
Elke Reichart, Dieter Frey
Elke Reicharts neues Buch Was heißt hier Respekt?! (dtv/Reihe Hanser) war in München Anlass für eine angeregte Diskussion. Was bedeutet Respekt? Was macht einen respektvollen Umgang aus? Ist es die Begegnung auf Augenhöhe? Ist es Toleranz? Anerkennung? Achtung? Diese und viele weitere Fragen stellen sich angesichts der Flüchtlingsdebatte neu und drängend.
Die Journalistin Elke Reichart diskutierte im Hotel Olympic in München mit Willi Dräxler (Referent für Migration und Asyl im Caritasverband München), mit Dieter Frey (Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians Universität) und mit Matthias Böttcher (ehemaliger Schulleiter im Münchner Hasenbergl) darüber, was wir meinen, wenn wir von Respekt sprechen. „Ich war zehn Jahre lang Leiter der Realschule im Münchner Norden. Wer das überlebt hat, der hat nicht nur theoretisch Ahnung von Respekt“, sagte einleitend Böttcher, der die Diskussion auch moderierte. „Respekt ist der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält. Auch Respekt gegenüber Fremden. Respekt gegenüber fremden Religionen. Kein Mensch kann auf Respekt verzichten. Ich finde, das Wort begegnet uns immer öfter, sogar im Sport: Respekt vor dem Gegner bis hin zu Respekt vor dem Ball. Ganz aktuell begegnet uns der Begriff mit den ungeheuren Massen an Flüchtlingen die wir aufzunehmen und zu versorgen haben. Was soll man einem Flüchtling raten, wie er sich verhalten soll, wenn er auf eine Behandlung von oben herab stößt?“, fragte Böttcher, der damit nolens volens auf das Verhältnis von Respekt und Sprachgebrauch verwies.
„Wir haben jetzt sehr viele Flüchtlinge. Sie haben gerade ein Wort benutzt, bei dem man vorsichtig sein sollte“, erwiderte Dräxler. „‘Masse‘ ist undefiniert. ‚Masse‘ ist nicht mehr individuell. Das birgt eine große Gefahr. Auf eine Masse kann ich draufhauen, die kann ich verschieben. Damit kann ich alles machen. Vorsicht also bei der Wortwahl. Mit Pegida wurden das Vokabular betreffend viele Grenzen überschritten“, so Dräxler. Als Beispiel, wie man sich als Flüchtling Respekt verschaffen kann, erzählte Dräxler von seinem Patenkind, das als junges Mädchen unbegleitet aus Somalia nach München kam. Heute arbeitet sie in einer gehobenen Position als Controllerin bei der Stadt München. „Sie kontrolliert jetzt hier die native Bevölkerung. Nebenbei hat sie Betriebswirtschaft studiert“, berichtete Drexler und verwies dabei auf zwei Seiten des Respekts: „Egal, wer der Mensch ist, ich begegne ihm mit dem, was er verdient hat. Der Mensch verdient Respekt und Anerkennung. Dann kann ich erst mit ihm in Beziehung kommen. Wenn ich zuvor schon Hierarchien schaffe, dann misslingt meist die Beziehung. Andersherum muss ich als Ankömmling etwas in die Gemeinschaft einbringen, muss aber auch die Möglichkeit von der Gemeinschaft bekommen, mich tatsächlich einzubringen“, so Dräxler.
„Es geht darum, anderen positiv zu begegnen und sie respektvoll zu behandeln, ihnen Wertschätzung und Aufmerksamkeit zu geben“, klärte Frey die Grundlagen und ging auf Menschen ein, die sehr vielen anderen Menschen sehr viel Respekt geben und sich dabei selber vergessen. Frey stellte die Frage, ob man sich selber respektvoll genug behandelt. Manchmal könnten Leute anderen gegenüber nicht achtsam sein, weil sie sich selbst für zu unwichtig halten. Andererseits stellte Frey die Frage, wie man sich verhält, wenn sich andere einem gegenüber respektlos verhalten und verwies auf Menschen, die sich erniedrigen lassen. „Als das Buch fast fertig war, haben wir festgestellt, dass das Kapitel ‚Selbstrespekt‘ wohl das wichtigste ist und haben es ergänzt“, sagte Reichart und fuhr fort: „Man muss sich selbst respektieren, dann wird man respektiert. Klingt einfach, ist aber schwierig. Es handelt sich um eine ständige Wechselwirkung und kann dazu führen, dass man am Ende, wenn man sich selbst erfolgreich respektiert, die Anerkennung und Liebe durch andere, nach der man sich davor verzweifelt gesehnt hat, nicht mehr braucht.“
Dräxler ging auf den gegenteiligen Fall ein, auf Menschen, denen Selbstrespekt fehlt und die aus mangelndem Selbstbewusstsein Angst haben. „Das kann man besonders bei Pegida beobachten: Menschen, die ihr Selbstbewusstsein auf falsche Werte aufbauen, die nicht in ihrer Person liegen.“ Diese Angst könne in Aggression umschlagen und die Willkommenskultur und den respektvollen Umgang miteinander gefährden. Reichart stand während der Recherchen („ich habe noch nie so lange an einem Buch gearbeitet“) im Austausch mit der RespectResearchGroup, die 2003 als interdisziplinäre Forschungsgruppe und ThinkTank an der Universität Hamburg gegründet wurde. „Dort erforscht man die Essenz und Funktion verschiedener Formen des zwischenmenschlichen Respekts in unterschiedlichen Sektoren der Gesellschaft. Hier gibt es noch sehr viel zu tun“, so Reichart.
nb