
Gestern Abend waren Viola Eckelt und Axel von Ernst vom Lilienfeld Verlag aus Düsseldorf im literarischen Salon im Hotel Villa Orange in Frankfurt zu Gast. Ebenfalls angereist war Dagmar Fretter von der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen.
Hotelchefin und Gastgeberin Christiane Hütte begrüßte das Publikum im gemütlichen Salon. Regina Eisele, sie gehört mit Lothar Ruske, Christoph Schröder und Eldad Stobetzki zum Komitee des literarischen Salons, moderierte den Abend.
2007 erschien das erste Programm des Lilienfeld Verlages. Warum gründeten Sie ein Editionshaus? „Viola Eckelt arbeitete als Dramaturgin im Bochumer Schauspielhaus, ich war freier Schriftsteller“, erzählte Axel von Ernst. Als 2005 der Intendant in Bochum wechselte, wurde für ihn ein Buch zusammengestellt. „Das war unser Meisterstück. Und wir hatten nie wieder so viel Geld dafür zur Verfügung“, fügte von Ernst lachend hinzu. Die Arbeit sei zwar stressig gewesen, habe aber auch Spaß gemacht. „Wir hatten am Ende ein schönes Produkt in der Hand. Das wollten wir öfter haben, also haben wir uns Gedanken gemacht und schließlich 2006 den Verlag gegründet“, berichtete Axel von Ernst. Die Gründung sei nicht von heute auf morgen erfolgt, ein Businessplan gehörte dazu und ein tragfähiges Konzept. „Wir wussten, worauf wir uns einließen, hatten anderthalb Jahre Vorlauf“, ergänzte Viola Eckelt.
„Das Programm des Lilienfeld Verlags ist voller Wiederentdeckungen. Warum haben Sie sich für dieses Gebiet entschieden?“, fragte Eisele.
„Es gab in diesen Jahren genügend Verlage, die sich um Zeitgenössisches bemühten. Wir sind unseren eigenen Vorlieben gefolgt“, erklärte Eckelt. „Man muss große Freude an Inhalten haben, auch wenn die Verkaufszahlen ein bestimmtes Limit nicht überschreiten“, erläuterte von Ernst. Viola Eckelt habe viel gestalterisches Gespür. „Aber man ist am Ende nie hundertprozentig mit dem Ergebnis zufrieden“, wiegelt Eckelt ab.
„Natürlich wollen wir die Leser ans Buch locken, deshalb müssen die Bücher schön sein. Es ist eine Art Falle“, sagte von Ernst humorvoll.
Und der Verlagsname? „Lilienfeld klingt nach einem alten, gediegenen Editionshaus. Das funktioniert übrigens, das haben wir auf der Messe in Wien erlebt, als ein Mann seiner Frau erklärte, dass die Lilienfelds ein alt eingesessenes Verlagshaus seien“, schmunzelte Eckelt.
Das Verlagsprogramm enthält literarische Entdeckungen oder Wiederentdeckungen, darunter die aufwändige Reihe Lilienfeldiana in Fadenheftung, Halbleinen und bei der Gestaltung des Covers in Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern. Bisher sind 18 Bände erschienen, zwei weitere werden vorbereitet.
Ein anderes Feld sind Zeitgeschichten, beispielsweise der Reisebericht Samoa aus dem Jahr 1894 von Otto E. Ehlers. „Ich habe das Bändchen auf dem Flohmarkt gefunden. Es hat mich sofort interessiert“, sagte von Ernst. Oder Ich beneide jeden, der lebt von Oswald Spengler, „es ist das Psychogramm eines Mannes, dessen Schriften gerade jetzt wieder aktuell diskutiert werden“, bemerkte von Ernst.
Gesperrte Ablage von Ines Geipel und Joachim Walther befasst sich mit von der Stasi gesammelten Texten missliebiger DDR-Autoren. „Es hat mich betroffen, wie sehr gegenwärtig die DDR verharmlost wird“, erklärte Axel von Ernst, der selbst aus der DDR stammt und 1987 mit seiner Mutter in den Westen ausreiste.
Ein anderes Fundstück ist Der Mensch, der schiesst von Sling, das ist Paul Felix Schlesinger, der als Gerichtsreporter von sich Reden machte und mit seinen Berichten die Weimarer Republik spiegelt.
„Aber wie findet man solche Texte?“, fragte Regina Eisele nach. Neben dem Stöbern auf dem Flohmarkt sind es vor allem Verlagsanzeigen in historischen Büchern, die zu ungehobenen Schätzen führen. Oder man ist mit einem völlig anderen Thema beschäftigt – von Ernst arbeitet auch für die lit.Cologne, für Rundfunk und Fernsehen. „Wir bekommen gerade von Übersetzern Hinweise. Oder von Leuten aus der Branche“, ergänzte Eckelt. Mitunter sei die Suche nach den Rechten Detektivarbeit.
Seit 2009 arbeitet Dagmar Fretter bei der Kunststiftung NRW, ist dort Fachbereichsleiterin Literatur. „Die Kunststiftung und Verlage kommen so zusammen, wir fördern kleine, unabhängige literarische Verlage. Davon gibt es in Nordrhein-Westfalen nur eine Handvoll“, erklärte sie. Die erste Kooperation mit dem Lilienfeld Verlag geht auf das Jahr 2013 zurück, gemeinsam arbeiteten beide an einem deutsch-niederländisch-polnischen Lyrikprojekt.
2014 erschien dann stadt land fluss, eine Lyrikanthologie, die sich gut verkaufte. „Die Kunststiftung hat die Gegenwart in den Verlag gebracht“, sagte Fretter. Zudem werden bei Lilienfeld die Texte der 2011 von der Kunststiftung geschaffenen Thomas Kling Poetikdozentur Bonn veröffentlicht. Das 2015 erschiene Hörbuch Die gebrannte Performance von Thomas Kling mit 4 CDs und einem Begleitbuch wurde als hr2-Hörbuch des Jahres ausgezeichnet [mehr…]. „Und Barbara Köhler, die mit Istanbul, zusehends in der Schriftenreihe der Kunststiftung NRW bei Lilienfeld erschien, wird dafür mit dem Peter-Huchel-Preis [mehr…] ausgezeichnet“, erläuterte Dagmar Fretter. Diese Auszeichnungen bestätigen, dass die Symbiose zwischen Stiftung und Verlag gelungen ist.
„Solche Projekte sind für Verlage eigentlich unmöglich allein zu bewältigen“, ergänzte Viola Eckelt. „Und für uns ist es eine gute Autorenförderung“, fügte Fretter in Bezug auf Barbara Köhler hinzu.
Ähnlich verhalte es sich mit Übersetzungen, die ebenfalls nur aufgrund von Förderung realisierbar seien. Bestes Beispiel ist Buchstabe und Geist des Niederländers Franz Kellendonk, übersetzt von Rainer Kersten. Der Band 20 in der Reihe Lilienfeldiana wird im April herauskommen und passt zum diesjährigen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse.
Zwischen drei und sechs Novitäten erscheinen jährlich im Lilienfeld Verlag, bislang sind 34 Titel herausgekommen. Sowohl die Verleger als auch ihre Bücher überzeugten an diesem Abend das Publikum des literarischen Salons.
JF