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Friedenspreisträger Jaron Lanier: Outgesourcte Demokratie und Computer-Gläubigkeit

Jaron Lanier mit Urkunde

Heute Vormittag erhielt der amerikanische Informatiker, Musiker und Autor Jaron Lanier in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2014.

Nach den Ansprachen von Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, und Peter Feldmann, Oberbürgermeister von Frankfurt am Main, der Laudatio von Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments und der Rede des Preisträgers spielte dieser zur Begeisterung der etwa 1000 geladenen Gäste auf der Khaen [mehr…]

„In diesem Jahr verleiht der Börsenverein den Friedenspreis an den amerikanischen Informatiker Jaron Lanier, einen der schärfsten Kritiker des digitalen Kapitalismus. Diese Wahl des Stiftungsrates hebt sich von den bisherigen Entscheidungen ab und findet sich doch in ihnen wieder“, erläuterte Heinrich Riethmüller.

Der Vorsteher verwies darauf, dass wir im Internet Spuren und Daten hinterließen, „die von internationalen Konzernen gesammelt und ausgewertet werden. Damit begeben wir uns in die Abhängigkeit globaler Monopolisten, die sich jeder staatlichen und gesellschaftlichen Kontrolle entziehen, ja sie entziehen sich sogar jeder Kommunikation darüber.“
Weiter fragt Riehtmüller: „Ist der Mensch dabei, sich selbst abzuschaffen, die Werte aufzugeben, die ihm bislang wichtig waren? Was wird der Preis sein, den wir für unsere Unbekümmertheit und Bequemlichkeit bezahlen?“ Allerdings schaffe es keine Freunde, die Modernität zu hinterfragen. Dennoch müsse man darüber nachdenken: „Wird die erhoffte virtuelle Vielfalt nicht eigentlich zur realen Einfalt, wenn wir uns darauf einlassen, auf ‚Gadgets’ reduziert zu werden und wenn sich unser virtuelles Ich allein auf die im Internet hinterlassenen Daten gründet? … Schon heute ist es möglich, das Leseverhalten aus den in E-Book-Readern gespeicherten Informationen zu erkennen. Schon heute ist es möglich, Autoren zu drängen, ihre Bücher auf Grundlage dieser Erkenntnisse zu schreiben. Und schon heute wäre es möglich, einem Leser ein Buch anzubieten, das genau seinen, dem Lesegerät abgerungenen Wünschen und Erwartungen entspricht. Doch würde sich dieses vermeintliche Feinschmeckermenü dann nicht als Fast Food entpuppen, rundum gewürzt und doch sterbenslangweilig?“

Weiter stellte Riethmüller fest: „Wenn unsere Welt allzu schön beschrieben wird, wenn uns die Mächtigen – und das sind häufig nicht mehr Politiker – machtvoll suggerieren, dass wir uns nicht sorgen müssen, sondern dem Fortschritt glauben sollen, dann fällt mit das bekannte Gedicht ‚Wacht auf’ von Günter Eich ein.“ In den Versen heißt es: „Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt.“

„Great to have you here!“, begrüßte Peter Feldmann den Preisträger und würdigte Jaron Lanier als „Vordenker“ und Mahner. „Die Menschen dürfen sich nicht von Systemen vereinnahmen lassen … Ich will nicht von einer NSA ausspioniert werden. Edward Snowden ist für mich einer der Helden unserer Zeit“, sagte der Oberbürgermeister und erhielt dafür Beifall.

Außerdem wies er auf urbane Probleme hin: „Den Städten droht eine reale Gefahr. Der Online-Handel sorgt für ein Sterben des Einzelhandels … wir verlieren durch die Digitalisierung des Handels wichtige Orte des Austauschs und der Kommunikation. Wir verlieren einen Teil unserer Kultur.“

Abschließend wandte er sich an den kritischen Informatiker: „Lieber Herr Lanier! Es ist entscheidend, dass es Menschen sie Sie gibt, die mit tiefer Fachkenntnis, einem überzeugenden Menschenbild und klarem gesellschaftlichen Bewusstsein aufrütteln, dass in Zeiten einer technischen Revolution nicht nur Gutes entsteht.“

In seiner Laudation stellte Martin Schulz hinsichtlich der Digitalisierung fest: „Kaum jemand hat die Gefahren und Risiken grundsätzlicher benannt als Jaron Lanier.“ Schulz zitierte Frank Schirrmacher, der nach einem Treffen mit Lanier im Jahr 2000 formulierte: „Jaron Lanier ist einer der Cyber-Gurus Amerikas und Protagonist jener neuen Intellektuellenszene, von der Europa noch kaum eine Ahnung hat und doch endlich haben müsste, um aus dem Schlaf des alten Jahrhunderts aufzuwachen.“ Worte, die vor 14 Jahren geschrieben worden sind. „Es hat also ein bisschen gedauert, bis die Debatte über die Chancen und Risiken des Internets, die bereits seit mehreren Dekaden in Kalifornien geführt wird, auch mit großer Wucht auf dem ‚alten Kontinent’ angekommen ist“, fügte Schulz hinzu.

Weiter erläuterte der Laudator: „Lanier warnt davor, Computer und Netzwerke über das Menschliche zu stellen, den Menschen also klein zu machen, ‚die Maßstäbe zu senken, damit die Informationstechnologie scheinbar gut dasteht’, wie er schreibt … der Glaube, dass wir nur die Summe unserer Daten sind, reduziert und entwürdigt Menschen und verkennt überdies, wer der Schöpfer von Kultur ist … Deshalb ist es auch nicht hinnehmbar, dass nur einige Wenige mit diesen kulturellen Leistungen Milliardengewinne machen, während mancher Urheber eines Werkes leer ausgeht. Eine schöpferische Leistung sollte wertgeschätzt werden und wir sollten nicht dem Mythos erliegen, als gäbe es irgendetwas umsonst im Netz.“

Schulz griff Laniers Worte auf: „Da das Web die alten Medien vernichtet, stehen wir vor einer Situation, in der die Kultur tatsächlich ihr eigenes Saatgut aufzehrt“ und unterstrich: „Kulturelle Leistung soll und muss aber ihren Wert und auch ihren Preis haben und – lassen Sie mich als Buchhändler einschieben: So mancher arrogante Einwand gegen die Buchpreisbindung in Deutschland ärgert mich umso mehr.“ Hier erntete der Laudator Beifall aus dem Publikum.

Schulz forderte: „Unsere Daten gehören nicht in die Hände von nur einigen Wenigen. Denn entgegen allen positiver Möglichkeiten, die Big Data bieten kann, wird gleichzeitig durch diese Datensammel-Wut die Überwachung und Kontrolle von Menschen immer leichter. Wissen ist bekanntlich Macht, und wer weiß, was wir kaufen, wo wir uns befinden, mit wem wir befreundet sind und was unsere geheimsten Wünsche und Träume sind, der weiß zu viel über uns … Deshalb bleibe ich dabei, dass das Sammeln und die Kontrolle unserer gesamten Daten in freiheitlichen und selbstbestimmten Gesellschaften systemwidrig ist.“

Die Buchbranche betreffend äußerte Schulz: „Vielfalt ist ein Wert an sich! Wenn einzelne Internet-Plattformen, die in der analogen Welt noch Kaufhäuser, Geschäfte oder Märkte hießen, eine Größe erreichen, durch die sie den Preis, das Einkommen von Künstlern, die Bestsellerlisten, das Format der Veröffentlichungen, das Datum der Auslieferung und anderes maßgeblich bestimmen können, dann gibt es keine Vielfalt mehr, sondern beherrschende Monopole. Das goldene Kalb der Effizienz und des immer billigeren Preises setzt dann die Pluralität, für die wir uns in unserer Wirtschaftsordnung entschieden hatten, außer Kraft. Das ist inakzeptabel und deshalb teile ich die Befürchtungen, die weltweit nicht nur von Schriftstellern gegen solche machtbewussten Monopolisten artikuliert worden sind.“

Schulz forderte „Regeln für die digitale Welt“, eine „Charta der digitalen Grundrechte … denn es gibt eine Grenze, was Unternehmen, aber auch was der Staat über Menschen wissen darf.“

Der Präsident des Europaparlaments schlug einige Standards vor:
• kreative Leistungen und die Arbeit von Menschen wird honoriert und nicht als kostenlose Verfügungsmasse ausgenutzt
• Achtung der Privatsphäre
• Datensicherheit
• Irrtümer werden verziehen und vergessen
• Hinterfragen von zu großen Machtkonstellationen, die im Widerspruch zu Wettbewerb und Pluralität stehen

Dazu sollten Gütesiegel entwickelt und ein Ethikrat berufen werden.

