„Mobile ist kein Kanal, sondern die Plattform der Gegenwart“ – mit diesem Satz brachte Johannes Vogel, GF Digitale Medien der Süddeutschen Zeitung, die Münchner Tagung auf den Punkt, auf der sich gut 50 Teilnehmer, etwa die Hälfte aus Buchverlagen, mit „kundennahen Business-Strategien und Produktinnovationen für Medienhäuser“ beschäftigt haben.

Es ist immer spekulativ, sich ein Bild von der Zukunft zu machen – und doch ist es ratsam. Bei der mit kundigen, ausgezeichnet vorbereiteten Referenten bestückten Tagung im Literaturhaus gab es viel Stoff zum Nachdenken, mitunter konnte einen das kalte Grausen packen und zum Glück konnte auch gelacht werden. Etwa darüber, wie sich ein kühner Geist in den 80-er Jahren das Mobile Publishing vorgestellt hat.
Zum Nachdenken: Das Smartphone ist in rasantem Tempo das wichtigste Gerät zur Internetnutzung geworden; die Hälfte der Deutschen benutzt es jetzt schon. Zum Grausen – das Thema Big Data: „Wir sammeln alle Daten, aber wir wissen noch nicht, was wir damit machen“. Eher zum Lachen eine Variante des Themas Smart Data: dank „Gemütslageerkennung“ fragt einen der virtual assistant schon morgens: „Kann ich etwas für dich tun, damit es dir besser geht?“
Beate Muschler, Verlagsleiterin Digitale Medien bei Gräfe und Unzer, setzt auf die „Wearables“, also am Körper getragene, mit allerlei Sensoren ausgestattete digitale Geräte, für die eine nüchterne Schweizer Großbank einen Weltmarkt von 30 – 50 Mrd. $ bis 2018 prognostiziert. Mit rund 200 Apps zu den Themen Fitness, Gesundheit und Kochen ist GU schon jetzt ein Vorreiter, und erweitert das Angebot um Online-Portale, z. B. www.gu-balance.de, das natürlich auf das Buchangebot zum Thema verweist, einen aber (für € 9.99 pro Monat) mit Nachrichten dieser Art beglückt: „Hurra, du hast schon 1730 Kalorien vernichtet!“
Jörg Plathner, Digital-Vorstand bei Bastei Lübbe, hat eine Menge Eisen im digitalen Feuer. „Man muss die Phase der Stärke nutzen, um Neues zu probieren.“ Man wird dabei Fehler machen, aber eben auch lernen, z. B. dass die Hoffnungen auf „enhanced e-books“ nicht aufgegangen sind. Aus der Tatsache, dass insbesondere in der Zielgruppe 20- bis 35-Jährige „jeder jederzeit online und connected“ ist, folgt für ihn die Devise „Mobile first“, und dafür entwickelt man Serien, die smartphone-gestützt in kurzen Happen verschlungen werden können.
Die Süddeutsche Zeitung ist dabei, langsam, aber zielstrebig den Anteil von „paid content“ zu erhöhen, v. a. über digitale Abonnements, berichtete Digital-Chef Johannes Vogel. Dazu musste man heftig an der inneren Kultur arbeiten, um den Graben zwischen den gestandenen Zeitungsmachern und den Online-Redakteuren zu überwinden.
Daniel Wiechmann von der Funke-Verlagsgruppe (WAZ, Hamburger Abendblatt, HÖR ZU) nannte es einen „Kardinalfehler, bisher alles umsonst online“ angeboten zu haben. Man müsse sich keineswegs damit abfinden, dass wir es mit einer „Generation zahlt nicht“ zu tun haben.
Hélène Dennery, Managing Director West Europe des weltweit vorrangig im Bildungsbereich tätigen Pearson-Konzerns, stellte klar, dass ihr Angebot für die Hochschulen sich darauf einstellt, dass 85% der Studenten Lehrbuch-Inhalte für Tablets erwarten. Sie erreichen damit bereits 42 Millionen Studierende in 25 Ländern. Die nächste Stufe wird sein, dies auch für die Schulen zu entwickeln.
Alte Modelle müssen nicht alt aussehen. Volker Schurr von WeWant Germany stellte eine App vor, mit der man den guten alten Lesezirkel z. B. für Wartezimmer oder in Gaststätten aufleben lassen kann.
Den fulminantesten Auftritt legte Verena Hubertz hin, die noch als BWL-Studentin die Idee für www.kitchenstories.de hatte. Man muss also nicht nach Kalifornien reisen, um begeisterte und begeisternde Start-ups zu erleben. Ihre Partnerin verkaufte das Auto, und mit den so gewonnenen 25.000 € Startkapital ließen sie im Februar 2014 eine App gestalten nach der Devise „gutes Design + gute Inhalte + nützlich“. Sie gaben keinen einzigen Euro für Marketing aus, bekamen aber im Handumdrehen 5 Millionen Downloads und einen Anruf von Apple: „We like your app“. Noch im selben Jahr waren sie „editor´s choice“ in 120 Ländern. Auch Jörg Plathner von Bastei Lübbe hat sehr klar gesagt, dass man mobile Inhalte für den Weltmarkt produziert: auf englisch, spanisch, chinesisch, deutsch.
Alexander Trommen, CEO der inzwischen sehr erfahrenen und gefragten Appsfactory, erklärte, warum Apps keineswegs als vorübergehender Hype abgetan werden dürfen. Er legte dar, dass Treiber in diesem Bereich die ständige Neuentwicklung bisher unvorstellbarer Sensoren ist. Sensoren holen sich das von allein, was man bisher in den Computer eingeben musste.
Verlage spielen in seinen Augen im App-Geschäft kaum eine Rolle, und wenn sie es mit Billig-Apps versuchen, ist das Scheitern gewiss. Es reicht keineswegs, mal eine gute App in die Welt zu setzen, auch wenn die zunächst erfolgreich ist. Auf Dauer braucht man eine Strategie, um eine Community aufzubauen. Vorbildlich hat das der Frech-Verlag gemacht, der sein 60. Firmenjubiläum mit einer App begangen hat, womit er einer völlig neuen Art von Do-it-yourself ein Gesicht gegeben – und dabei sogar noch den Buchhandel einbezogen hat: „Mach was und werde Teil der kreativen Bewegung“. Sein Rat an die Verlage: Schafft Budgets für Forschung und Entwicklung, sonst geschieht nichts oder nur Halbherziges. Und schafft zunächst Reichweite, erst damit kann man an Monetarisierung denken.
Gegen Ende der Veranstaltung gab es noch zwei Gesprächsrunden, bei denen man u.a. erfahren konnte, dass AGFA unter dem Namen Eversify eine hochmoderne Publishing-Software anbietet, die es mit den bekannten Marken aufnehmen kann und die für die problemlose Nutzung auf allen Plattformen geschaffen ist.
Moderator Florian Gmeinwieser ließ es sich nicht nehmen, zum Abschluss einen ganz ernsten Appell an die Buchverlage zu formulieren: Auf absehbare Zeit werden die gedruckten und die elektronischen Bücher parallel laufen; wie stark der digitale Anteil werden wird, kann man heute nicht seriös vorhersagen. Sicher ist allerdings, dass die Aufmerksamkeit für Bücher jeder Art auf mobilen Medien zunehmen wird. Wenn es dem Buchhandel nicht gelingt, das einmal geweckte Interesse beim Kunden in einen Kauf umzuwandeln, dann wird dieses Geschäft letztlich nur von den Internet-Giganten betrieben werden. So, wie ein 17-er Schraubenschlüssel überall ein 17-er ist und wie man eine Zeitung mit jeder Brille lesen kann, so muss der Buchhandel ein Standard-Werkzeug für das mobile Bestellen bereitstellen.
Für einen solchen Rundumblick braucht es keine Virtual Reality Brille – das ist heutige Realität.
Ulrich Störiko-Blume







