Mixtvision arbeitet konsequent daran, den Wortsinn des Verlagsnamens unter den Gegebenheiten und Chancen des heutigen Buch- und Medienmarktes mit Leben zu füllen. Das Unternehmen wurde 2005 von Sebastian Zembol gegründet.
Seit 2009 wurden fünf Filme produziert, der bisher erfolgreichste Film war Jack, der 2014 auf der Berlinale lief und in diesem Jahr mit dem Deutschen Filmpreis in Silber ausgezeichnet wurde. Die erste App pikcha.tv kam 2011 auf den Markt. Heute sind acht Apps lieferbar. Soeben sind zwei Programme mit Bilderbüchern als DVDs und als E-Books erschienen (siehe BuchMarkt Nr. 9). Bücher produziert Mixtvision seit 2006. Einschließlich des Herbst-Programms 2015 sind etwa 60 Bücher erschienen, von denen die meisten noch lieferbar sind.

BM: Film, digitale Medien und Buch unter einem Dach – das klingt nach einem zeitgemäßen Konzept. Was funktioniert? Was funktioniert nicht? Was funktioniert noch nicht?
SZ: Für uns funktioniert vor allem dieses Dach, das uns ermöglicht, unsere Geschichten jeweils mit Hilfe der Medien zu erzählen, die für den jeweiligen Inhalt am besten geeignet sind. Dabei folgen wir nicht dem Dogma, jeden Stoff 360° in jedem Medium zu verwerten, sondern versuchen, für jeden Stoff die beste Form zu finden.
Ein Beispiel: Die große Wörterfabrik ist eine poetische Geschichte über die Schönheit und Bedeutung der Wörter und der Sprache. Schon als Buch ist es auf außergewöhnliche Resonanz gestoßen. Weil wir von dem Potential der Geschichte überzeugt waren, haben wir uns auch die internationalen App-Rechte gesichert und dazu eine App entwickelt, die den linearen inhaltlichen Charme bewahrt und mit Hilfe der technischen Möglichkeiten einer App dem Leser ermöglicht, noch tiefer in diese wundersame Welt einzutauchen.
Ein anderes Beispiel: Gerade erscheint Lua und die Zaubermurmel, ein wunderbarer Kinderroman über ein mutiges Mädchen, das die Grenze zwischen Magie und Wirklichkeit überschreitet. Ursprünglich lag die Idee als Drehbuch vor, aber wir haben uns gemeinsam mit der Autorin dazu entschieden, erst einmal ein Buch daraus zu machen, über das wir alle sehr glücklich sind.
Zum Filmprojekt Lux – Krieger des Lichts wird aller Voraussicht nach kein Buch erscheinen, aber sicherlich wird dieser Filmstoff (über einen „Superhelden des Alltags“, der versucht, die Welt ein wenig lebenswerter zu gestalten) digital umfassend begleitet werden.
BM: Was sind die Motoren für die zentrale Idee »ein Unternehmen jenseits der medialen Schubladen«?
SZ: Zunächst einmal meine persönliche Geschichte. Ich komme ursprünglich vom Fernsehen, und in den ersten Jahren konzentrierten wir uns auf die Entwicklung und Umsetzung von TV-Konzepten, vor allem unterhaltender Wissenssendungen. Aus Ungeduld darüber, dass im Fernsehen alles so lange dauert – die Entscheidungsprozesse bei den Sendern können sich unerträglich hinziehen – haben wir den Verlag gegründet. Mit der Digitalisierung entstanden dann ganz neue, spannende Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, und auch die wollten wir nutzen. Im Unterschied zum Fernsehen lassen sich Inhalte hier viel schneller umsetzen, ebenso wie im Buchbereich.
BM: Dabei gilt doch die Buchbranche als schwerfällig …
SZ: Aber hier können wir selbst entscheiden, was wann und in welcher Form erscheint.
BM: Bedeutet das Quersubvention des Buchverlags durch die Filmproduktion?
SZ: Nein, die Bereiche stehen schon für sich. Aber dadurch, dass wir mehrgleisig fahren, ergeben sich zum einen Synergieeffekte, und zum anderen können wir auch Erfahrungen von einem Bereich in den anderen transferieren, wovon wiederum alle Bereiche profitieren.
BM: Im Buchhandel sind Sie als kleiner Verlag auf die Sympathie des unabhängigen Buchhandels angewiesen – bei Apps spielt sich die Kooperation fast nur mit den Giganten ab. Wie hält man diesen Spagat aus?
SZ: Ob Sie nun mit Buchhändlern sprechen oder mit Mitarbeitern von Apple, Google oder Amazon, am Ende müssen Sie immer Menschen von Ihren Produkten überzeugen und das funktioniert am besten mit Qualität.
Auch bei den selbstentwickelten Apps sind wir uns im hohen Qualitätsanspruch treu geblieben und haben viel Arbeit investiert. Am Ende zahlt sich das aus, und das gilt sowohl für Apps zu international bekannten Marken oder renommierten Autoren wie z. B. Janosch als auch für Die große Wörterfabrik, die nun alles andere als Mainstream ist, aber auch seit eineinhalb Jahren im AppStore unter den Top 100 Kinder-Apps liegt.
BM: Sind die Zeiten für kleinere Verlage besser geworden?
SZ: Die Zeiten sind für kleinere und für große Verlage schwieriger geworden. Wir sind herausgefordert, uns auf das zu besinnen, was Bücher auszeichnet: Zunächst natürlich der Inhalt, aber auch die Produktionsqualität – die Herstellung, der Satz, die Gestaltung der Bücher – ist von großer Bedeutung. Es entwickelt sich ein steigendes Bedürfnis nach Produkten mit Wertigkeit.
Wenn wir uns also auf das besinnen, was ein Verlag kann, nämlich Auswahl von Themen und Stoffen und Produktion schöner Bücher, dann haben wir Chancen. Dabei sind wir mehr denn je auf engagierte Buchhändler angewiesen, mit denen wir intensiv den Austausch suchen. Ein gutes Beispiel war die Bookuck!-Aktion im Juli in München, in deren Rahmen wir bei Literatur Moths eine Woche lang unser Verlagsprogramm ausführlich vorstellen konnten. Unsere Begeisterung für Bücher jenseits des Mainstreams wird von vielen Buchhändlern geteilt, und das transportieren sie weiter an die Kunden.
BM: Wie schafft man es bei Kooperationen wie Indiekids und gemeinsamen Pressebörsen, dass die eigenen Anliegen nicht zu kurz kommen?
SZ: Erst einmal hilft es jedem von uns, wenn wir dem Handel das Signal geben, dass es mehrere Verlage gibt, die abseits vom Mainstream engagierte Bücher machen, und dass wir einen gemeinsamen Bezug und eine gemeinsame Rechnungsstellung anbieten können. Darüber hinaus tauschen wir uns untereinander intensiv über Vertriebserfahrungen aus. Ich sehe in den Kooperationen in erster Linie Vorteile für alle Beteiligten.
BM: Seit 2007 gibt es GECKO, die Zeitschrift für Vorschulkinder mit Bildern und Geschichten. Sie machen die Bücher dazu. Was sind die Erfahrungen?
SZ: GECKO denkt und arbeitet ähnlich ambitioniert wie wir. Ich war mit meiner Familie Abonnent der ersten Stunde. Das Konzept, großartige etablierte mit weniger bekannten Künstlern zu kombinieren, hat mich begeistert. Daher freue ich mich, dass wir die Bücher dazu verlegen konnten, die sich gut verkaufen. Und die Zusammenarbeit mit Gecko könnte besser nicht sein.
BM: Auch in der Herbst-Vorschau werden einige Ihre Buch-Neuerscheinungen mit »E-Book inklusive« angeboten. Wie lösen Sie das Problem mit den zwei verschiedenen Mehrwertsteuersätzen?
SZ: Wir haben über ein Jahr lang intensiv mit dem Börsenverein und vielen anderen Verlagen gesprochen. Letztendlich aber ließ sich dieses rechtliche Problem nicht lösen, und wir werden ab Herbst 2015 das „E-Book inklusive“-Angebot einstellen müssen. Das ist ganz bedauerlich, für die Leser ebenso wie für den Buchhandel und für uns. Wir waren 2014 der erste Kinder- und Jugendbuchverlag, der »E-Book inklusive« für alle seine Bücher angeboten hat und hätten es gerne weiter gemacht. Wir haben alles versucht, um die Finanzbehörden umzustimmen, aber es kam leider zu keiner Einigung, die für die Anbieter sinnvoll umzusetzen war.
BM: Es fällt auf, dass Sie bei sehr vielen »freiwilligen« Initiativen mitmachen, vielfach als Förderer: Print local, Buy local, Stiftung Lesen, Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Oft hört man von kleineren Verlagen die Klage, man könne sich solche zusätzlichen Aktivitäten nicht leisten. Wie machen Sie das?
Von allen Initiativen, an denen wir uns beteiligen oder die wir sogar selbst ins Leben rufen, wie zum Beispiel das Kinderkunsthaus, sind wir zu hundert Prozent überzeugt, was ein Engagement schon einmal leichter macht. Letztendlich ist dabei auch der finanzielle und personelle Aufwand gar nicht so groß, zumal wir für alle Initiativen versuchen, weitere Unterstützer und Sponsoren zu finden und mit einzubinden, was bisher glücklicherweise auch ganz gut gelingt.
Das Gespräch führte Ulrich Störiko-Blume