Abschließend sagte Schulz: „Auch in dieser neuen – digitalen – Welt muss es möglich bleiben, dass Einzelne nicht alles mitmachen müssen, selbst wenn eine große Mehrheit das anders handhabt … Minderheitsschutz gilt analog wie digital.“

Heinrich Riethmüller verlas im Anschluss die Urkunde des mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und gratulierte Jaron Lanier.

In seiner Dankesrede sagte Jaron Lanier: „Wir leben in einer verwirrenden Zeit. In der entwickelten Welt haben wir so lange Überfluss genossen, dass wir ihn kaum noch zu schätzen wissen. Wir lieben besonders unsere Gadgets, denen wir immer noch Neues abgewinnen können, aber vieles deutet darauf hin, dass wir, wenn wir die Augen weiter öffnen würden, über den Rand eines Abgrunds blickten … Digitale Errungenschaften haben auf jeden Fall geräuschvolle Veränderungen in unsere Kultur und Politik gebracht … Wir haben einen ersten Blick darauf erhascht, was eine digital effiziente Gesellschaft sein könnte, und trotz der Absurdität der Überwachungsökonomie, für die wir uns scheinbar bisher entschieden haben, dürfen wir nicht vergessen, dass es auch viel Positives gibt … Doch die praktischen Hoffnungen für digitale Netzwerke werden von einem symbolischen, fast metaphysischen Projekt begleitet. Die digitale Technik wird in unserer Zeit als maßgeblicher Kanal des Optimismus überfrachtet. Und das, nachdem vor ihr so viele Götter versagt haben. Was für ein sonderbares Schicksal für ein Phänomen, das als sterile Ecke der Mathematik begonnen hatte.“

Trotzdem sei digitaler Kulturoptimismus nicht verrückt. Lanier finde es herrlich, dass er beispielsweise mit Ud-Spielern auf der ganzen Welt in Verbindung stehe und über das Internet für Konzerte proben könne. Aber: „Wenn wir unser digitales Spielzeug verwenden, unterwerfen wir uns bekanntermaßen der billigen und beiläufigen Massenspionage und -manipulation. Damit haben wir eine neue Klasse ultra-elitärer, extrem reicher und unberührbarer Technologen erschaffen; und allzu oft geben wir uns mit dem Rausch eines digital effizienten Hyper-Narzissmus zufrieden.“

Lanier beschäftigte sich auch mit der Frage: „Was ist ein Buch?“ und äußerte: „Im Internet gibt es ebenso viele Kommentare über das Internet wie Pornographie und Katzenfotos, aber in Wirklichkeit können nur Medien außerhalb des Internets – insbesondere Bücher – Perspektiven und Synthesen aufzeigen. Das ist einer der Gründe, warum das Internet nicht zur einzigen Plattform der Kommunikation werden darf … Bücher sind ein Spiel mit hohem Einsatz … in Bezug auf Aufwand, Engagement, Aufmerksamkeit, der Bereitstellung unseres Potentials, positiven Einfluss auf die Zukunft zu nehmen … das Buch ist ein Bauwerk menschlicher Würde.“

Lanier ging auf „unheimliche Metamorphosen“ ein: „Plötzlich müssen wir uns gefallen lassen, überwacht zu werden, um ein E-Book zu lesen! Auf was für einen eigentümlichen Handel haben wir uns da eingelassen! In der Vergangenheit kämpften wir, um die Bücher vor Flammen zu retten, doch heute gehen Bücher mit der Pflicht einher, Zeugnis über unser Leseverhalten abzulegen, und zwar einem undurchsichtigen Netzwerk von Hightech-Büros, von denen wir analysiert und manipuliert werden. Was ist besser für ein Buch, ein Spionagegerät zu sein oder Asche?“

