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Mara-Cassens-Preis für Regina Scheer

Für ihr Romandebüt »Machandel«, 2014 bei Knauserschienen, erhält die Journalistin, Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Regina Scheer den mit 15.000 Euro dotierten »Mara-Cassens-Preis für den ersten Roman« des Literaturhauses Hamburg. Die Auszeichnung wird seit 1970 verliehen und ist der höchstdotierte Preis für einen deutschsprachigen Debütroman.

Er ist der einzige Literaturpreis, der von einer Leserjury vergeben wird. Die Stifterin Mara Cassens möchte mit dem Preis Autorinnen und Autoren ermöglichen, »sich für eine gewisse Zeit ganz dem Schreiben zu widmen«. Preisträger waren zuletzt Max Scharnigg (2011), Andreas Martin Widmann (2012) und Sarah Stricker (2013).

Wegen „seiner erzählerischen Souveränität, seiner glaubwürdigen und anrührenden Gestalten und seines empathischen Blicks auf die Geschicke des 20. Jahrhunderts „entschied sich die Jury, »Machandel« den Preis zuzuerkennen. Der eindrückliche und poetische Roman umspannt die deutsche Geschichte von den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs bis beinahe in die Gegenwart: Fünf Stimmen erzählen abwechselnd mehr als ein halbes Jahrhundert deutsche Zeitgeschichte. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist dabei das fiktive mecklenburgische Dorf Machandel, wo nur noch 20 Menschen wohnen und der Konsumbus einmal pro Woche hält. Jeder der Ich-Erzähler hat eine besondere Beziehung zu dem Fleckchen in der Mecklenburgischen Schweiz: Clara, eine junge DDR-Bürgerrechtlerin und Literatur-wissenschaftlerin, renoviert Mitte der achtziger Jahre mit ihrem Mann und den kleinen Töchtern einen heruntergekommenen Katen in Machandel, wo sie sich Freiheit für ihre Gedanken und Abgeschiedenheit erhofft. Doch die tragische Geschichte des Häuschens und das Schweigen der Nachbarn lassen sie nicht los. Ihr Vater Hans war Widerstandskämpfer, saß in den KZs Neuengamme und Sachsenhausen und stieg in den ersten Jahren der DDR zum Minister auf. Sein in Machandel aufgewachsener Ältester Jan ist Fotograf, der »falsch sieht« und in den Westen geht. Natalja wurde als junges Mädchen von Smolensk nach Machandel verschleppt und arbeitete als Zwangsarbeiterin auf dem Gutshof. Die Arztwitwe Emma kam aus dem ausgebombten Hamburg nach Machandel, um die letzten Kriegstage zu überleben.

In der Jurybegründung heißt es: »In virtuoser Vielstimmigkeit schildert Regina Scheer das 20. Jahrhundert in einer Nussschale: Das Dorf Machandel wird zum Mittelpunkt einer Welt, deren Bewohner sich durch Lebensdeutungen zu rechtfertigen versuchen. Mitlaufen oder Widerstand – welches ist die richtige Art zu leben? ›Machandel‹ ist ein warmherziges, melancholisches und äußerst komplex komponiertes Buch, das die Grenzen des ›Wenderomans‹ auslotet, in dem es die Auswirkungen der Zeitenwende auf die Gegenwärtigen untersucht. Tiefgründig recherchiert schildert der Roman nicht erfüllte Hoffnungen und Lebensenttäuschungen, zeigt aber auch sinnstiftende Freuden in der Natur und im Austausch mit anderen Menschen.«

Regina Scheer wurde 1950 in Berlin (Ost) geboren. Sie studierte Theater- und Kulturwissenschaften an der Humboldt Universität. Von 1972–1976 arbeitete sie bei der später wegen »konterrevolutionärere Tendenzen« aufgelösten Wochenzeit-schrift »Forum«. Später war sie freie Autorin von Reportagen, Essays und Liedtexten und Mitarbeiterin der Literatur-zeitschrift »Temperamente«. Nach 1990 arbeitete sie an Ausstellungen, Filmen und Anthologien mit und publizierte mehrere Bücher zu deutsch-jüdischer Geschichte.

Die Preisverleihung findet am 8. Januar 2015 um 19.30 Uhr im Literaturhaus statt. Die Preisträgerin und die Stifterin sind anwesend. Die Laudatio hält der »Zeit«-Autor Christoph Dieckmann. Die Kultursenatorin der Freien und Hansestadt Hamburg Prof. Barbara Kisseler spricht ein Grußwort.

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