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Verlagshaus J. Frank: Ist Lyrik wirklich schwer verkäuflich?

Seit 2005 führen drei Literatur- und Illustrationsverrückte, wie sie sich selbst nennen, das Verlagshaus J. Frank in Berlin: der Autor und Übersetzer Johannes CS Frank, die Typografin und Designerin Andrea Schmidt und der Mediengestalter und Designer Dominik Ziller.

Der kleine Independent-Verlag setzt ganz auf Lyrik. Zum 10-jährigen Jubiläum geben sich die Verleger den neuen Namen Verlagshaus Berlin [mehr…]und gehen auf Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. BuchMarkt hat nachgefragt, wie schwer es ist, Lyrik zu verkaufen.

v.l.: Dominik Ziller, Andrea Schmidt, Johannes CS Frank
(© Hans Praefke)

Wer von Ihnen hatte vor zehn Jahren die Idee zur Verlagsgründung?

Dominik Ziller: Eigentlich war das eine Schnapsidee. Ich habe Johannes Frank damals bei einer Hochzeitsfeier kennengelernt, und als wir feststellten, dass wir beide eine neue Auf¬gabe suchten, beschlossen wir spontan, eine Zeitschrift für Literatur und Illustration zu gründen, die „Belletristik“. Im Laufe der Zeit entwickelte sich dann eine enge Zusammenarbeit mit vielen Autoren und Illustratoren. Mit ihnen gemeinsam haben wir über die Jahre unseren Buchverlag aufgebaut.

Andrea Schmidt: Von Anfang an haben wir auf Lyrik, Kurzprosa und Illustration gesetzt und unser Profil im Laufe der Zeit noch geschärft.

Inwiefern?

AS: Wir haben uns ganz bewusst für die Lyrik entschieden und sie immer stärker in den Fokus genommen, so dass wir jetzt keine Prosa mehr verlegen.

Johannes Frank: Und die Vermittlung internationaler Lyrik, wie auch solcher, die über die Jahre in Vergessenheit geraten ist, ist uns neben deutschsprachiger Gegenwartslyrik immer wichtiger geworden.

DZ: Auch unsere Zeitschrift haben wir im letzen Jahr eingestellt. Schweren Herzens zwar, aber die Produktion war zu zeitaufwändig und wir wollen uns ganz auf die Bücher konzentrieren.

Und auf Lyrik?

DZ: Ja. Hierhin hat uns die Entwicklung der letzten Jahre hingeführt. Und Lyrik erlebt zurzeit einen Boom – nicht erst seit Jan Wagner jetzt als erster Lyriker mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Mit Gedichten erreichen wir auch junge Lesergenerationen, das Interesse an der Lyrik wächst! Lyrik findet nun auch an ganz anderen Orten statt – nicht nur in Büchern, Literaturhäusern, Literaturorten: Mit den vielen neuen Festivals entstehen auch neue Orte für die Lyrik, das ist eine spannende Entwicklung, die wir mit begleiten.

In Ihrem Verlag erscheinen jährlich 12 bis 14 Titel in fünf verschiedenen Reihen. Besteht da nicht die Gefahr, den Überblick zu verlieren?

AS: Nein, denn jede Reihe hat ihre eigene Ausrichtung. In der Edition Belletristik, dem Herzstück des Verlags, veröffentlichen wir deutschsprachige Gegenwartslyrik, in unserer mehrsprachigen Edition Polyphon präsentieren wir internationale Dichterinnen und Dichter, in der Edition ReVers kommen verstorbene Dichter in einer zeitgenössischen Übersetzung zu Wort. Dann haben wir noch die Edition Poeticon, eine Essay-Reihe, in der Lyriker über Begriffe wie „Geschichte“, „Geschlecht“ und „Film“ im Gedicht reflektieren. Auch über die Essays kann es gelingen, die Lyrik aus dem Elfenbeinturm herauszuholen.

DZ: Und unsere Edition Panopticon ist eine Reihe für Lieblingsprojekte, bei der es vor allem um Gestaltung geht.

Was ist das Besondere Ihres Verlags?

AS: Unsere Publikationen zeichnen sich durch die Kombination von Text, Typografie und Illustration aus. So entstehen Gesamtkunstwerke. Wir wollen unsere Leidenschaft für schöne Bücher teilen und hoffen, dass der Funke überspringt.

JF: Das Besondere ist auch schon das eindeutige Bekenntnis zur Lyrik. Wir sehen in unserer Arbeit aber auch die Aufgabe, der Lyrik in gegenwärtigen Diskursen Mitsprachemöglichkeiten zu eröffnen. Und das geht nur über Inhalte.

Warum ist Ihnen die Gestaltung der Bücher so wichtig?

AS: Wer sich für Lyrik interessiert, legt meist Wert auf schöne Bücher. Und das zu Recht: Lyrik bedarf nach unserer Überzeugung eine bewusst gewählte Gestaltung. So wie wir mit unseren Autoren die Form ihrer Gedichte reflektieren, reflektieren wir die Form unserer Bücher.

DZ: Und durch die aufwendige Gestaltung erreichen wir auch die Leserinnen und Leser. Viele werden von der Optik unserer Publikationen angesprochen und bekommen dadurch Lust, sich mit Lyrik zu befassen.

