Zum 01.07.2015 führen die Unternehmen Brockhaus/Commission und Umbreit-VA ihre Auslieferungen unter dem Dach von Brockhaus/Commission zusammen. Aus einer Konkurrenzsituation heraus entwickelt sich eine Kooperation, mit dem gemeinsamen Ziel, unter sich verändernden Marktbedingungen verbunden mit einer Entwicklung hin zu einer zunehmenden Lieferantenkonzentration, am Markt noch schlagkräftiger und zukunftsfähiger aufzutreten.
Wir sprachen mit Brockhaus-Geschäftsführer Matthias Heinrich über die Hinter- und Beweggründe für diesen Schritt und die Ziele.

BM: Was hat Sie zu dem Schritt bewogen?
MH: Wir beobachten das Auslieferungsumfeld und den Wettbewerb ständig. Kontakte zu Umbreit gab es im Tagesgeschäft schon immer, nur betrachteten wir uns im Geschäftsfeld Verlagsauslieferung immer als Konkurrenten. Jetzt haben die sich verändernden Marktbedingungen und die Konzentration allenthalben in der Branche uns bewogen, die Blickrichtung zu wechseln. Es stellte sich die Frage, wie sich die Unternehmen mit ihren Kompetenzen gegenseitig befruchten können. Am Ende der Überlegungen und der Diskussionen stand der logische Schritt, das Miteinander vor das Gegeneinander zu stellen um sich im Wettbewerb der Verlagsauslieferungen gemeinsam besser und zukunftsfähiger zu positionieren.
BM: Wie kamen Sie den genau auf Umbreit als Partner?
MH: Zunächst sind beides mittelständische Unternehmen in Familienhand. Da fällt es leichter, aufeinander zuzugehen und in Verhandlungen zu treten als mit Konzernen. Entscheidungen können schnell und direkt gefällt werden, Gespräche laufen auf Augenhöhe und ohne Vorbehalte bzw. Vorurteile. Beide Unternehmen, die Brockhaus- und die Umbreit-VA, haben ihren Sitz nahe beieinander in der Region Stuttgart und sind von der Größe so kompatibel, dass es bei einer Zusammenführung nicht zu Verwerfungen oder Verletzungen einer Seite kommt. Und die Werteorientierung der Gesellschafter und der leitenden Mitarbeiter sind ähnlich. Das ist ein Grund, auf dem sich gut und stabil bauen lässt.
BM: Wer hat die Entwicklung vorangetrieben?
MH: Begonnen hat alles bei einem Gespräch auf Gesellschafter- und Geschäftsführerebene. Man hat sich abgeklopft und dabei festgestellt, dass die Chemie stimmt. In der Folge haben dann, in einem Bild gesprochen, die operativen Verantwortlichen einen Bauplan erstellt und das Gerüst gestellt, damit alle Gewerke am neuen Objekt sauber abgearbeitet werden können. Am wichtigsten war und ist aber, dass die Gesellschafterfamilien voll mitgezogen haben und hinter der neuen Konstruktion stehen. Sie haben das Joint-Venture nicht nur billigend zur Kenntnis genommen, sondern stehen mit Überzeugung dahinter und sehen die strategische Sinnhaftigkeit.
BM: Wo sehen Sie kurz skizziert die Vorteile für alle Beteiligten, was sind die Ziele?
Primäres strategisches Ziel des Joint-Venture ist, die eigene Wettbewerbsposition unter sich verändernden Marktbedingungen noch schlagkräftiger und zukunftsfähiger auszubauen. Es gibt eine Entwicklung hin zu einer zunehmenden Lieferantenkonzentration, dennoch darf das Ausnutzen von Skaleneffekten nicht in den Drang nach maximaler Größe ausufern. Man muss im Markt weiterhin schnell und flexibel agieren und die Möglichkeit besitzen, auch einmal schnell oder unkonventionell auf Marktanforderungen reagieren zu können.
Die neu aufgestellte Verlagsauslieferung liefert von einem gemeinsamen Standort auf einer Rechnung und in einer Lieferung jetzt 150 Verlage mit einem Bruttoauslieferungsvolumen von über 150 Mio. € an Besteller aus. Das ist eine Größe, die weiterhin manövrierfähig und wenig störungsanfällig ist. Mit dem neuen Joint Venture entsteht ein Anbieter, der mit den neuen Verlagen und der Weiterführung der Marke Umbreit unter dem Dach von Brockhaus das Portfolio aller Bestandsverlage nicht nur qualitativ und quantitativ positiv erweitert, sondern auch das Branding und die Zielgruppenprofilierung hin zum Handel noch einmal verstärkt.
