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Frankfurt: Theater, Bücher und Insider-Wissen

Heiner Flassbeck, Volker Handon, Daniel Baumann

Am Donnerstag Abend, 11. Juni, startete im Theater Willy Praml in der Naxoshalle in Frankfurt die neue Reihe Redezeit auf Naxos, bei der das Theater mit dem Westend Verlag kooperiert. Das Theater war rappelvoll – das würde sich Willy Praml auch zu all seinen Vorstellungen so wünschen.

Im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung stand das Thema Finanzsysteme. Dazu zeigte das Theater Willy Praml als Einführung eine Szene aus Albert Ostermaiers Erreger – Ein Trader in Quarantäne mit Jakob Gail, der ähnlich einem Gekreuzigten an eine Wand getapt war und von dort in nicht eben bequemer Lage monologisierte.

Vorab erklärte Theaterchef Praml kurz die Geschichte des Industriedenkmals Naxoshalle, wo bis 1980 Schleifmittel hergestellt wurden. „Seit 2000 feilen, pressen, schmirgeln und schleifen wir hier an Texten der deutschen Literatur“, schloss Praml.

Der Trader in Quarantäne erinnerte sich an seine Kindheit, an gefangene und gequälte Wespen. Weiter heißt es im Text: „ich bin einfallsreich kreativ jung skrupellos hoch motiviert die gesellschaft kann es sich nicht leisten mich zu verlieren“. Ein Börsenmakler verhalte sich wie ein Alkoholiker, wenn er von Schnaps auf Bier umsteige. Er müsse daran arbeiten, seine Persönlichkeit zu verändern, wenn er Profi werden wolle.

Nach der mit viel Applaus bedachten Szene wurde die Bühne zum Podium. Verleger Markus Karsten stellte die Teilnehmer vor: Neben Heiner Flassbeck, ehemaliger Direktor der UNCTAD in Genf, der im Februar 2015 im Westend Verlag gemeinsam mit Costas Lapavitsas das Buch Nur Deutschland kann den Euro retten. Der letzte Akt beginnt veröffentlichte, saß Volker Handon, von dem gerade bei Westend das Buch Die Psycho-Trader. Aus dem Innenleben unseres kranken Finanzsystems. Ein Insider erzählt erschien. Als Moderator fungierte Daniel Baumann, Frankfurter Rundschau.

„Ich kann eine Menge Parallelen zum Stück erkennen. Nur den Alkohol sollte man in den Anfangsjahren unterlassen, sonst bringt man es nicht weit“, bekannte Handon in Bezug auf die Szene. Volker Handon war selbst als Wertpapierhändler für Banken und Fondsgesellschaften an der Börse tätig, handelt jetzt nur noch mit eigenem Geld und auf eigene Rechnung. Der Profi weiß sehr genau, wie es hinter den Anzeigetafeln und Bildschirmwänden zugeht.
„Abstraktes Denken und Disziplin sind notwendig im Geschäft. Und man darf sich nicht von Zahlen beeindrucken lassen, denn das ist die Anleitung zum unglücklich sein“, fasste Handon die Anforderungen an einen Trader zusammen. Die meisten Leute hätten keinen blassen Schimmer, was an der Börse passiere, sagte er und stellte fest: „Am System wird sich nichts ändern durch mein Buch. Deshalb waren alle Beteiligten tiefenentspannt, als es erschien.“
Monetär habe sich sein Job gelohnt, beantwortete Handon eine Frage Daniel Baumanns, menschlich müsse man allerdings feststellen, dass diese Arbeit vollkommen sinnfrei sei. „Das ist frustrierend“, meinte der Autor.

Heiner Flassbeck ergänzte: „Wenn man die Märkte analysiert, entdeckt man Fehler. Wenn die einen Gewinn machen, müssen andere zwangsläufig Verluste verzeichnen. Das Finanzsystem ähnelt Schilda, wo die Bürger mit Eimern das Sonnenlicht einfangen wollten – so ähnlich ist das mit den Tradern.“ Die Börse sei unwichtig und richte Schaden an, sie ähnele einem „globalen Casino, bei dem am Ende nichts herauskommt“. Die Frage, wozu eine solche Einrichtung diene, sei von Ökonomen nie beantwortet worden.

