Die Stadt Darmstadt zeichnet die Schriftstellerin Barbara Honigmann (66) mit dem Ricarda-Huch-Preis 2015 aus – als „eine der herausragenden Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur: Eine Schriftstellerin, die sich in ihrem literarischen Werk auf feinfühlige und tiefgründige Weise mit der eigenen Herkunft, Tradition und Geschichte auseinandersetzt“, so die Begründung der Jury.
Barbara Honigmann ist die Tochter deutsch-jüdischer Emigranten, die die Zeit des Nationalsozialismus im britischen Exil überlebten und 1947 nach Berlin zurückkamen. Barbara Honigmann studierte an der Humboldt-Universität Theaterwissenschaften und arbeitete nach ihrem Abschluss 1972 als Dramaturgin und Regisseurin. Seit 1975 ist sie freie Schriftstellerin. 1984 reiste sie aus der DDR aus und lebt seitdem in Straßburg. Sie ist Mitglied des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, seit 2007 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz und seit 2009 korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Honigmanns Bücher seien geprägt von einem weltoffenen Blick, der Faszination für andere Lebensformen, und dem gleichzeitigen Bedürfnis, die eigene Identität zu behaupten, so die Jurybegründung zur Vergabe des Ricarda-Huch-Preises: „Von ihrem gefeierten Debüt „Roman von einem Kinde“ (1986) bis zu ihrem jüngsten Buch, „Chronik meiner Straße“ (2015), tragen fast alle Werke Honigmanns autobiographische Züge. Immer wieder erzählt die Autorin auch von ihrem „dreifachen Todessprung ohne Netz“, dem 1984 erfolgten Umzug der Familie von Ost-Berlin nach Straßburg, und damit „vom Osten in den Westen, von Deutschland nach Frankreich und aus der Assimilation mitten in das Thora-Judentum hinein“. Schreibend legt sie die Bruchstellen der Vergangenheit offen; sei es in der turbulenten Lebensgeschichte der Mutter, die sich vom Judentum abwandte, wie in „Ein Kapitel aus meinem Leben“ (2004), oder in der Heimatlosigkeit des 1947 aus dem Londoner Exil nach Berlin heimgekehrten jüdischen Vaters in „Eine Liebe aus dem Nichts“ (1991). So bewegt und bewegend die Geschichten sind, die Barbara Honigmann erzählt, so sehr kommt der Autorin dabei die Rolle einer Hüterin zu, einer Bewahrerin von Schicksalen, Erinnerungen und Gefühlen, die sie poetisch gestaltet und verdichtet, so dass daraus etwas ganz Eigenes wird. Mit ihrer „Chronik meiner Straße“, der Straßburger Rue Edel, ist der Autorin nicht nur ein höchst lebendiges Porträt jüdischen Lebens im heutigen Europa gelungen, sondern auch ein Buch über das nachbarschaftliche Zusammenleben verschiedenster Völker und Kulturen.
Seit 1978 verleiht die Stadt Darmstadt im dreijährigen Rhythmus in Erinnerung an die deutsche Schriftstellerin den Ricarda-Huch-Preis. Mit dem Ricarda-Huch-Preis ausgezeichnet werden Persönlichkeiten aus Kunst oder Literatur, aus Wissenschaft oder Politik, deren Wirken in hohem Maß bestimmt ist von unabhängigem Denken und mutigem Handeln, verbunden mit einem uneingeschränkten Wirken für jene unveräußerlichen humanen, emanzipatorischen und freiheitlichen Grundsätze, die sich aus der europäischen Geschichte herleiten und die Ideale der Humanität und Völkerverständigung als Werte der historisch-kulturellen Identität der europäischen Gesellschaften fördern.
Die bisherigen Preisträger sind Friedrich Luft, Marcel Reich-Ranicki, Siegfried Unseld, Herta Müller, Martin Walser, Adolf Muschg, Alexander Kluge, Ignatz Bubis, Frantiček Cernę, Orhan Pamuk, Hanna Krall und Sibylle Lewitscharoff. Die Preisverleihung findet am 3. Oktober in Darmstadt statt.