
grund eine Collage von Ror Wolf
Gestern Abend hatte die Romanfabrik Frankfurt zu einem besonderen Abend eingeladen. Im Mittelpunkt stand Ror Wolfs Gedichtband Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember, Ende 2015 im Verlag Schöffling & Co. erschienen.
Michael Hohmann, Leiter der Romanfabrik, hatte dazu den ausgewiesenen Wolf-Kenner und gefragten Sprecher und Vorleser Christian Brückner und den Jazz-Schlagzeuger Thomas Cremer eingeladen. Verleger Klaus Schöffling saß im Publikum.
Hohmann wies zur Eröffnung der Veranstaltung auf den Zusammenhang zwischen Lyrik und Musik hin; Wolf hatte als Schüler selbst Schlagzeug gespielt. „Er fuhr mit dem Fahrrad von seinem Geburtsort Saalfeld in Thüringen nach Berlin, um Jazzkonzerte zu hören“, sagte Hohmann.
Der Abend, der per Live-Stream übertragen wurde, so dass auf diese Weise Ror Wolf im eine Autostunde entfernten Mainz dabei sein konnte, begann mit einem Auszug aus dem Hörspiel Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nordamerika, 1986 erschienen.
Herrlich, wie sich zwei Männer im September 1932 auf dem Oberdeck eines amerikanischen Flussschiffes unterhalten, sich an die Zeit um 1905/06 erinnern, „ein Leben wie Butter. Und überall Schnaps“.
15 Jahre später war das anders; die 1920 eingeführte Prohibition und die Gangsterbanden machten das Leben schwer. Aber Louis Armstrong brachte spielte mit seiner Band auf einem Mississippi-Dampfer. Da hörte Bix Beiderbecke ihn zum ersten Mal. Und die Band, so war das damals, musste immer spielen – auch während die Kneipe gerade überfallen wurde und einem die Kugeln um die Ohren flogen.
Brückner trug, nein spielte seine Lieblingsgedichte von Ror Wolf vor, im Hintergrund wurden phantastische Collagen des Autors gezeigt – eine Auswahl aus dem jüngsten Gedichtband. Immer wieder überraschen Wolfs Sprachspiele, abstruse, skurrile, ungewohnte Gedankensprünge, lakonische Schlusszeilen.
Die Rede ist von einem sich selbst verzehrenden Koch im Hotel zur Traube in Sankt Gallen: „Seht: der Koch, er hat sich selbst verzehrt. Das ist weiter nicht erwähnenswert. – Das Hotel wird später abgerissen.“
Von mondgleich aufsteigendem Backwerk: „Das dunkle runde Brot ist aufgegangen“, von Dunkelheit: „Krach Dreck Gestank und Feuer, fernes Knallen, und Wände Hände Brände Gegenstände, und jemand lacht im Zipfel dieser Nacht, und jemand hat das Fenster zugemacht, und irgendetwas ist herabgefallen, in dieser Nacht, vom Anfang bis zum Ende. Und Schluß und weiter nichts Erwähnenswertes, nur etwas Ausgeleertes, Abgekehrtes, nur Kerben, Scherben, Scherben und Verderben. Und ich bin viel zu alt um schon zu sterben.“ (2013)
Thomas Cremer illustrierte die Texte musikalisch, mal gleichzeitig mit Christian Brückner, mal solistisch. So hören die Zuschauer Alltagsgeräusche, Regen, Gewitter, Bersten, Zerfließen, Zergehen, Verschwinden.
Das Buch versammelt Gedichte aus über 60 Jahren, Gelegenheitsgedichte aus dem Nachlass, wie der Titel über dem ersten Teil verrät, sowie Hans Waldmanns endgültiges Verschwinden und bisher unveröffentlichte Collagen.
Dem Autor, der seine Kupferbergterrasse nur noch selten und ungern verlässt, wird dieser Abend wohl genauso viel Vergnügen bereitet haben wie Akteuren und Publikum.
JF