Im aktuellen August-BuchMarkt erzählt Claudia Baumhöver über ihr erstes halbes Jahr als Verlegerin vom dtv. Hier können Sie das Interview mit ihr online lesen. Im Heft finden Sie das Gespräch ab S.30 (noch kein BuchMarkt-Abonnent? Hier geht’s zum Abo.
Von Baudelaire bis Breaking Bad
Seit gut einem halben Jahr leitet Claudia Baumhöver den dtv. Sie will und muss Deutschlands größten unabhängigen Publikumsverlag in die Zukunft führen. Wieviel Zeit nimmt sie sich für Veränderungen?
Schlicht gefragt: Wie war das erste halbe Jahr?
Claudia Baumhöver: Ebenso schlicht geantwortet: Großartig! Beflügelt von den Autoren und Kollegen, den Gesellschaftern und dem fühlbaren Aufbruch, in dem wir uns alle befinden, gehe ich jeden Tag zu Fuß in den Verlag, „walking to work“, das ist Luxus pur. Erst spaziere ich am Glockenbach vorbei, dann über den Südfriedhof, wo im Frühjahr die ersten Schneeglöckchen und Krokusse blühen und im Sommer die Bäume rauschen und es angenehm kühl ist, vorbei an den Gräbern von Spitzweg und Johann Conrad Develey, Adolph von Asch und Arnold Zenetti, um dann an der Ecke am Schlachthof anzukommen und in meinem Büro im 6. Stock den Ausblick auf das Alpenpanorama zu genießen!

Und was haben Sie vorgefunden?
Etwas weniger prosaisch ausgedrückt: einen Verlag und seine Mitarbeiter mit einer sehr speziellen dtv-DNA! Man spürt sogar noch den großen Gründer-Verleger Heinz Friedrich und dessen Führungsstil. Einige Kollegen und Kolleginnen sind ja bereits seit 35 Jahren im Haus, sie leben diese Tradition …
… das hört sich eher nach Belastung an.
Das Gegenteil ist der Fall, was mir den Start leicht gemacht hat, denn die Kollegen und Kolleginnen geben diese Tradition ja weiter. Das ist sehr lebendig und sehr wertvoll. So etwas kann man ja nicht einfach kaufen oder implementieren, das entsteht über Jahrzehnte und prägt bis heute das Selbstverständnis und die Grundhaltung des Verlags und seiner Mitarbeiter.
Diese Tradition ist keine Last?
Nein, weil ich eine ebenso große Lust auf Wandel und seiner Gestaltung vorgefunden habe. Eine enorme Energie ist hier ebenso spürbar wie die Offenheit und Neugier der Kollegen und Kolleginnen auf Neues. Nur auf dieser Basis konnten die großen Erfolge des dtv entstehen: die Erfindung von dtv premium als Zwitter zwischen Hardcover und TB oder die großen inhaltlichen Erfolge vom Grimmschen Wörterbuch und den dtv-Atlanten bis hin zur Mascha Kaléko-Gesamtausgabe, aber natürlich auch die Entdeckung und Durchsetzung der Erfolgsautoren Dora Heldt, Jussi Adler-Olsen und Rita Falk oder John Strelecky, Colleen Hoover, Kevin Brooks, Jenny Valentine und nicht zuletzt die Wiederentdeckung des amerikanischen Autors John Williams mit seinem Roman Stoner. Das ist das, wofür wir stehen: das Entdecken und Entwickeln von Autoren.
Das hat den dtv groß gemacht …
… ja, wir machen 65 Millionen Umsatz, sind noch immer der größte unabhängige Publikumsverlag in Deutschland und führen fünf Programme unter einem Dach. Wir haben keine Imprints gegründet, sondern liefern dem Buchhandel Literatur, Belletristik, Sachbuch und Kinder- und Jugendbücher in allen Formaten.
Was reizt Sie daran und wovon haben Sie sich „verführen“ lassen?
Die verlegerische und unternehmerische Freiheit, mit der man den Spagat von Baudelaire bis Breaking Bad, den Blumen des Bösen zum Kleinen Pauly machen kann, und auch, dass eine Entscheidung für die Publikation der sämtlichen Schriften Humboldts – 15 Millionen Zeichen! – innerhalb von einer Stunde fällt, und parallel eine Kinderbuchreihe mit Flätscher, einem vierbeinigen Detektiv, der nicht gut riecht, aber schwierige Fälle topfit löst, akquiriert wird. Das alles geht bei dtv. Das geht mit den Kollegen, das geht mit den Gesellschaftern. Soviel zur Verführung.
