Nach dem Schrumpfen des konfessionellen Sortiments wird religiöse Literatur weitestgehend über den allgemeinen Buchhandel verkauft. Ist das Interesse des Lesepublikums an solchen Büchern, wie in vielen Verlagskreisen angenommen, ähnlich geschrumpft? BuchMarkt ist vom Gegenteil überzeugt. Darum bringen wir regelmäßig ein „Spezial Religion“, das die Buchhändlerinnen und Buchhändler über wichtige Entwicklungen in diesem Programmsektor informiert – wie im aktuellen Februarheft, mit neuen Ansätzen.
Welch nachhaltig großes Interesse er auszulösen vermag, zeigt der Erfolg von P. Anselm Grün. Seine Titel haben in Deutschland offenbar mehr Käufer und Leser gefunden als die Bücher von Günter Grass und Papst Benedikt zusammen – weltweit sind, mit Übersetzungen in 32 Sprachen, über 20 Millionen Exemplare verkauft worden. Wie konnte es dazu kommen? Liegt es daran, dass Anselm Grün sich, wie manche Kirchenmänner meinen, dem Zeitgeist verschrieben hat? Ist er der oberflächliche „Glückspater“, wie ihn die Bild-Zeitung genannt hat, der mit einer „Wellness-Theologie“ lockt? Wer dem Geheimnis seines Wirkens auf die Spur kommen will, möge die Festschrift lesen – mit Beiträgen von 29 prominenten Persönlichkeiten, für die Anselm Grün Wegweiser und -begleiter ist. Rudolf Walter hat sie eben unter dem Titel Inspiration für das Leben. Im Dialog mit der Bibel im Verlag Herder herausgegeben. Wir haben P. Anselm gefragt, wie er sich als Autor versteht.
Den heutigen Menschen werden mit unzähligen neuen Möglichkeiten und Methoden zur Lebensgestaltung in einer immer schwierigeren säkularen Welt konfrontiert, die sich augenscheinlich rasant von Grund verändert. Wie können ausgerechnet Sie als in Ruhe und Abgeschiedenheit lebender Mönch so vielen Menschen Lebensorientierung bieten?

Anselm Grün: Viele Menschen sehnen sich heute nach einer Spiritualität, die nicht moralisiert und nicht zu viel verspricht. Sie suchen einfach nach einer Quelle, aus der sie schöpfen können, um ihr Leben zu bewältigen. Ich versuche die Quellen zu beschreiben, die jeder in seiner Seele hat. Ich möchte die Menschen nicht belehren, sondern sie in Berührung bringen mit der Weisheit ihrer eigenen Seele.
Sie wollen bewusst keine ‚Ratgeberbücher’ schreiben. Sie liefern keine psychischen Überlebenstechniken, die sich auf neuen wissenschaftlichen oder kulturellen Erkenntnissen berufen. Sie machen keine geistigen Diätvorschriften. Worin besteht die existentielle Orientierung, die Sie bieten? Worin liegen die Sicherheiten, mit denen Sie so viele Menschen überzeugen?
Ich versuche, das Leben zu beschreiben, wie es ist. Und dann versuche ich, aus der geistlichen Tradition Wege zu beschreiben, wie wir mit den Themen unseres Lebens umgehen können, etwa mit Ärger und Enttäuschung, mit Traurigkeit und Angst, mit Verlassenheit und Minderwertigkeitsgefühlen. Dabei geht es nicht um schnelle Techniken, sondern um das Vertrauen, dass alles in mir sein darf, aber auch alles in mir verwandelt werden kann, wenn ich es anschaue und Gott hinhalte.
Aber wie gelingt es Ihnen, so etwas glaubwürdig zu sagen in einer zunehmend kirchenferneren Gesellschaft, es verständlich zu machen in einer Zeit, der die alte kirchenreligiöse Sprache unverständlich geworden ist?
Mir selbst hat es geholfen, die spirituelle Sprache immer mit einer psychologischen Brille zu betrachten. Und ich versuche, eine einfache Sprache zu sprechen, die die Menschen verstehen. Es ist eine Sprache, die die religiöse und psychologische Dimension berührt und daher das Herz anspricht, in dem jeder diese beiden Dimensionen in sich spürt.
Wir werden von allen nur möglichen Autoritäten und Institutionen unablässig aufgerufen, unser Verhalten zu ändern. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft fordern uns täglich neue, widersprüchliche programmatische ‚Reformen’ ab, die meist nur kurzfristig ‚modern’ und kaum realisierbar scheinen. Was können wir tun, um nachhaltig zu leben?
Es gibt heute die Sucht, ständig die Firmen, die Gesellschaft und sich selbst zu verändern. Aber es ändert sich nicht viel. Der Grund ist in der Aggressivität zu sehen, die im Verändern liegt. Alles muss anders werden. Ich muss ein anderer Mensch werden. Die christliche Antwort ist Verwandlung. Jede Gemeinschaft muss sich wandeln und der einzelne auch. Aber Verwandlung bedeutet: Alles darf sein. Ich würdige mich, so wie ich geworden bin. Doch zugleich weiß ich, dass ich noch mehr in die einmalige Gestalt hinein wachsen muss, die meinem Wesen entspricht – oder religiös ausgedrückt – die dem einmaligen Bild entspricht, das Gott sich von mir gemacht hat.
Sehen Sie eine Zukunft für das religiöse Buch? Wie würden Sie eine religiöse Literatur definieren oder umschreiben, die Menschen heute brauchen? Woran könnten Buchhändler erkennen, ob es sich bei einem Buch um authentische religiöse Literatur handelt?
Ein religiöses Buch muss Erfahrungen beschreiben und keine Theorien. Es muss eine bescheidene Sprache haben und darf nicht zu viel versprechen. Und vor allem darf die Spiritualität nicht zu einer Flucht in die Grandiosität führen. Wenn ein religiöses Buch dem Leser vermittelt, dass er sich über die andern stellen kann, widerspricht es echter Spiritualität. Authentische religiöse Literatur soll das Leben beschreiben, wie es ist, und zugleich Wege aufzeigen, wie man realistisch und zugleich mit Hoffnung und Zuversicht damit umgehen kann.
Das Interview mit führte Gerhard Beckmann






