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Frankfurter Lyriktage mit „langer Nacht“ beendet

Rike Scheffler: Performance mit Publikum

Zehn Tage lang begeisterte das vierte Lyrikfestival [mehr…] zahlreiche Besucher bei Veranstaltungen in Frankfurt und in der Rhein-Main-Region. Gestern Nacht ging es mit der Langen Nacht der Lyrik zu Ende.

Zunächst im Rohbau des Historischen Museums geplant, musste die Veranstaltung aufgrund der erwarteten hohen Besucherzahlen in den Saal der ebenfalls auf dem Römerberg befindlichen Evangelischen Stadtakademie Frankfurt verlegt werden.

Sonja Vandenrath, Programmleiterin des Festivals, stellte in ihrer Begrüßung fest: „Lyrik scheint wieder im Trend zu sein.“ Zudem sei der Veranstaltungsort wohl die am besten bewachte Lyrikveranstaltung, die sie je erlebt habe – über Römerberg, Paulskirche, Goetheplatz und Roßmarkt kreisten wegen verschiedener großer Demonstrationen Hubschrauber.
Vandenrath sprach von der „beglückenden Erfahrung, dass sich ein großes Publikum für Lyrik interessierte“. Die meisten Veranstaltungen seien ausverkauft gewesen. Sicher habe die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse 2015 an Jan Wagner für seinen Gedichtband Regentonnenvariationen [mehr…] der Begeisterung für Poesie einen Impuls gegeben.

Glücklicherweise störte das Rotorengeräusch nur den Beginn der Lesung. Es wollte nicht so recht passen zur musikalischen Einführung Pression von Helmut Lachenmann, auf dem Cello vorgetragen – also gezupft, gekratzt, gestreichelt, getrommelt, geklopft – von Ella Rohwer, Mitglied des die Veranstaltung begleitenden Ensemble Modern.

Die erste Runde des Abends bestritt Heinrich Detering im Gespräch mit Alf Mentzer. Detering, seit 2011 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, hatte seinen Band Wundertiere mitgebracht, 2015 im Wallstein Verlag erschienen. „Was sagen Sie dazu, dass fast alle Veranstaltungen des Lyrikfestivals ausverkauft waren?“, fragte Mentzer. „Das ist doch sehr erfreulich und kann gefeiert werden“, antwortete Detering. „Vielleicht ist es auch auf eine Ermüdung des Publikums der Romanindustrie gegenüber zurückzuführen“, fügte der Literaturwissenschaftler hinzu. Lyrik verstehe er „als besondere Inszenierung im eigenen Körper, wie Songs“. Er empfahl, nach einem stressigen Arbeitstag nicht den Lieblingssong zu hören, sondern vielleicht auch das Lieblingsgedicht zu lesen. „Nein, Liliencron würde ich da nicht lesen“, beantwortete Detering eine Nachfrage. Allerdings habe Detlev von Liliencron „kleine Edelsteine in einer großen Wüste von Spreu und Weizen“ hinterlassen.
Von einer Einteilung in E- und U-Lyrik halte Detering nichts: „Es gibt eher doofe und gute Gedichte.“ Anschließend las er sein Erasmus Darwins Wundertier und Requiem für eine Seekuh. Wrist aus dem gleichnamigen Gedichtband folgte, beschrieben als hic habitant leones, also da, wo die Löwen wohnen, am Ende der Welt.

Nächste Gesprächspartnerin von Alf Mentzer war Marion Poschmann. „Vielleicht gibt es nicht mehr so elementare Unterschiede zwischen Lyrik und Prosa in der modernen Literatur“, meinte sie zu Beginn. Der Titel ihres 2010 bei Suhrkamp erschienener Bandes „Geistersehen“ gehe auf die Schrift Träume eines Geistersehers (1766) von Immanuel Kant zurück. „Gedichte haben für mich etwas von Geistern“, äußerte Poschmann.