Flassbeck erinnerte an den Hype um Rohstoffe, die aufgrund von Spekulationen und Herdenverhalten künstlich verknappt würden und nannte ein Beispiel: „Wir haben unsinniges Geld für falsche Ölpreise bezahlt.“

Nein, an der Börse könne man nicht reich werden, das sei ein unsinniges Versprechen, das allerdings von vielen geglaubt werde, setzte Handon fort und kritisierte die Informationspolitik der Medien, die viel zu Spekulationen beitrage. Zuverlässige Indikatoren an der Börse seien Panik und Euphorie.

Flassbeck erläuterte am Beispiel Brasilien, wie sich falsche Geldpolitik auswirken kann. Ein hoher Zinssatz führte zur Aufwertung der brasilianischen Währung, weil viele ihr Geld nach Brasilien brachten und so die Geldmenge wuchs. „Selbst die japanischen Hausfrauen haben da mitgemacht. Und die ganze Welt schweigt. Dieses Phänomen widerlegt alle Theorien von effizienten Märkten.“ Am Ende musste der Real allerdings abgewertet werden, der brasilianischen Industrie entstand ein hoher Schaden.

„Kapital und Versprechen erzeugen solche absurden Entwicklungen“, äußerte Handon. „Und warum haben wir keine Politiker, die das aufgreifen?“, fragte Flassbeck. „Man muss im Bildungsbereich ansetzen, die Leute aufklären. Die Panikmache über das Rentensystem ist nicht nachvollziehbar. Renditeversprechen gehen nicht auf“, äußerte Handon. „Geld kann nicht in die Zukunft verschoben werden“, stimmte Flassbeck zu. Viel besser sei es, die Produktivität zu erhöhen.
„Das strategische Ziel der Finanzbranche ist es, den Kunden das Geld aus der Tasche zu ziehen und in die eigenen Töpfe zu bekommen“, konstatierte Handon, „wir haben etwa 7000 Hedgefonds weltweit. Und eine Presse, die Des-Informationen unterstützt. Wer nichts weiß, muss viel glauben.“

„Ein tolles Wirtschaftswachstum läge bei etwa zwei Prozent. Aber wie wird dieses Wachstum verteilt? Japan hat 25 Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass es zwischen Zinsen, Löhnen und Kaufkraft Zusammenhänge gibt. Wann merken das die anderen endlich?“, ärgerte sich Flassbeck.

Reiche sollten das Geld nicht auf die Kante legen, sondern konsumieren. Zudem müsse das Steuersystem geändert werden, schlug Handon vor. „Selbst ganz normale Unternehmer sind zu Sparern geworden, statt zu investieren. Das ist doch pervers“, pflichtete Flassbeck bei.

Vor 25 Jahren, als Volker Handon ins Börsengeschäft einstieg, habe es etwa 150 aktive Selbsthändler gegeben. Inzwischen sei die Zahl unglaublich angestiegen, Nischen im Markt seien immer schwieriger zu finden. Gebotene Maßnahmen seien seiner Meinung nach die Auflösung der Schattenbanken und ein entsprechendes Clearing sowie die Verstaatlichung der Börse. „Wenn die Rendite gegenwärtig bei 25 bis 30 Prozent liegt, würde sich das richtig lohnen“, sagte Handon.

„Wichtige Preise wie der Ölpreis dürfen nicht von Spekulationen getrieben werden. Der Staat muss eingreifen. Es sollte ein globales Währungssystem entstehen, die Anzahl der Trader begrenzt werden“, forderte Flassbeck.

In der anschließenden Diskussion wurden Fragen zu Schattenbanken, Finanztransaktionssteuer, Hochfrequenzhandel – der Rekord liegt übrigens bei 41.000 abgeschickten Orders in der Sekunde – und Marktregulierung erörtert.
„Trennbanken? Gute Idee. Doch dann sollte man die Leute aufklären und gleich an den Gebäuden sichtbar machen: Hier ist die Bank, dort die Spielbank“, beantwortete Flassbeck eine Frage.

„Und wo würden Sie 50.000 Euro anlegen?“, wollte trotzdem jemand wissen. „Anlegen? Alles ist ein Spiel. Wenn Sie zocken wollen, gehen Sie zur Bank. Wenn Sie sicher sein wollen, legen Sie’s unters Kopfkissen“, riet Handon. Ganz so krass sah das Flassbeck nicht: Staatsanleihen seien mit einer 1,5-prozentigen Verzinsung doch relativ sicher. „Aber gehen Sie nicht zur Bank, sondern kaufen Sie die Anleihen direkt“, gab der Experte noch mit auf den Weg.

Im September ist die nächste Veranstaltung der neuen Kooperation Theater Willy Praml und Westend Verlag geplant.

JF

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