Home > Gespräche > Wolfgang Schorlau: Der Krimi boomt. Das hat gute Gründe

Wolfgang Schorlau: Der Krimi boomt. Das hat gute Gründe

2006 wurde er mit dem Deutschen Krimipreis, 2012 mit dem Stuttgarter Krimipreis ausgezeichnet: Die Rede ist von KiWi-Autor Wolfgang Schorlau, dessen Die letzte Flucht am 20. April zur besten Sendezeit 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt wird.

Anlass für BuchMarkt, mit dem Erfinder des Stuttgarter Privatermittler Georg Dengler ein Interview zu führen.

BuchMarkt: Verfilmungen sind ja immer so eine Sache. Von Hemingway geht die Saga, dass er bei der Verfilmung von Wem die Stunde schlägt in der Pause den Vorführungssaal mit den Worten „Auch Vögelchen sind dabei…“ frustriert verlassen hat, und der Streifen war mit Ingrid Bergmann nicht gerade unprominent besetzt… Wie finden Sie denn die Filmadaption Ihres Buches?

Wolfgang Schorlau
© Bettina Fürst-Fastré

Wolfgang Schorlau: Nun, in Der letzten Flucht fliegen – dem Regisseur sei Dank – keine Vögelchen, sondern der Film ist rundum gelungen. Er hat eine enorme äußere Spannung und das Eigentliche, der tiefe Einblick in die Geschäfte einer nahezu mafiösen Pharmaindustrie, gelingt in einer kammerspielartigen inszenierten Entführungssituation.

Wer den Autor Schorlau kennt, weiß, dass es in Ihren Büchern nicht allein um Nervenkitzel und böse Buben geht. Bei jedem zweiten Tatort diskutiert die Fangemeinde, ob es denn wirklich sein musste, den sonntäglichen Mord und Totschlag mit politischen Messages zu verbinden. Ich vermute, diese Frage stellt sich Ihnen gar nicht.

Nein, denn mein Büchern gibt es keine politischen Erklärungen, sondern einen Einblick in die Realität, einen Blick hinter die Kulissen, die sich nur durch Recherche erschließt; ein Szenario, das uns normalerweise verschlossen bleibt und verschlossen bleiben soll.

Ein „klug gebautes Verwirrspiel mit Aha-Effekt“ sei der Film, war in der Presse zu lesen, und der Film erinnere über weite Strecken an die brillanten Krimi-Meisterstücke aus Skandinavien. Freut oder ärgert Sie ein solches Urteil?

Weder noch – Lars Kraume gibt dem deutschen Fernsehfilm mit dem Dengler etwas Neues, man könnte sagen: eine neue Farbe in der Fernsehlandschaft. Der Film ist nicht „skandinavisch“. Es ist ein deutscher Politthriller. Das gab es bisher nicht.

Anfang dieser Woche gab es in der FAZ einen Artikel über den deutschen Krimi-Boom von Lisa Kuppler, Tenor: ein guter Krimi ist ein Krimi, der sich gut verkauft. Wie sehen Sie das Genre (und die wie aus dem Boden schießenden Regionalkrimis) insgesamt in Programmen der verschiedensten Verlage?

Der Krimi boomt. Das hat gute Gründe, und einer ist, dass das Genre des deutschen Nicht-Krimis so schwach, so konfliktscheu, so tuberkulös, so lyrisch, also so langweilig daher kommt. Wer wissen will, wie die Dinge wirklich sind, im Leben oder nur in der Nachbarschaft, findet meist Besseres im Krimi. Sicher, es gibt die Gefahr der Überdehnung, vieles ist nicht gut, aber der (gute) Krimi liefert nun einmal, was wir alle von der Literatur und vom Leben erwarten: Spannung.

Wie ist das mit der Verfilmung Ihres Buches gewesen? Haben Sie dem Sender ein Angebot unterbreitet, ist man auf Sie zugekommen?

Raoul Reinert, der Produzent, ist auf mich zugekommen.

Wir leben in Zeiten, in denen TV-Talkshows das wichtigste Promotionmittel für ein Buch und einen Autor geworden sind. Ist so eine Verfilmung auch ein Weg, den Buchhandel mit in Boot zu holen?

Das ist meine stille Hoffnung (lacht).

Was sind Ihre Erfahrungen als bei der Zusammenarbeit Verlag/Buchhandel?

Es ist noch zu früh ein Resümee zu ziehen. Aber: Der Verlag hat den Film gut begleitet, der Buchhandel hat mitgezogen, und nun bin ich auf die Reaktion der Leserinnen und Leser gespannt.

Notwendige und absehbare letzte Frage: Es gibt noch mehr Dengler-Romane aus Ihrer Feder? Ist mit weiteren Verfilmungen zu rechnen?

Rechnen Sie mit beidem! Ich sitze gerade an einem neuen Dengler, der im November erscheint. Die schützende Hand erzählt die Geschichte des NSU und der Verquickung der Sicherheitsheitsbehörden auf eine neue, vielleicht überraschende, vielleicht wahre Weise. Und gestern schickte mir der Regisseur Lars Kraume den ersten Drehbuchentwurf zum neuen Film.
Die Fragen stellte Ulrich Faure

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Anzeige