Rike Scheffler beendete die erste Runde. Scheffler gehört G13 an, so der (vieldeutige) Name des 2009 gegründeten Lyrikkollektivs in Berlin. „Lyrik ist für mich nie Elfenbeinturm“, sagte die Autorin von der rest ist resonanz, 2014 erschienen bei kookbooks. Der geschichtsträchtige Wannsee sei für sie ein guter Ort für Gedichte.
Scheffler, die auch Musikerin ist, lässt in ihren Gedichten Platz für eigene Notizen your turn und gibt Regieanweisungen für den Leser. Wie das praktisch funktioniert, zeigte sie mit dem Publikum: Eingeteilt in vier Gruppen, die verschiedene Silben gebetsmühlenartig wiederholten, bildeten die Gäste so den Soundteppich für den eigenen Vortrag. „Lesen Sie Scheffler, spielen Sie das nach!“, empfahl Alf Mentzer abschließend.

Musikalisch eingeleitet wurde der zweite Block mit An idyll for the Misbegotten von George Crumb; György Zsovár spielte Horn, Mervyn Groot, Yuka Ohta und Matthias Lang standen an den drei Schlagzeugen.

Die Moderation übernahm Hubert Spiegel, sein erster Gesprächspartner war Paulus Böhmer, er erhielt den diesjährigen Peter-Huchel-Preis. Langgedichte seien selten geworden, äußerte Spiegel und fragte, wie Böhmer zu dieser Form gefunden habe. „Es gab zwei Romanversuche, die kläglich misslungen sind. Aber sie dienten mir als Steinbruch“, antwortete der Autor. Außerdem erzählte er von der frühen Entdeckung des Buches Schau heimwärts, Engel von Thomas Wolfe in der Bibliothek wohlhabender Verwandter. „Das war meine literarische Initiation“, sagte Böhmer, „die Arbeit am Kaddisch der Beginn meines literarischen ‚Ichs’“.

Gerhard Falkner, gelernter Buchhändler, Lyriker, Dramatiker, Essayist und Übersetzer, erntete mit seinen Pergamon Poems 2012, erschienen bei kookbooks, viel Aufmerksamkeit.
2014 kam bei starfruit publications Ignatien heraus, im Untertitel Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs. Falkner bezeichnete seine Ignatien als „bestimmte Art der Elegie“. Sein Bezug auf Shakespeare lautete: „Man kann nicht Hamlet auf der Zunge führen und den Prinzen von Dänemark aus dem Auge verlieren“.
Die Ignatien sind nicht beim ersten Zuhören vollständig erfassbar. Falkner riet: „Man soll sich das Leben nicht schwer machen und beim Hören Gedichte entschlüsseln wollen, man gerät sonst hinter dem Ohr in Verzug.“ Kluger Hinweis.

Clemens J. Setz war seine Anwesenheit hoch anzurechnen: Vor ein paar Stunden noch bangte er um seine Familie, ein Amokfahrer tötete in der Straße in Graz, in der Setz wohnt, drei Menschen und verletzte über 30. Kein Wunder, das es Setz schwer fiel, sich zu konzentrieren – er schaffte es dennoch.
Der Verfasser von Essays über die grauenhaften IS-Enthauptungsvideos wurde zudem auf seine Arbeit für die Literaturzeitschrift Volltext angesprochen. Für sie schrieb er die Kolumnen Nicht mehr lieferbar. „Ich wollte gerne etwas über die wunderbaren Gedichte des serbischen Schriftstellers Vasko Popa schreiben, aber leider oder glücklicherweise waren seine Bücher noch lieferbar“, erzählte Setz. „Aus literaturbetriebsdarwinistischer Sicht könnte man sagen, wenn Bücher nicht mehr da sind, würden sie von neuen ersetzt. Doch das stimmt eben so nicht“, erklärte Setz. Er habe mit der Kolumne aufgehört, weil er es als unfair empfand, etwas zu empfehlen, was nicht mehr zu haben sei.
Seine Werke seien eigentlich keine Gedichte, sondern eher Fundstücke, eine eigene Gattung. Gefunden hat er auch einen Wikipedia-Artikel über Bibi Blocksberg, deren Bruder Boris an die Nordsee zu den Großeltern fährt und fortan nie wieder auftaucht. Ziemlich schrecklich, fand Setz und hat daraus ein Fundstück gemacht.

