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Buch zur Erinnerungsstätte an der EZB

Am 22. November 2015 wurde die Erinnerungsstätte an der ehemaligen Frankfurter Großmarkthalle und heutigen Europäischen Zentralbank (EZB) eröffnet. Der zweigeteilte Ort des Gedenkens – ein Teil, die Rampe und ein Kellerraum, liegen auf dem Gebiet der EZB, weitere Teile sind öffentlich zugänglich – erinnert an die Deportation von über 10.600 jüdischen Menschen.

Gestern wurde in der EZB das soeben erschienene Buch Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle, Prestel Verlag, vorgestellt. Es liegt in einer deutschen und in einer englischen Ausgabe vor.

Als die Großmarkthalle, erbaut nach Plänen von Martin Elsässer, am 25. Oktober 1928 in Betrieb genommen wurde, gehörte sie zu den modernsten ihrer Art in Europa. „Nach besten Kräften ist Brauchbares, Zweckentsprechendes, Gutes und baukünstlerisch Tüchtiges geschaffen worden … Mag gutes Gelingen dem bewegten Treiben in den hochgewölbten Hallen immer beschieden sein!“, heißt es im Grußwort des damaligen Oberbürgermeisters Ludwig Landmann – 1933 wurde das Frankfurter Stadtoberhaupt jüdischer Abstammung aus dem Amt vertrieben.

1941 mietete die Gestapo den Keller der Großmarkthalle von der Stadt an, um dort jüdische Menschen zu sammeln, ihnen letztes Hab und Gut abzunehmen, sie nach Bezahlung für einen „Heimeinkaufvertrag“ zusammengepfercht in Eisenbahnwaggons zu deportieren – nach Lodz, Minsk, Kowno, Majdanek, Theresienstadt, Raasiku, Auschwitz, Buchenwald und Ravensbrück. Die erste Massendeportation war am 19. Oktober 1941, die letzte, auf der fünf Menschen nach Theresienstadt geschickt werden sollten, am 15. März 1945.

Das Buch informiert in sieben großen Abschnitten über das künstlerische Konzept der Architekten Marcus Kaiser und Tobias Katz, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, geht Fragen nach, wie diese Deportationen vonstatten gehen konnten und wer dafür die Verantwortung trug. Außerdem enthält es zahlreiche Abbildungen, sowohl historische als auch die neuesten Fotos von der Erinnerungsstätte.

Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth mahnte anlässlich der Buchpremiere: „Während in den Kellerräumen Unmenschliches geschah, ging die Arbeit oben in der Halle weiter, viele wussten von den Vorgängen, viele haben zugeschaut und mitgemacht. Die Verbrechen sind auch Teil der Frankfurter Stadtgeschichte.“

Raphael Gross, von 2006 bis 2015 Direktor des Jüdischen Museums und des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt, legte anhand von Zeichnungen des ehemaligen Gestapo-Beamten Heinrich Baab die Haltung der Täter dar, die sich nie änderte; noch 1966 versuchte Baab, als einer der wenigen zu lebenslanger Haft verurteilten Verantwortlichen sein Verhalten aus dem Gefängnis heraus zu rechtfertigen. „Das zeigt deutlich, wie langsam die deutsche Gesellschaft sich vom Nationalsozialismus entfernte.“

2001 gab es erste Gespräche zwischen dem damaligen EZB-Chef Wim Duisenberg und dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt Salomon Korn über eine Erinnerungsstätte.
2005, als die Stadt Frankfurt die Großmarkthalle an die EZB verkaufte, wurde in der Stadtgesellschaft die Forderung lauter, dass der Ort als einstiges Zentrum von Massendeportationen entsprechend berücksichtigt werden müsse. Stadt und EZB beschlossen zusammen mit der Jüdischen Gemeinde, 2009 einen internationalen Wettbewerb zur Einrichtung einer Erinnerungsstätte auszuloben, den die Architekten KatzKaiser mit ihrem Entwurf 2011 gewannen.

„Die Karte von Heinrich Baab hat uns in fast zehn Jahren begleitet. Die Rahmenbedingungen zur Errichtung der Gedenkstätte lagen vor. Wir wollen mit unserem Entwurf die spärlich erhaltenen Relikte konservieren, Wege markieren, Worte einschreiben. Deshalb sind auf dem Weg zwischen Rampengebäude, Kellerraum, Gleisfeld, Stellwerk und Fußgängersteg 24 Zitate zu lesen“, erläuterte Tobias Katz. Das nun vorliegende Buch ermögliche eine Vertiefung in die Geschichte des Ortes, gebe Antworten auf Fragen.
Die Schwierigkeit in der Ausführung habe darin bestanden, den nichtöffentlichen Teil auf dem Gelände der EZB mit dem allen zugänglichen Part zu verbinden.

„Es ist unsere Pflicht, sich zu erinnern und nicht gleichgültig zu bleiben“, beginnt Mario Draghi, Präsident der EZB, sein Grußwort im Buch.
Noch gibt es keinen monatlichen festen Termin, an dem zuvor angemeldete Besuchergruppen nach den strengen Sicherheitskontrollen auf das Gelände gelangen und auch die Kellerräume besichtigen können. „Aber wir sind im Gespräch mit der EZB“, versicherte Fritz Backhaus, Mitautor und stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt am Main.

JF

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