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Die neue SWR – Bestenliste: Hilary Mantel auf Platz 1 im Juli / August

26 Literaturkritikerinnen und -kritiker nennen monatlich – in freier Auswahl – vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie „möglichst viele Leser und Leserinnen“ wünschen, und geben ihnen Punkte (15, 10, 6, 3). Die Addition ergab für die Monate Juli/August folgendes Resultat (in Klammern die Position der Juni-Bestenliste):

(-)
HILARY MANTEL: Von Geist und Geistern
Autobiografie. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence.
DuMont Buchverlag, 240 Seiten, € 19,99**
89
Punkte
„Es gibt zwei Sorten Autobiografien: diejenige, die das Gedächtnis des Schreibenden aufräumt, und diejenige, die es aufsprengt. Hilary Mantels Lebenserinnerungen gehören zur zweiten Sorte. Die Verfasserin hinreißend kluger Romane zeigt sich furchtlos, hellsichtig und unbestechlich, auch wenn der Blick sich auf die eigene Person richtet.“ (Julia Schröder)
2.
CHARLES HALDEMAN: Der Sonnenwächter
87
(-)
Roman. Aus dem Amerikanischen von Egbert Hörmann und Uta Goridis.
Metrolit Verlag, 335 Seiten, € 25,00**
Punkte
Der Poet und Verleger Rainer Maria Gerhardt – einer der wenigen, die schon in den späten 40er Jahren in Deutschland begannen, die amerikanische Avantgarde zu entdecken. Er war depressiv und brachte sich mit 28 Jahren um. Er ist heute weitgehend vergessen. – Sein Leben als Roman, davon erzählt, kaum kaschiert, „Der äSonnenwächter“ von Charles Haldemann.
3.
RALF ROTHMANN: Im Frühling sterben
60
(-)
Roman. Suhrkamp Verlag, 234 Seiten, € 19,95*
Punkte
„Man liest Ralf Rothmanns neuen Roman über eine Freundschaft, die vom Bösen überrollt wird, unter Hochspannung und voller Bewunderung für die Nähe zu den Protagonisten. ‚Im Frühling sterben‘ ist fraglos eine der wichtigen, aufregenden Neuerscheinungen der Saison und zugleich eine moralische Herausforderung. Mit Fug und Recht kann man sagen: Mit ‚Im Frühling sterben‘ ist die Nach-Grass-Ära kraftvoll eingeläutet worden, gerade weil der Vatermord, symbolisch gesprochen, nicht stattfindet.“ (Ina Hartwig)
4.
FRANK WITZEL: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion
durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969
35 Punkte
(-)
Roman. Matthes & Seitz Berlin, 800 Seiten, € 29,90***
„Kann man in Wiesbaden-Biebrich die RAF gründen? Und eignet sich der Spielzeugladen von Frau Maurer wirklich als Ziel im bewaffneten Kampf? Frank Witzel beschreibt auf gut 800 Seiten die Pop-Sozialisation der frühen 70er Jahre. „Hier werden sämtliche Bewusstseinsfasern der Siebzigerjahre unter die Lupe genommen, zerlegt und neu zusammengesetzt. … Dies ist keine Saisonware. Dies ist ein Roman mit Langzeitwirkung.“ (Helmut Böttiger)
5.
PHILIPPE JACCOTTET: Sonnenflecken, Schattenflecken
33
(8.-9.)
Gerettete Aufzeichnungen 1952 – 2005
Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz.
Hanser Verlag, 272 Seiten, € 22,90**
Punkte
„Geräusch des Meeres bei Nacht: dumpfer Trommelschlag im Regen.“ Der 1925 geborene französische Dichter wurde im vergangenen Jahr in die ehrenvolle Klassikerbibliothek der Plejaden aufgenommen. Jetzt erscheinen Auszüge aus seinen Notizbüchern auf Deutsch. Es geht um Homer, Dienstmädchen, Topfpflanzen, kurz: um sein Leben.“
6.
MICHAEL FEHR: Simeliberg
31
(-)
Verlag Der gesunde Menschenversand, 144 Seiten, € 22,00 ***
Punkte
„Simeliberg“ ist ein gefaktes Nationalepos, ein Krimi, ein düsterer, wuchtiger Text über Schweizer Rohheit. Fehrs Auftritt beim Klagenfurter Literaturwettbewerb war sicher einer der eindrucksvollsten in den letzten Jahren. Der stark sehbehinderte Autor lief mit Smartphone und Ohrhörern über die Bühne, ließ sich seinen Text von der eigenen Stimme vorlesen – und provozierte eine Diskussion darüber, inwiefern Literatur noch auf Papier angewiesen ist.“
7.- 8.
DAŠA DRNDIĆ: Sonnenschein
28
(-)
Roman. Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert und Blanka Stipetić.
Punkte
Verlag Hoffmann und Campe, 400 Seiten, € 24,00 ***
„Wir haben die Geschichte im Blut, und durch unser Blut fließt sie leise und zerstörerisch“, sagt eine der Hauptfiguren, die erfahren muss, dass Ihr Vater ein bestialischer KZ-Wächter war. Daša Drndić montiert in ihrem Roman Original-Zitate und Biographien in eine erfundene Geschichte einer Beziehung, die nichts mehr ist als tragisch. Mit „Sonnenschein“ erscheint der erste ins Deutsche übersetzte Roman der kroatischen Autorin.
GRAHAM GREENE: Reise ohne Landkarten
28
(-)
Aus dem Englischen von Michael Kleeberg.
Verlagsbuchhandlung Liebeskind, 368 Seiten, € 22,00**
Punkte
„Mit Anfang 30 zog es Graham Greene von der Familie weg ins afrikanische Liberia. „Ich hatte bereits gelernt, dass man den Erdboden nicht mit nackten Füßen berühren durfte, ohne sich Sandflöhe unter den Nägeln einzufangen, jetzt lernte ich auch, dass nachts alles, was nicht in einer Kiste verschlossen war, aufgefressen wird – entweder von den Kakerlaken oder von den Ratten. Sie fraßen wirklich alles: Hemden, Strümpfe, Haarbürsten, die Schnürsenkel meiner Schuhe.“
9.
CHRISTOPH MECKEL: Tarnkappe
25
(-)
Gesammelte Gedichte
Hanser Verlag, 976 Seiten, € 34,90***
Punkte
„Er tritt selten öffentlich auf, sein Werk aber beeinflusst jede neue Dichtergeneration der letzten Jahrzehnte: „Ihr seht mich nicht, rief ich, doch hör ich euch alle mit guten Ohren!“ Zum 80. Geburtstag des in Freiburg lebenden Dichters eine Gesamtausgabe seiner fast dreißig oft längst vergriffenen Gedichtbände.“
10.
EMILY DICKINSON: Sämtliche Gedichte
24
(7.)
Zweisprachig. Aus dem amerikanischen Englisch von Gunhild Kübler.
Hanser Verlag, 1408 Seiten, € 49,90**
„Eine große Dichterin, so leidenschaftlich wie spröde. Die Übersetzerin Gunhild Kübler hat der ersten deutschen Übertragung ihres Gesamtwerkes viele Jahre konzentrierter Arbeit gewidmet: ihr souveränes Nachwort erläutert, warum es jeden Tag wert war, in diesem Bergwerk der Empfindsamkeit, der Reflexion und Ironie mit grimmiger Freude zu schuften.“ (Elke Schmitter)

