
Gestern fand in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt eine besondere Buchvorstellung statt: In Kooperation mit der edition clandestin Biel und unter Schirmherrschaft des Schweizerischen Generalkonsulats in Frankfurt am Main wurde das Buch Quelle lebender Bücher, eine Ausgabe anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), in einer szenischen Lesung präsentiert.
Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933 – 1945 bei der dnb, unterstrich die enge Verbindung beider Bibliothekseinrichtungen; sowohl die dnb als auch die Bibliothek der ICZ böten eine Plattform für Bildung und Kultur.
„Die Gründung der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich 1939, wenige Monate nach Kriegsbeginn, war ein bewusstes Zeichen gegen den Krieg“, betonte Asmus in ihrer Begrüßung. Die Bibliothek ist die bedeutendste ihrer Art und Ausrichtung im deutschen Sprachraum und die einzige, die fortwährend bis zum heutigen Tag ohne Unterbrechung geöffnet ist. Nach dem Krieg hatte sich unter anderen Hannah Arendt für die Bibliothek engagiert.
Der Schweizerische Generalkonsul in Frankfurt, Markus Meli, äußerte: „Die Schweiz ist stolz auf ihre Eigenständigkeit. Aber ihre Literatur bewegt sich leichtfüßig und grenzenlos im deutschen Sprachraum. In der Schweiz gibt es ein funktionierendes, liberales Bibliothekswesen, dazu gehört die einmalige Bibliothek des ICZ. Die Verlegerin Judith Luks setzt mit ihrer Ausgabe zum 75. Jubiläum der Bibliothek einen schweizerischen Akzent in der dnb.“ Er verwies in diesem Zusammenhang auf die schwierige Lage der Schweizer Verleger aufgrund der Aufwertung des Schweizer Franken: „Im Moment ernährt die Verleger nur ihre Liebe zum Buch.“
Der Journalist David Dambitsch moderierte das Gespräch, an dem die Autoren Vivianne Berg, Heinz Egger, Michael Guggenheimer, Ashraf Noor, Pavel Schmidt, die Verlegerin Judith Luks und die Grafikerin Regula Ehrliholzer teilnahmen. Die Autoren gehören zu den insgesamt 75 Kunstschaffenden, die Beiträge für den Jubiläumsband Quelle lebender Bücher lieferten, sie alle sind Leser der Bibliothek. Zu Beginn der Arbeit am Band sollte jeder Autor drei Lieblingsbücher nennen. „Wir haben uns für diese Vorauswahl entschieden, da wir kein Buch doppelt haben wollten“, erläuterte Verlegerin Judith Luks. Jeder schrieb dann eine Begründung oder eine Zeichnung, warum er gerade dieses Buch besonders schätzt: Diese Beiträge sind nun im Jubiläumsband als praktische Empfehlung an alle Leser zusammengefasst.
„Viele Schätze gelangten in die Bibliothek der ICZ. Welche Empfindungen verbinden Sie ganz persönlich mit dieser Institution?“, fragte Dambitsch in die Runde. „Ich hatte das kleinste, das dickste und das älteste Buch der Bücherei in den Händen, darunter auch eine schöne, alte Ausgabe des Talmud. Das war beeindruckend“, meinte Ehrliholzer. „Unser Jubiläumsband sollte im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt gemacht werden, denn er bildet 500 Jahre Buchgeschichte ab, darunter sind unglaubliche Schätze“, äußerte Luks. „Ich bin regelmäßig in der Bibliothek des ICZ, es ist ein beeindruckender Fundus, darunter befindet sich auch viel zeitgenössische Literatur. Und man trifft sich dort. Die wunderbaren, Hebräisch sprechenden Bibliothekarinnen sorgen für eine wohltuende Atmosphäre. Ich entdecke bei zeitgenössischen Autoren die gleichen Fragen, die sich Minderheiten seit Hunderten von Jahren stellen und die auch mich beschäftigen“, erklärte Guggenheimer. „Seit 17 Jahren bin ich dort Leser. Die Mischung von Rationalität und Ordnung, Zufallsfunden und Begeisterung ist großartig“, sagte Noor, der in einem „Glaskabuff“ arbeite und dennoch die Stimmen der Kinder im Haus höre und das als angenehm empfinde.
„Schauen Sie rein, wenn Sie in Zürich sind!“, forderte Schmidt das Publikum auf.
Vivianne Berg beschrieb noch eine besondere Beziehung zu einem speziellen Buch: Es ist ein Exemplar der Zenne Renne, 1896 erschienen im Verlag Pesel Balaban, Bresslau. „Bereits meine Großeltern und meine Eltern waren Leser in der Bibliothek der ICZ. Das Buch hat eine lange Geschichte, wurde offensichtlich viel gelesen und zerbröselt nun. Ich habe es der Universitätsbibliothek Frankfurt zur Digitalisierung geschenkt. Nun ist es für alle zugänglich“, erzählte sie.
„Es geht mit der vorliegenden Jubiläumsausgabe um eine Ehrung und Wertschätzung der Bibliothek, aber auch um die Wertschätzung ihrer Leser“, erklärte Regula Ehrliholzer. Deshalb sei die Kohärenz zwischen Inhalt und Gestaltung wichtig gewesen. Die Beiträge im Buch sind wie in der Bibliothek geordnet.
„Das Buch ist wunderbar zum Anfassen. Als Kunstbuchverlegerin waren mir Inhalt und Gestaltung wesentlich, beides wurde in einem demokratischen Prozess erarbeitet“, ergänzte Judith Luks. Die Buchidee hatten die beiden Bibliothekarinnen und Herausgeber Yvonne Domhardt und Kerstin Paul. „Ich wollte außer den Texten auch Fotos im Buch haben“, erklärte Luks, „so entstand unter anderem eine Bildstrecke des Fotografen Michael Richter.“ „Im Buch sind drei verschiedene Fotogenres, es gibt diese Bildstrecke, dazu Fotos von Büchern und eigenständige Fotos, die nicht mit Texten zusammenhängen“, fügte Ehrliholzer hinzu.
Die Bibliothek der ICZ ist Gemeinde-, Spezial- und wissenschaftliche Bibliothek in einem. Ihre Bestände umfassen über 60.000 Bücher in deutscher, hebräischer und englischer Sprache. 2009 wurde die Institution mit dem Titel Kulturgut von nationaler Bedeutung ausgezeichnet.
Einen Eindruck vom Jubiläumsband und von der Bibliothek gewannen die Zuhörer bei der anschließenden Lesung der Gesprächsteilnehmer über ihre Lieblingsbücher und die der Mitautoren.
JF