BM: Damit haben Sie zunächst eher Ihren gewünschten Nutzen beschrieben, wovon profitieren Verlage und Handel?
MH: Der erwähnte Nutzen wirkt sich mittelbar auch auf unsere angeschlossenen Partnerverlage aus. Der Handel profitiert von der Bezugsoptimierung, die Verlage von der erhöhten Attraktivität des Verlagsportfolios für den Handel. Je mehr Verlage wir auf einer Rechnung bündeln, desto attraktiver ist der oben bereits angedeutete Bezugsoptimierungseffekt für die bestellenden Kunden. Mit den zusätzlichen Verlagen aus dem Umbreit-Lager haben wir eine feine Ergänzung des Verlagsportfolios. In diesem versammeln sich für Besteller unverzichtbare Vertriebskooperationen (forum independent, Aurora), erweiterte zielgruppenaffine Programmcluster (Wissenschaft, Religion, Kochbuch, Sach-und Fachbuch) und herausragende individuelle Verlagsmarken. Das Unternehmen und die Identifikationsmarke Umbreit bleiben als Partner weiterhin erhalten, da die Verlage in der Auslieferung innerhalb der auslieferungsübergreifenden Fakturlogik Multifakt im Verlagsbündel Umbreit bestehen bleiben.
BM: Sehen Sie weitere Synergien?
MH: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können problemlos mit integriert werden und sorgen somit bei „ihren“ Verlagskunden für Stabilität und Kontinuität. Wenn Sie mit Synergien meinen, das wir ggf. das KNO-Modell Erfurt mit kombiniertem BS und VA in Süddeutschland kopieren wollten, nein. Wir haben die Abläufe analysiert und sehen in der Aufbau- und Ablauforganisation und in den Prozessen eine zu große Heterogenität, als dass das Sinn ergeben würde. Das Umbreit-BS ist sehr gut aufgestellt und in allen betriebenen Geschäftsfeldern solitär sehr erfolgreich. Eine Zusammenführung der Verlagsauslieferungen von Brockhaus und Umbreit macht aber absolut Sinn.
BM: Können Sie sich einen Anschluss weiterer passender Verlagsauslieferungsunternehmen vorstellen?
MH: Man soll niemals nie sagen, aber aus heutiger Sicht eher nicht. Es muss schon vieles passen, dass man sich auf ein Joint-Venture einlässt, menschlich und auch von der Aufbau- und Ablauflogik. Nicht zuletzt auch die regionale Nähe war jetzt ein entscheidender Faktor für die Entscheidung und somit auch die Möglichkeit, Kapazitäten zeitnah mit geringem Aufwand rationell und effizient optimal zu bespielen.
BM: Ist der Zusammenschluss letztlich nicht nur als Reaktion auf die von Oliver Voerster angestoßene radikale Konzentration auf vier Verlagsauslieferungen zu bewerten?
MH: Absolut nicht. Es ist unsere strategische Überlegung, nicht eine von Aktionismus gesteuerte Reaktion auf Initiativen oder Aussagen anderer Anbieter. Natürlich beobachtet man als Unternehmer Marktentwicklungen, aber man soll sich nicht von Dritten beeinflussen oder gar leiten lassen. Die großen Auslieferungen sind vom Auslieferungsvolumen für uns nicht erreichbar, zu den großen Vier wollen und werden wir nicht gehören. Der Markt braucht Vielfalt und wir wollen in dieser Vielfalt eine entscheidende Rolle spielen. Verlage und Handel spüren beim Mitspieler Amazon, wohin monopolartige Strukturen führen. Ich denke, daraus müssen alle ihre Lehren ziehen.
BM: Der Markt wird enger, der Wettbewerb härter. Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in der Zukunft?
MH: Im Fußballerjargon gesprochen: Wir wollen nicht in die Champions League, aber in der Bundesliga vorne erfolgreich mitspielen und Mitglieder und Fans begeistern.
Das Interview führt Christian v. Zittwitz