Density 21.5 von Edgar Varèse, auf der Flöte gespielt von Yuri Matsuzaki, stand am Anfang der dritten Runde. Moderator Hans Jürgen Balmes begrüßte dazu als Erste Silke Scheuermann. Ihr kurzer Auftritt kulminierte in Fragen an das Publikum: „Warum sind Sie eigentlich noch da nach vier Stunden? Eine so lange Zeit, wie halten Sie das aus?“ Zugegeben, aus dem zu Beginn vollen Saal hatten sich einige Gäste im Laufe des Abends verabschiedet, einige waren auch dazu gekommen. Die Mehrheit allerdings war geblieben – und das war schon erstaunlich. Und für Scheuermann unfassbar.

Christian Lehnert ging auf Balmes Zitat von Ossip Mandelstam ein, der formulierte: „Wirkliche Arbeit ist eine Brüsseler Spitze – das Wichtigste an ihr ist das, worauf das Muster sich hält: Luft, Durchstiche, Atempausen.“ Ähnlich verhalte es sich bei Gedichten.
Lehnert steuerte in dieser Veranstaltung weitere Gedanken über Tiere bei: „Sie scheinen an diesem Abend Thema zu sein.“ Tatsächlich spielten sie in den vorangegangenen Vorträgen oft eine Rolle. Lehnerts Gedicht über Aquarien spiegelt für den Autor „tiefe Traurigkeit wider“. Aquarien seien ein Spiegel unserer selbst.
In Deutschland liegt am Meer bezieht sich Lehnert auf Ingeborg Bachmanns Böhmen liegt am Meer, ein weitere Verbindung gegenwärtiger Autoren zu anderen Schriftstellern. Texte werden aufgenommen, in einen neuen Kontext gesetzt, gleichzeitig ist es eine Hommage an geschätzte Autoren. Und vielleicht ein Link für den Leser.
„Was würden Sie nach einem gestressten Tag lesen?“, fragte Balmes abschließend. „Hölderlin“, antwortete Lehnert und bekommt ein zustimmendes Nicken von Heinrich Detering – auch er ist noch im Saal.

Den Lyrik-Marathon beschloss Uwe Kolbe. Er erhielt unter anderen Auszeichnungen 1988 den Nicolas-Born-Preis für Lyrik. „Born ist auch so ein vergessener Autor“, erklärte Balmes die Betonung dieser Ehrung.
Als junger Autor sei Kolbe von Federico García Lorca begeistert gewesen und habe ihn übersetzt. „Auch Miguel Ángel Asturias ist eine unerschöpfliche Quelle“, fügte Kolbe hinzu.
Über seine Zeit in der DDR wollte er nicht so viel sprechen, es sei zu oft kolportiert worden: „Der Stern der Geburt ist die eine Sache, das Krauchen davon weg ist auch etwas Gutes.“
Im Gespräch kommen die beiden Diskutanten auf den Schriftsteller Dylan Thomas, der von Kolbe ebenfalls verehrt wird. „Im Fischer Verlag sind drei Taschenbücher von Thomas erschienen. Wir haben noch reichlich Vorrat“, bemerkte Balmes. „Sofort kaufen! Dylan Thomas hat eine unglaubliche Kraft, ist vielleicht mit dem Deutschen Wolfgang Hilbig vergleichbar“, wandte sich Kolbe ans Publikum.

Nach etwa fünf Stunden waren der Lyrik-Marathon und damit die Frankfurter Lyriktage beendet. Das Festival lieferte reichlich Anregungen für alle Gäste, gleich welchen Alters. Die gute Mischung aus älteren und jungen Zuhörern spiegelte sich auch am letzten Festivaltag wider. Man darf auf die nächste Auflage in zwei Jahren gespannt sein.

JF

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