
Heute ist die KrimiZEIT-Bestenliste November 2014 in der Wochenzeitung DIE ZEIT erschienen. Hier können Sie die Liste downloaden und als Plakat ausdrucken:
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An der Spitze der KrimiZEIT-Bestenliste November 2014 finden Sie neu:
Ein Bulle im Zug von Franz Dobler
Über Johnny Cash hat Franz Dobler (geb. 1959) geschrieben, sein erster Roman (1991 erschienen) hieß „Tollwut“, er ist ein Experte für Country-Musik, übersetzt aus amerikanischem Alltags-Englisch und ist ein gefragter DJ. Und jetzt auch noch der Autor eines seltsamen, sperrigen und faszinierenden Kriminalromans, dessen Titel alles und nichts verrät: Ein Bulle im Zug. Das klingt nach „Ein Bulle sieht rot“ und nach englischen Posträubern. Tatsächlich stammt das Motto von Ronald Biggs.
Oberkommissar Fallner hat einen achtzehnjährigen libanesischen Kleinkriminellen in vermeintlicher Notwehr erschossen. Die Waffe, die das Bürschchen gezogen hat, ist verschwunden, sein Partner, den schon beim Eindringen in die Wohnung ein Black Out befiel, kann sich an nichts Entlastendes erinnern. Fallner auch nicht, er ist suspendiert, seine waffengeile Polizistengattin zweifelt an ihm, da erfüllt er sich den Kindheitstraum einer ziellosen Bahnfahrt mit DB-Netzkarte 100. Zum Schein – oder weshalb auch immer – hat er auch einen Ermittlungsauftrag: Er soll Hinweisen auf einen möglichen Serienkiller nachgehen, der am Wochenende in der Nähe von Bahnhöfen sechs Frauen getötet hat. Seinem desolaten inneren Zustand entsprechend mischen sich in seine – oftmals bösartig präzisen – Beobachtungen des deutschen DB-Alltags Filmerinnerungen, Albträume, Fantasien und nicht zuletzt streunt der erschossene Maarouf durch die Szenen. Und die haben es in sich. Doblers von satirischer Alltagssprachmacht strotzendes Kunststück erinnert von ferne an die frühen Romane Norbert Horsts, der das Seelenleben des deutschen Polizisten Konstantin Kirchenberg per innerem Monolog erforschte. Aber Fallner fällt. Sein Held ist der Jazzmusiker Lee Morgan, den seine Frau 33jährig bei einem Auftritt erschoss. „Dobler hat unfassbare gute Augen und Ohren für den Irrwitz, die furchtbare Komik und den Wahnsinn nicht nur des gesellschaftlichen Pandämoniums, das in Zügen unterwegs ist. (..)Seine Mini-Porträts ganz ‚normaler‘ Zeitgenossen – von Barflies bis Bankiers, die sich Banker nennen – sind kleine, oft sehr komische, bissige und biestige Meisterwerke. (..) Ach, das Wichtigste wollen wir nicht vergessen: Ein Bulle im Zug ist ein kompletter, richtig guter Kriminalroman.“ (Thomas Wörtche, Plärrer)
Neu auf der KrimiZEIT-Bestenliste November finden Sie diesmal fünf Titel, einen deutschsprachigen, zwei amerikanische und zwei englische.
Auf Platz 3: Regengötter von James Lee Burke (original 2013: Rain Gods)
Von James Lee Burke ist so lange kein Buch mehr auf deutsch erschienen, dass sich nur die Leser an ihn erinnern, die schon vor einer halben Generation begonnen haben, die Romane dieses bedächtigen Autors zu lesen, dessen Werk von Louisiana bis Texas den ganzen Südwesten der USA beschreibt. 2003 erschien der bisher letzte Roman um den Polizisten Dave Robicheaux, seine wohl bekannteste Figur – allein acht warten auf ihre Übersetzung.
Burke wurde 1936 geboren, und es gehört zu seinen Tugenden als Schriftsteller, sich dem Alter wie auch anderen biographischen Tatsachen zu stellen. Hackberry Holland ist an die siebzig, sein Rücken ächzt, der Alkohol und mehr noch der Krieg in Korea und der Verlust seiner Frau haben ihn zu einem Veteranen des Lebens und des Sterbens gemacht. Jetzt ist er Sheriff, und wie alle Sheriffs lässt er es sich nicht nehmen, in seinem County zu bestimmen, was geschieht. Deshalb lässt er weder CIA noch den aggressiv-obsessiven Beamten des Grenzschutzes ICE vor Ort, als er die halbverbuddelten Leichen von neun Asiatinnen findet, die mit einem Maschinengewehr niedergeschossen worden waren. Er beschützt auch den einzigen Zeugen und seine Freundin – Hackberry ist ein schrundiger Patriarch, eines jener gebrechlich aufrechten Mannsbilder, die neuerdings die US-Kriminalliteratur bevölkern. Seine Gegner – seien sie dämonisch wie der soziopathische und belesene Massenmörder Preacher, seien sie mafiose Dumpfbacken – haben nichts zu lachen. In der grandiosen Weite von Südtexas steht Hackberry, aller Schand- und Heldentaten seines Staates und seiner Geschichte bewusst nicht ganz allein, aber unerschütterlich.
„Burke portraitiert seine Figuren in schönster Demokratie – die Schurken sowie die Guten, die Minderen sowie die Wichtigen, die Vernünftigen und die Gestörten. Und über allem steht die Natur, deren Stimmungsbilder die Dominante des Romans liefern.“ (Thomas Wörtche, Dradio Kultur)
Auf Platz 6: Schlafende Hunde von Ian Rankin (original 2013: Saints of the Shadow Bible )
John Rebus, Rankins alter Terrier von Detective Inspector ist nicht von der Polizei fernzuhalten. Sogar als Sergeant ist er bereit, Dienst zu tun, ihm kommt es auf die Arbeit und nicht auf den Rang an. Braucht er Vorgesetze zur Durchführung seiner sehr speziellen Vorhaben, gelingt es ihm immer noch, mit seiner Mischung aus Kompetenz, leiser Erpressung und Beharrlichkeit, Detective Inspector Siobhan Clarke und auch den Prinzipienreiter Malcolm Fox von den internen Schnüfflern rumzukriegen. Rankin zeigt Rebus in einer persönlichen Ausnahmesituation: der alte Bulle lernt dazu. In der Auseinandersetzung mit den Kings seines ersten Reviers, die Dreck am Stecken haben, in der Auseinandersetzung mit einer moderner, kälter gewordenen Polizei. Dabei treten seine Tugenden ebenso deutlich hervor wie seine Schwächen – womit nicht die gemeint sind, die den Puritanern von Edinburgh als erstes aufstoßen.
„Das Muster ist wie immer bei Rankin mit der aktuellen Politik und mit Korruption verwebt, denn der schottische Justizminister wird ermordet, das Gesicht der Yes-Kampagne für die Unabhängigkeit Schottlands, und so lässt sich dieser außergewöhnliche Kriminalroman auch als Geschichtsbuch lesen – allerdings mehr für das Verständnis von Macht und Machtmissbrauch in einer Stadt mit langer Geschichte.“ (Lore Kleinert)
Auf Platz 7: Die Farm von Max Annas
Sein Debüt organisiert der in der Eastern Cape–Region Südafrikas lebende Publizist, Jazzforscher und Musikwissenschaftler Annas wie den Auftritt einer Big Band: einzelne Figuren treten kurzzeitig vor zum Solo, im Hintergrund grooven die anderen. Mit dem Unterschied nur, dass die meisten Solisten abtreten müssen und das Hintergrundgeräusch zwischen Angst-Stille und Ballerei wechselt. Eine Gruppe von Schwarzen belagert die Muller-Farm, Assistenz jeder Art kommt von verschiedenen Seiten dazu. Zum Schluss: Ruhe. Alles davor liest man atemlos.
„Lange nicht hat ein deutscher Autor so furios, so gewalttätig und so entschieden mit den Bestandteilen des Genres jongliert. Lange nicht ist ein derart radikaler Krimi auf deutsch erschienen. Meine Empfehlung des Herbstes! … So groß wie brutal. Als ob es das Kino nie gegeben hätte.“ (Andreas Ammer, DLF)
Auf Platz 9: London Underground von Oliver Harris (original 2014: Deep Shelter)
Der 1978 geborene Autor Oliver Harris betrat die Bühne mit einem furiosen Knall. Sein Detective Corporal Belsey hat nicht nur den niedrigsten Rang, sondern auch als korruptes und manipulatives Miststück in einem mehr oder minder dysfunktionalen, d.h. realistisch übertriebenen Revier einen operativen Spielraum, der ihm praktisch alles erlaubt. In London Killing von 2012 übernahm er die Identität eines russischen Oligarchen und stand am Ende des Romans praktisch am Flughafen zum Sprung auf die Bahamas.
Jetzt, im fulminanten Zweitling London Underground, folgt er einem auffälligen Raser von der Straße und landet im unbekannten Untergrund der Metropole. Der englische Titel Deep Shelter signalisiert mit seiner Konnotation von militärischer Manöversprache genauer, um was es dann geht. Um Wahnsinnige und wahnsinnige Verbrechen, die begangen wurden, als die Russen damals mit ihren Atombomben vor der Tür standen und Albion bedrohten. Von Harris konnte man nach nach ersten Buch Großes erhoffen, jetzt löst er es ein. Der perfekte intelligente Thriller.
Auf Platz 10: Control von Daniel Suarez (original 2014: Influx)
Daniel Suarez, plakativ von Frank Schirrmacher als „der Jules Verne des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet, schreibt schlicht, aber effektiv und packend. Er extrapoliert denkbare Entwicklungen der Gegenwart zu ihrem erwartbar übelsten Punkt hin. Akut geht es um Gedankenkontrolle. Eine Geheimbehörde zur Überwachung des Fortschritts hat mit gekaperter Zukunftstechnologie in der Gegenwart eine megaüberlegene Parallelwelt installiert. Ihre Überlegenheit beruht auf Raub: Irgendwo in der Erdkruste werden die Genies gefangen gehalten, deren Erfindungen die Behörde exklusiv plündert. Ihr Ziel: Wissen und Intelligenz vom freien Willen trennen. Klar, dass die Genies das nicht hinnehmen.