*Persönliche Empfehlung im Juli/August von Hubert Spiegel (Frankfurt):
NAVID KERMANI: Zwischen Koran und Kafka
West-östliche Erkundungen Verlag C.H. Beck, 365 Seiten, € 24,95
„Wer wissen will, warum Navid Kermani den Friedenspreis, der ihm soeben zugesprochen wurde, auch verdient hat, ist mit dieser Essaysammlung bestens beraten: „Zwischen Koran und Kafka“ versammelt fünfzehn Texte des Schriftstellers und Orientalisten zu den unterschiedlichsten Themen, von Shakespeare und Sadeq Hedayat über Hannah Arendt und Kafka bis zu Lessing und dem Terror des NSU. Besonders schön: Kermanis Deutung des berühmten „Ach“, das Kleist Alkmene in den Mund legte.“ (Hubert Spiegel)

*** (vermutlich) schwierigere Lektüre
** (vermutlich) mittelschwere Lektüre
* (vermutlich) leichtere Lektüre

TERMINE: Literatur im SWR Fernsehen
Donnerstag, 2. Juli um 23.15 Uhr
Sonntag, 5. Juli um 8.45 Uhr
„lesenswert“ mit Denis Scheck
Gast: Thomas Gottschalk
Donnerstag, 16. Juli um 23.15 Uhr
Sonntag, 19. Juli um 8.45 Uhr
„lesenswert“ mit Felicitas von Lovenberg
Gäste: Götz Alsmann und Barbara Honigmann
Literatur im Hörfunk
SWR2 Literatur
Dienstag, 7. Juli um 22.03 Uhr
über die Bücher der Juli/August-Bestenliste diskutieren
Julia Schröder und Helmut Böttiger;
Moderation: Sigrid Löffler
http://www.SWR.de/bestenliste

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