Zu „Rudel-Mentalität“ und „Schwarmidentität“ legte Lanier ebenfalls seine Gedanken dar: „Wenn Generationen heranwachsen, die sich großenteils über globale korporative Cyber-Strukturen wie geschützte soziale Netzwerke organisieren und austauschen, woher wissen wir, wer die Kontrolle über diese Strukturen erbt?“ Weiter vermutet Lanier: „Die Loyalität zum Rudel wird immer wieder mit Tugend verwechselt, obwohl – besonders wenn! – Menschen sich selbst als Rebellen sehen. Es tritt immer Rudel gegen Rudel an … Immer wieder brechen krude ‚Sünden’ wie Habgier oder Rudel-Mentalität hässlich, aber verstohlen durch unser sorgsam kultiviertes Muster des perfekten Denkens – ausgerechnet dann, wenn wir uns einbilden, wir wären nahe an der technischen Perfektion. Die großartige Idee der Menschenrechte wird in unserer algorithmischen Ära durch Kumpanei zunichte gemacht. Nach Generationen von Denkern und Aktivisten, die für die Menschenrechte kämpften, was ist passiert? Konzerne sind Personen geworden – das hat zumindest das Oberste Gericht der Vereinigten Staaten entschieden! Ein Menschenrecht ist ein uneingeschränkter Vorteil, also verschwören sich gewiefte Spieler, um für sich und ihre Rudel-Kumpane das Vielfache dieses Vorteils zu errechnen. Was können wir in Amerika noch mit der Idee der Menschenrechte anfangen? Sie wurde ad absurdum geführt.“

Staatlicher Überwachung entgegenzuwirken sei grundlegend für die Zukunft der Demokratie. Doch ungleiche Wohlstandsverteilung und Sparzwänge schwächten Regierungen gegenüber Daten sammelnden Unternehmen. „Manchmal frage ich mich, ob wir unsere Demokratie an Technologie-Firmen outgesourct haben, damit wir nicht selbst zur Rechenschaft gezogen werden können. Wir geben unsere Macht und unsere Verantwortung einfach ab.“

Lanier sprach sich für eine „Synthese aus dem Besten der prä-digitalen und der digitalen Systeme“ aus und gegen den ohnehin nicht funktionierenden Plan unendlich fortschreitender Automatisierung.
„Sehen Sie sich um, ob Menschen nicht ihre Sicherheit und Sozialleistungen verlieren, obwohl das, was sie tun, immer noch gebraucht wird … Künstler, die vom Urheberrecht profitierten, werden im neuen System ihr Recht verlieren … Der Anspruch, dass alte Vorrechte über Bord geworfen werden müssen – etwa Datenschutz oder die Errungenschaften der Arbeiterbewegung –, um neuer technologischer Effizienz Platz zu machen, ist grotesk … Allen Technologie-Schaffenden gebe ich zu bedenken: Wenn eine neue Effizienz von digitalem Networking auf der Zerstörung von Würde beruht, seid ihr nicht gut in eurem Fach.“

Gesammelte Daten würden von statistischen Algorithmen analysiert. Kapitalgeber könnten mit Hilfe von Algorithmen ihr Vermögen vergrößern. Nutzer könnten zu einem Service überredet werden, ein Phänomen namens „Netzwerkeffekt“ entstehe, und schon könnten Nutzer nicht mehr frei entscheiden: „Eine Art von Monopol entsteht, häufig in Form einer in Kalifornien ansässigen Firma … wer immer diese Operationen betreibt, kann die Normen der Gesellschaft festlegen. Es ist, als wäre er König“, erklärte Lanier.

In den USA gebe es beispielsweise computerisierte Wahlkreisschiebungen und gezielte Werbung; Wahlen seien zu Wettbewerben zwischen großen Computern anstatt zwischen Kandidaten geworden. „Bitte lassen Sie nicht zu, dass so etwas auch in Europa passiert“, mahnte der Informatiker.

Er kritisierte die derzeitige oft unsinnige digitale Politik, verwies auf die viel beschworene „Facebook-Revolution“ auf dem Tharir-Platz. Damals schätzte Lanier die Lage so ein: „Twitter wird diesen tapferen, klugen jungen Ägyptern keine Arbeit geben, also kann die Bewegung nicht glücken. Freiheit, losgelöst von Wirtschaft, ist bedeutungslos.“

Das Fazit: „Wir müssen uns überlegen, ob Fantasien von maschineller Gnade lohnenswert sind. Denn wenn wir den Fantasien von künstlicher Intelligenz widerstehen, können wir zur neuen Formulierung einer alten Idee kommen, die in der Vergangenheit viele Formen hatte: Humanismus.“

Jaron Lanier widmete die Rede seinem kürzlich verstorbenen Vater.

Anschließend spielte er zur Begeisterung des Publikums auf der Khaen.

JF

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