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Zwischen Buch und Box bei Lehmkuhl in München: Eine kleine Verlegerkonferenz über die Zukunft des Buchhandels

Am Donnerstagabend war Einiges von dem „Plus“ der Buchhändlergruppe 5plus zu spüren: Man hat sich vorgenommen, die Tagungen, die reihum bei den Mitgliedern stattfinden, immer mit einer öffentlichen Veranstaltung zu begleiten. Diesmal also bei Lehmkuhl, und es wurden profilierte Vertreter der „neuen Verlegergeneration“ eingeladen: Dr. Marcella Prior-Callwey (Callwey, die kurzfristig für die verhinderte Tanja Graf eingesprungen ist), Jonathan Beck (C.H. Beck) und Jo Lendle (Hanser).

Moderiert von Lehmkuhl-Chef Michael Lemling in der überfüllten Buchhandlung, kamen einige Antworten auf die großen Fragen der Branche aus der Sicht eines führenden Architektur-, eines Kulturwissenschafts- und eines Literaturverlags zur Sprache. Allen drei Münchner Verlage ist gemeinsam, dass sie aus einer soliden Tradition kommen (Callwey 1863, Beck 1884, Hanser 1928) und heute noch unabhängig und im Besitz der Gründerfamilien sind.

Die erste große Frage ging natürlich auf den Umgang mit der Digitalisierung: Für Dr. Marcella Prior-Callwey hat sie im Zeitschriftenbereich ihres Verlages keinen Stein auf dem anderen gelassen – bei den stark bildgeprägten Büchern dagegen spielen E-Books keine Rolle. Jonathan Beck verwies auf ca. 4% Umsatzanteil mit E-Books, nun gut, aber zugleich machte er klar, wo die Stärke eines geistes-, kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Verlages liegt; so konnte er vermelden, dass der Monat März der umsatzstärkste Monat war, den der Verlag jemals gehabt hat, mit sieben Titeln auf der SPIEGEL-Bestsellerliste Sachbuch.

Jo Lendle wollte nicht untätig zusehen, wie Amazon den eigenen Autoren Angebote für neue digitale Publikationsformen machte, die ein herkömmlicher Verlag wie Hanser bisher nicht bieten konnte – so ist das Konzept für Hanser Box [mehr…] entstanden. Der Verlag ist dafür da, die Ideen der Autoren zu entdecken und in den Markt zu begleiten; das macht derzeit ein Promille des Verlagsumsatzes aus – aber es ist Forschung und Entwicklung.

Niemand verschließt sich den neuen technischen und gestalterischen Möglichkeiten gegenüber, und Michael Lemling verwies auf den tolino-Aufkleber an seiner Ladentür: Wir verkaufen einige Geräte, und ab und zu mal ein E-Book – verdienen kann man als Buchhändler damit so gut wie nichts. Jo Lendle prägte den Begriff vom „rückstandsfreien Lesen“, das es schon immer in Form von Heften gegeben habe und eben jetzt auch in elektronischer Form. Daher ist es nachvollziehbar, wenn ein Verlag wie Bastei Lübbe die Vision hat, in fünf Jahren 50 % seines Umsatzes mit digitalen Produkten zu machen. Davon sind die drei hier vertretenen Verlage weit entfernt.

Dr. Marcella Prior-Callweylegte einleuchtend dar, dass ihr Verlag eine klare Vorstellung der Zielgruppe ihrer Bücher hat, die sie als „Geschmacks-Bürgertum“ bezeichnete: Menschen, denen schöne Gestaltung wichtig ist, die Geld dafür ausgeben und die sich entsprechende Bücher ins Regal stellen – und das auch noch gern.

Michael Lemling nutzte diese Vorlage, um die Callwey-Hausbotschaft „Das Leben ist schön“ mit der unausgesprochenen Grundmelodie des Feuilletons zu kontrastieren „Das Leben ist eine einzige Krise“: Fast jeder Roman lebt vom Konflikt der Geschlechter, im Sachbuch wird ein Weltkrieg nach dem nächsten aufgearbeitet, und für die natürlichsten Dinge der Welt wie Kindererziehung brauchen wir Stapel von Ratgebern.

Keiner will die Krise kleinreden, meinte Jo Lendle, aber immer noch bringe die Buchbranche ein größeres Gewicht als Musik, Film und Computerspiele zusammen. Und wenn man mit den Kollegen im Ausland redete, ergänzte Jonathan Beck, sind wir mit unserer Buchhandels- und Verlags-Landschaft in einer relativ soliden Situation. Die Branche liebt das Beschwören düsterer Szenarios, die dann so nie eintreten: Vor fünf Jahren fürchtete man die Dominanz der Ketten, vor drei Jahren die Austrocknung der Buchhandelslandschaft durch Amazon, der nächste Weltuntergang wartet schon. Es war keineswegs bittere, sondern zuversichtliche Ironie, als Michael Lemling anschließend mit den Worten zu Happen und Schoppen einlud: „Jetzt trinken wir auf die Krise“.

Das Beste kam zum Schluss: Statt des üblichen Blumenstraußes und der Flasche Wein als Dankeschön schenkte Michael Lemling den drei Verlegern je drei Wochen Schaufenster.

Ulrich Störiko-Blume

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