Tradition und große Vorgänger, wie gehen Sie mit der Verlagsgeschichte um?
Respektvoll und die Geschichte schätzend, die Heinz Friedrich zusammen mit dem großen Gestalter Celestino Piatti zu einer Erfolgsgeschichte gemacht hat, die bis heute weiterlebt und spürbar ist. Das war die Demokratisierung von Wissen in den 60er-Jahren, die einherging mit der Studentenrevolte und dem Hunger nach Aufklärung und Wissen und auch der Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit.
Die Rahmenbedingungen des Marktes haben sich aber seit dem Ende des 20. Jahrhunderts drastisch verändert …
Wolfgang Balk, mein großer Vorgänger, traf 1996 auf eine komplett veränderte, nicht einfache Situation. Er folgte auf Wolfram Göbel, der schon zehn Jahre mit Heinz Friedrich zusammengearbeitet hatte und auch fünf Jahre dtv-Verleger war. Im Verbund mit Rudolf Frankl erfand er den Verlag gestalterisch neu. Ein wichtiger dritte Partner war und ist hier übrigens noch im Haus: der für die Umschlagsgestaltung verantwortliche Dieter Brumshagen.
Damals durfte der dtv keine Hardcover verlegen …
… auf diese Beschränkung durch die damaligen Gesellschafter-Verträge, kein Hardcover verlegen zu dürfen, reagierte der Verlag mit dem ganz neuen und gewagten dtv premium-Auftritt …
… der einen Riesenerfolg begründete.
Als dann sieben dtv-Titel gleichzeitig auf der HC-Spiegelbestsellerliste erschienen, wurde diese durch allerlei Intervention geändert. Heute ist das alles Geschichte! Und er hat schließlich durchgesetzt, dass der dtv seit 2012 das Format Hardcover publizieren darf.
Wie sehen Sie jetzt Ihre Aufgabe?
Meine Aufgabe ist die doppelte Transformation des Verlags: Einmal hin zum Verlag aller Formate, verbunden mit der Möglichkeit, die Titel quer durch die Programme spielen zu können. Und dann natürlich die digitale Transformation. Es geht darum, den dtv den Notwendigkeiten der heutigen Zeit anzupassen.
Wie wichtig ist dieser Prozess?
Er kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, das Digitale wird noch immer im Buchgewerbe unterschätzt. Disruption, das Wort der Stunde, bedeutet eben nicht Reform, sondern Revolution. In einer solchen befinden wir uns und das permanent, im Gegensatz zu Revolutionen, die früher stattgefunden haben und zumeist kurz waren, dann aber weitreichende Auswirkungen hatten. Man muss diesen Prozess konsequent bis an das vorläufige Ende denken, und das könnte etwa sein, dass es irgendwann nur noch zwei Akteure in unserem Markt von Bedeutung gibt: den Autor und den Leser. Wir stellen uns jetzt mit jeder Faser des Verlages darauf ein. Ins Zentrum aller Überlegungen stellen wir aber dabei den Autor.
Was heißt das konkret?
Das beginnt mit dem Berufsbild des Lektors, das viel komplexer werden wird; er wird die sozialen Medien bedienen und zahlenbasiert arbeiten müssen. Und es geht weiter mit den Veränderungen in der Pressearbeit, der Umgestaltung der Medien, dem geringeren Platz für Rezensionen, Stichwort Aufmerksamkeits-Ökonomie, Visibility, neue Spieler im Feld wie z.B. Blogger, die eine andere Ansprache brauchen und sich für andere Themen als das klassische Feuilleton interessieren. Und weiter mit dem Multimedia-Mix in der Rechte- und Lizenzen-Abteilung und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten fürs Marketing, usw. Kein Bereich ist ausgenommen, keiner!
Das hört sich nach großen Veränderungen an, macht Ihnen das etwas Angst?
Nein, es macht mich aber nachdenklich, unser größter Verbündeter ist ja der Mensch – der ist analog und nicht digital, sondern seit mindestens homerischer Zeit sind seine Bedürfnisse und Gefühle im Kern dieselben geblieben. Liebe, Neid, Eifersucht, