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Warum sind Sie dem Stifterrat der Stiftung Lesen beigetreten, Herr Ullmann?

Dass die Stiftung Lesen jetzt Discounter beim Verkauf von Büchern unterstützt, hat in den letzten Wochen zu gemischten Reaktionen in der Branche geführt.

Im September ist auch der Potsdamer Tandem Verlag, dessen Kerngeschäft die sogenannten Nebenmärkte sind, dem Stifterrat der Stiftung Lesen beigetreten. Geschäftsführer Florian Ullmann erläutert seine Beweggründe.

Florian Ullmann

BuchMarkt: Herr Ullmann, was hat Sie gerade jetzt bewogen, dem Stifterrat der Stiftung Lesen beizutreten?

Florian Ullmann: Natürlich hängt das auch mit den jüngsten Entwicklungen zusammen. Uns geht es bei der Leseförderung aber auch darum, nicht nur in Bezug auf unseren Kernmarkt, dem sogenannten Nebenmarkt, Einfluss zu nehmen, sondern uns auch mehr dem Buchhandel zu öffnen, wo wir konstant steigende Umsätze erzielen.

BuchMarkt: Bislang ist Tandem im Buchhandel doch nicht sehr aktiv. Was wollen Sie ändern?

Florian Ullmann: Wir befinden uns sicherlich noch auf einem niedrigen Niveau und in der Aufbauphase. Aber wir bauen unser Programm konsequent aus. Vom Malbuch für Erwachsene bis hin zum Kinderbuch für die ganz Kleinen. Wir greifen hier auf unseren Erfahrungsschatz aus dem Lebensmitteleinzelhandel zurück und wollen auch dem Buchhandel eine starke Preis-Leistung bieten.

BuchMarkt: Befürchten Sie keine Berührungsängste seitens des Buchhandels?

Florian Ullmann: Hier leisten unsere Key-Accounts und Vertreter jeden Tag erfolgreiche Überzeugungsarbeit. Wir erfahren die letzte Zeit auch dank des gemeinsamen Vertriebs zusammen mit unserer Schwesterverlagen h.f.ullmann, Vista Point und Dort Hagenhausen großen Zusprach seitens des Handels. Insofern bin ich guter Dinge, dass wir auch bei Tandem deutlich an Wahrnehmung gewinnen werden.

BuchMarkt: Die Kooperation der Discounter mit der Stiftung Lesen hat beträchtliche Diskussionen ausgelöst. Wie ist Ihre Einschätzung?

Florian Ullmann: Die Diskussion wird ja durchaus konstruktiv und professionell geführt und die positive Resonanz überwiegt, sowohl bei den Verlagen als auch im Buchhandel. Aldi und Lidl haben mit ihren Buchaktionen gerade für die kleinen Kinder indirekt ohnehin schon Leseförderung betrieben.

BuchMarkt: Ein Vorwurf lautet, dass die Discounter doch in erster Linie umsatzorientiert seien und es ihnen nicht um Leseförderung gehe.

Florian Ullmann: Es geht den Discountern – wie dem Buchhandel – natürlich auch darum zusätzliche Umsätze zu erzielen, aber auch im Discount ist nicht mehr nur der Preis entscheidend. Viel wichtiger ist das Vertrauen des Konsumenten und so ist es für mich nicht überraschend, dass man sich zu diesem Schritt entschieden hat. Der Buchhandel sollte aber selbstbewusster auftreten, denn schließlich genießt auch er immer noch ein sehr großes Vertrauen bei den Konsumenten.

BuchMarkt: Glauben Sie, dass durch die Buchaktionen der Discounter mehr Menschen den Weg in die Buchhandlung finden werden? Aldi sagt ganz deutlich: „Deutschland soll ein Leseland werden“.

Florian Ullmann: Das hängt ganz vom Produkt ab. Bei Produkten, die es auch im Buchhandel gibt, kann das durchaus diesen Effekt haben. Aldi und Lidl erreichen Millionen von Menschen und vor allem die Familien, die der Buchhandel nicht erreicht. Ob diese Familien aber durch Buchaktionen im Discount dann auch direkt den Weg zur Buchhandlung finden, bezweifle ich. Der Kunde von heute kauft überall, mal hier, mal dort, mal online, mal stationär, mal im Discount, mal im Fachhandel.

BuchMarkt: Wäre es nicht sinnvoller, andere Projekte der Stiftung Lesen wie den Welttag des Buches zu fördern, der Jahre für Jahr zahlreiche Schulklassen in die Buchhandlungen bringt?

Florian Ullmann: Genau das tut man ja auch parallel, aber ich glaube, es ist gerade wichtig die bildungsfernen und einkommensschwachen Schichten anzusprechen, die vom Discount besser erreicht werden als von den Buchhandlungen.

BuchMarkt: Ist es nicht ein wenig naiv zu glauben, dass die Bücher, die Discounter anbieten, die Menschen plötzlich in Leseratten verwandelt?

Florian Ullmann: Das Leseverhalten hat sich stark geändert. Daran wird niemand etwas ändern können. Wichtig aber ist es, erstmal die Lesekompetenz zu fördern und ich denke schon, dass ein niedrigschwelliges Angebot zunächst einmal förderlich dafür ist.

BuchMarkt: Denken Sie, dass die Kooperation der Stiftung Lesen mit den Discountern dem Buchhandel schaden wird?

Florian Ullmann: Im Gegenteil. Letztendlich hat auch der Buchhandel Interesse daran mehr Leser zu gewinnen und weil es sich im Lebensmitteleinzelhandel ohnehin nur um wenige und kurzweilige Aktionen handelt, muss der Buchhandel meiner Meinung nach diese nicht als Gefahr betrachten.

BuchMarkt: Jammert der Handel zu viel?

Florian Ullmann: Die Buchhändler haben mit den gleichen Problemen zu tun wie die Supermärkte und Discounter: Kundenfrequenz, Quadratmeterumsatz, Personalkosten aber vor allem Amazon. Gerade im sogenannten Non-Food-Geschäft schwächelt der Lebensmitteleinzelhandel durch die Online-Konkurrenz. Darauf sollte man seinen Fokus richten und seine Online-Kompetenz ausbauen.

BuchMarkt: Genau das machen ja schon viele Buchhandlungen.]

Florian Ullmann: Ich möchte jetzt kein Amazon-Bashing betreiben, aber Amazon ist eben nicht alternativlos, wenn man sich kontinuierlich darum bemüht, eine treue Kundschaft aufzubauen, wie es der kleine Händler und auch Online-Händler jeden Tag erfolgreich tun. Wir können die veränderten Kaufgewohnheiten aber nicht rückgängig machen.

BuchMarkt: Wie reagiert Tandem auf das veränderte Konsumverhalten?

Florian Ullmann: In der R+B Verlagsgruppe, der Rheinisch-brandenburgischen Verlagsbeteiligungsgesellschaft, zu der auch Tandem gehört, investieren wir massiv in unsere Online-Präsenz. Und hier wollen wir auch anderen Verlagen eine Alternative bieten.

BuchMarkt: Wie sieht diese Alternative aus?

Florian Ullmann: Allzu viel kann ich noch nicht verraten, da wir derzeit noch an der Online-Plattform arbeiten. In der ersten Phase Anfang 2016 werden zunächst nur die Verlage der R+B Verlagsgruppe berücksichtigt sein, aber mittelfristig wollen wir die Plattform auch für kleine und mittelständische Verlage öffnen und hoffen auf positive Resonanz. Interessenten können sich aber auch gerne schon jetzt bei mir melden.

Die Fragen stellte Margit Lesemann

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