
Seit dem 6.12. (Nikolaustag) bis zum 6.1. (Heilige drei Könige) fragen wir wieder in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“ Heute beantwortet Ulrike Ostermeyer, Verlegerin bei Arche unseren „anderen“ Fragebogen.
1
Welcher Tag war Ihr schönster in diesem Jahr?
Was die Verlegerei angeht, kann ich mit gutem Gewissen sagen: Der Tag, an dem ich mit der Lektüre der grandiosen, kürzlich in den USA wiederentdeckten Erzählungen der amerikanischen Autorin Lucia Berlin begonnen habe. Sie werden im kommenden Jahr unter dm Titel „A Manual for Cleaning Women“ in den USA und England wieder aufgelegt, darüber hinaus wurden sie bereits in viele weitere Länder verkauft, und bei Arche erscheinen sie in der Übersetzung von Antje Rávic Strubel im Frühjahr 2016. Diese Autorin ist einfach unglaublich – aber noch viel unglaublicher ist, dass sie bisher kaum bekannt ist.
2
Worüber haben Sie sich 2014 am meisten geärgert?
Schwer zu sagen … vielleicht über den unsinnigen Beitrag von Maxim Biller zur deutschen Gegenwartsliteratur und über die reflexartige Bereitschaft der Medien, daraus eine Debatte zu zimmern.
3
Was war 2014 Ihr schönster Erfolg?
Der Relaunch des Arche Verlags, programmatisch wie optisch. Und das fröhliche Jubiläumsfest zum 70sten der Arche im vollen Hamburger Literaturhaus am 4. September.
4
Und Ihr traurigster Misserfolg war…?
Zu wenig von der Welt gesehen zu haben!
5
Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?
Die wunderbare Autorenbuchhandlung am S-Bahnhof Savignyplatz in Berlin. Das Engagement von Marc Iven und Christian Dunker motiviert und macht sehr viel Spaß!
6
Von welchem Thema wollen Sie (warum) im neuen Jahr nichts mehr lesen?
Davon, dass die zwischen dem VdÜ, Hanser und fünf weiteren Verlagen ausgehandelte neue Vergütungsregel bei Übersetzerhonoraren für alle Verlage und über alle Genres hinweg fair und sinnvoll sein soll. Die BGH-Regelung erscheint mir nach wie vor die fairste gemeinsame Lösung, da sie die Interessen und Bedarfe beider Seiten abdeckt – es wird dem absolut gerechtfertigten Anspruch des Übersetzers auf Beteiligung am Erfolg ebenso Rechnung getragen wie dem Problem des Verlags, dass jeder übersetzte Titel mit einer Auflage unter 5000 ein großes Verlustgeschäft ist, wenn man als Hc-Verlag ohne eigenes Taschenbuchprogramm nicht bereits eine Taschenbuchlizenz in der Tasche oder besser in der Kasse hat, bevor man den Übersetzervertrag abschließt – und das ist nun mal alles andere als selbstverständlich inzwischen. Gerade in der Literatur, wenn es nicht gerade um Starautoren geht, muss das Hc mittlerweile oft die Kosten allein wieder einholen, was im Falle einer Übersetzung meist selbst bei 10.000 Exemplaren oder darüber noch nicht der Fall ist. Hier geht es um das berühmte Boot, in dem wir alle gemeinsam sitzen – dafür mag die Arche vielleicht ein Symbol sein.
7
Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?
Mehr gemeinsames Nachdenken darüber, wie wir in Zukunft noch genug Leser für literarische Texte finden in einer Welt, in der sich das Leseverhalten dramatisch verändert. Das fände ich schön und sinnvoll.
8
Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie nächstes Jahr vermeiden?
Zu viel nachts und am Wochenende arbeiten.
9
Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?
Ich hoffe, nicht diesen.
10
Welches Buch hat Ihnen dieses Jahr besonders viel Freude gemacht?
In der wenigen Zeit, in der ich ganz privat „fremd lesen“ konnte: John Williams beeindruckender Roman „Stoner“. Wiederentdeckungen sind etwas Wunderbares, siehe auch die Antwort zu Frage Nummer 1; und aus dem Arche Verlag: die großartige Neuübersetzung von Thornton Wilders berühmtem Roman „Die Brücke von San Luis Rey“, für die Brigitte Jakobeit nicht genug Lob und Dank gebührt.
11
Welches wird Ihr wichtigstes Buch im kommenden Jahr?
Der Spitzentitel im Arche-Frühjahrsprogramm: „Das Mädchen, das rückwärts ging“ von Kate Hamer, eine ebenso packende wie berührende Mutter-Tochter-Geschichte aus England.
12
Von wem würden Sie auch gern mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?
Als Pendlerin und extrem Betroffene der diesjährigen Streiks der GDL schlage ich Herrn Weselsky vor. Vor allem die Antwort auf die Fragen 5, 8, 9, 10 und 11 würden mich interessieren.
13
Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?
Welchem Buch hätten Sie in diesem Jahr noch mehr Leser gewünscht?
14
Hier können Sie die auch beantworten:
Da gibt es natürlich wie in jedem Jahr einige, die zu nennen wären, aber einem meiner Lieblingsbücher unter den in diesem Jahr erschienenen Wiederentdeckungen hätte ich ganz besonders noch mehr Leser gewünscht: dem herrlichen Antikriegsroman „Schlump“ von Hans Herbert Grimm (Kiepenheuer & Witsch)!
Morgen antwortet [Mathias Siebel, gestern stellte sich Martin Bethke unseren Fragen [mehr…]]