegel“) eher weniger gefragt sein – viel mehr jedoch das Gefühl, in eine Zeit zurückversetzt zu werden, als man bei akustischen Meisterwerken noch nicht an Konsum und Kommerz dachte. So passt das, was die „ZEIT“ schon über die luxuriöse „Hobbit“-Ausgabe schrieb, auch wunderbar zum „Krieg der Welten“: „Es ist ein großes Vergnügen, sich diese Geschichte von schwarzen Scheiben erzählen zu lassen. Und wer dabei die Platten wendet und wechselt, vergisst rasch, wie unbequem das ist, sondern genießt das konzentrierte Ritual – auf mehr Vinylbucherlebnisse hoffend.“

Während der Produktion der „Krieg der Welten“-Schallplatten des Hörverlags wurden an dieser Stelle gerade die Elemente eines DAV-Kinderhörbuchs zusammengefügt

optimal media macht aus seiner Hoffnung keinen Hehl, dass demnächst vielleicht auch mal ein weiterer Verlag ein „Vinylhörbuch“ herstellen lässt. Die Nachauflage bei beiden Vorreitern aus München ist jedenfalls gesichert: Vom „Hobbit“ wie auch vom „Krieg der Welten“ lagern die so genannten Stamper, quasi das produktionstechnische Negativ zur Herstellung der Schallplatte, vakuumverpackt im Archiv des Presswerks. Da ihre musikalischen Kollegen immer öfter „reaktiviert“ werden, stehen die Chancen nicht schlecht, dass auch das gesprochene Wort in guter alter analoger Form ein wachsendes Publikum findet.

René Wagner

Weitere Fotos im Anschluss

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