Erscheinen Ihre Titel auch als E-Book?

DZ: Die Form und die Möglichkeiten des E-Books waren für uns schon immer hochinteressant, aber bisher waren Gedichtbände im digitalen Raum immer unbefriedigend, allein schon wegen der problematischen Darstellung von Umbrüchen. Im Herbst nähern wir uns dem elektronischen Buch noch einmal ganz neu.

Wie soll das aussehen?

DZ: Auf der Frankfurter Buchmesse stellen wir die ersten fünf Titeln unserer neuen E-Book-Reihe, der Edition Binär vor. Dennoch bleibt das gedruckte Buch unser Schwerpunkt. Wir setzen auf eine Kombination aus beiden Formaten – wie Rolltreppe und Treppe.

Sie sind regelmäßig beim Poesiefestival mit einem Stand vertreten und auch bei den „Kleinen Verlagen am Großen Wannsee“. Was reizt sie an dieser Art von Veranstaltung?

AS: Wir betrachten solche Märkte in erster Linie als Möglichkeit, unsere Bücher zu präsentieren. Der Austausch mit den Lesern steht hier im Vordergrund.

JF: Dazu haben solche Veranstaltungen meist ein Rahmenprogramm mit Lesungen, das ist für uns und unsere Autoren immer besonders wichtig.

Wie machen Sie die Buchhandlungen auf Ihren Verlag aufmerksam?

AS: Die Zusammenarbeit mit den Vertreterinnen von Indiebooks hat sich bewährt. Gemeinsam entwickeln wir auch Veranstaltungsformate, etwa einen Lyrik-Abend in der Buchhandlung, bei dem wir über die Zukunft von Lyrik sprechen und darüber, was Lyrik sein kann.

DZ: Die Bestellungen aus dem Handel nehmen kontinuierlich zu und auf Buchmessen bekommen wir viel positives Feedback. Ich glaube, „Lyrik verkauft sich nicht“ ist nur eine Phrase. Wir machen da ganz andere Erfahrungen.

Nennen Sie bitte ein konkretes Beispiel.

AS: Das Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin hat beispielsweise im vergangenen ein ganzes Fenster mit unseren Titeln gestaltet. Das war sehr erfolgreich für uns. Auch auf der diesjährigen Buchmesse in Leipzig war eine Euphorie seitens der Buchhändler zu spüren. Dennoch wünschen wir uns manchmal eine optimistischere Herangehensweise des Handels an das Thema Lyrik.

DZ: Man muss mit den Kunden ins Gespräch kommen, ihnen die Angst vor Lyrik nehmen. Das ist der Schlüssel.

Welche Verkaufsargumente empfehlen Sie Buchhändlern?

JF: Verkaufsargumente würden wir das nicht nennen, wir versuchen die Buchhändler sich mit uns in unserem Aufruf „poetisiert euch“ zu verbünden, Leserinnen und Leser mit unserer Begeisterung für Lyrik anzustecken.

AS: Gedichte sind Universen auf kleinstem Raum. Lyrik nicht nur als Form der Weltbeschreibung und Weltwahrnehmung zu erfahren, sondern auch als Form des Erkenntnisgewinns und der Freude an Literatur, diese Erfahrung kann auch Begeisterung auslösen!

Sie sind zu dritt. Trägt sich der Verlag wirtschaftlich?

DZ: Ja, der Verlag trägt sich und die Umsätze gehen nach oben. Aber er ernährt uns noch nicht. Jeder von uns hat nebenbei noch einen anderen Job.

Zum Jubiläum ändern Sie ihren Namen in Verlagshaus Berlin. Warum?
AS: Bei der Gründung haben wir gedacht, der Name eines der Gründer wirke seriöser. Aber wir sind ja zu dritt, das verwirrt und es war Zeit, das zu ändern.

Planen Sie weitere Kurskorrekturen?

AS: Wir werden unser Profil weiter schärfen, unseren Autorenstamm punktuell vergrößern und beim Corporate Design nachjustieren.

Und Sie gehen auf Tournee.

DZ: Ja, unser Jubiläumsfest am 6. Juni im Roten Salon der Volksbühne ist der Abschluss unserer Verlagstournee. Wir werden mit einem Kleinbus unterwegs sein und in zehn Städten mit unseren Autorinnen und Autoren Texte aus den vergangenen zehn Jahren lesen und Einblicke in die nächsten Jahre gewähren. Am 28. Mai geht es bei Phil in Wien los.

Verraten Sie uns zum Schluss noch, was Ihre Leser im Herbstprogramm erwartet?

DZ: Besonders freuen wir uns auf die indonesische Lyrikerin Dorothea Rosa Herliany. Sie gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Dichterinnen ihres Landes. In ihren streitbaren und politischen Texten haben wir sofort etwas erkannt, das wir im Verlagshaus vertreten möchten. Wir haben sie entdeckt, als sie Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD war, und wir waren sehr überrascht, dass Dorothea Rosa Herliany bisher auf dem deutschen Markt noch nicht vertreten ist. Im Herbst wird ein Best-of ihrer Gedichte in der Übersetzung von Brigitte Oleschinsky und Ulrike Draesner erscheinen und wir freuen uns schon sehr auf die Auftritte der Autorin bei der Frankfurter Buchmesse.
ml

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