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Bienenbütteler Tagebuch 1 – Heute: Klaus-Peter Wolf

Klaus-Peter Wolf

Es ist wieder soweit: Am 5. November wird die inzwischen 5. Ausgabe der Bienenbütteler Buchwoche in der Gemeindebücherei eröffnet. Sechs Abende dreht sich in Bienenbüttel alles um Literatur aus unabhängigen Verlage (zehn von ihnen präsentieren ihr Programms).

Wie bei der „Erstausgabe“ des Literaturfestivals, hat buchmarkt.de die Mitwirkenden gebeten, ein Bienenbütteler Tagebuch zu führen.

Heute Klaus-Peter Wolf, der mit einer ausverkauften Veranstaltung das Festival eröffnete.

Ich bin mit meinem Roman Ostfriesenfeuer auf einer schier endlosen Lesereise. Jede Nacht schlafe ich in einem anderen Hotel. Schwerin, Lüneburg, Lüchow, Münster – heute ist Bienenbüttel dran. Normalerweise mache ich meine Lesereisen mit dem Zug, sitze dann meist nah am Fenster und versinke ganz in meinen Roman.

Bedingt durch die Bahnstreiks ist diese romantische Vorstellung des Schriftstellerdaseins nicht mehr lebbar. Ich komme also mit dem Auto. Ich schlafe im Gasthof Wassermühle und, das scheint ein physikalisches Gesetz zu sein, die Gasthöfe haben immer an dem Tag geschlossen, wenn ich anreise.

Aber Frau Mammen von der Stadtbibliothek empfängt mich und hat einen Schlüssel für mich. In der Markthalle gibt es eine gute Rinderroulade. Ich gehe durch das Städtchen spazieren und erwische mich bei dem Gedanken, ob ich hier nicht auch mal in meinem nächsten Krimi eine Leiche hinlegen sollte.

Über Bienenbüttel wusste ich bisher nicht viel mehr, als dass es ein Ort in der Lüneburger Heide ist. Im Moment wird viel gebaut. Ein eiförmiger Kreisverkehr soll wohl angelegt werden.

Beim Spaziergang entdecke ich ein paar Plakate, mit denen für meine Veranstaltung geworben wird. Über jedes hat jemand dick mit Filzstiftgeschrieben: Ausverkauft.

Das freut den Autor, und auf dieser Lesereise ist das an jedem Abend so.

Ich erinnere mich daran, dass dies nicht immer so war. Die erste Lesung aus meinen Ostfriesenkrimis habe ich in der schönen Stadt Leer ausprobiert. Damals hat die Stadt ihrem Namen alle Ehre gemacht. Es kamen sieben Leute und ich fürchte, nicht alle freiwillig, sondern einige hat der Buchhändler herbeizitiert.

Ich schreibe ein paar Seiten. Das mache ich in jedem Städtchen vor der Lesung. So geht die Magie vieler Orte in den Text über.

Ja, das mag sich komisch lesen, aber eine Passage schreibt sich in Zürich anders als zum Beispiel in Bienenbüttel oder zuhause im Strandkorb auf der Terrasse.

Als ich zum Hotel zurückgehe, ist es bereits dunkel. Ich irre ein bisschen herum und suche den Gemeindesaal, in dem ich lesen soll. In dem Moment ist Bienenbüttel für mich die dunkelste Stadt, die ich je erlebt habe. Es scheint, zumindest auf meinem Weg, keine Laternen zu geben. Dafür Schlaglöcher in den Straßen und Radfahrer, die, um sich der Landschaft anzupassen, vorsichtshalber kein Licht anmachen.

Frau Mammen hat für die Gäste, die an diesem Abend zu der Lesung kommen wollen, ein paar Teelichter aufgebaut, um ihnen den Weg zu erleichtern. Das gefällt dem Kriminalschriftsteller. Atmosphärisch ist es wirklich prima. Alles bestens geeignet für gruselige Krimistimmung.

Als ich ankomme, warten schon ein paar Gäste vor der Tür. Sie haben keine Karten und hoffen darauf, dass jemand verhindert ist und seine Karten zurückgibt. Es werden noch Stühle herbeigeschafft und ich kann meinen auch opfern, denn ich selbst sitze bei so einer Lesung am liebsten auf dem Tisch, damit man mich auch in der letzten Reihe noch sehen kann.

Meine Lesung eröffnet die Buchwoche. Später werden andere Autoren kommen und auch Verleger, zum Beispiel Dietrich zu Klampen und Annabel von Engelbrechten vom Merlin-Verlag begrüßt mich freudig. Dass ich als Autor eines Großverlages überhaupt eingeladen wurde, scheint mir plötzlich eine Ehre zu sein, weil es eigentlich um die kleinen, unabhängigen Verlage geht. Der Verbrecher-Verlag ist auch mit von der Partie, in dem mein Freund, der leider zu früh verstorbene Peter O. Chotjewitz, veröffentlicht hat.

Drei Damen von der Büchereizentrale Niedersachsen sind da, unter anderem Frau Ehrlich und Frau Südkamp-Kriete. Den Damen vertraue ich jedes Jahr 14 Tage meines Lebens an und sie planen meine Tourneen liebevoll. Ich spüre überall vor Ort die ordnende Hand im Hintergrund und wenn es mal Probleme gibt, helfen sie mir, die zu lösen.

Wie üblich ist an dem Abend der Anteil der weiblichen Gäste höher als der der männliche, dafür outen sich einige männliche Zuhörer als harte Fans, die alle Romane von mir gelesen haben und auf den neuen warten.

Ich erzähle ein bisschen über das Schreiben, wie meine Figuren entstehen und die Ideen, die sich hinter all dem verbergen, ja, berichte von den Kräften, die mich antreiben. Ich treffe auf ein wohlwollendes Publikum, das begeistert mitgeht und seinen Spaß hat. Immer wieder werde ich von Applaus unterbrochen – solche Abend sind ein Glück für einen Autor.

Später dann sitze ich, noch voller Adrenalin, im Hotelzimmer und versuche, ein paar Zeilen zu schreiben.

Manche Lesungen kosten Kraft, andere geben mehr Energie. So war es in Bienenbüttel.
Dankeschön dafür!

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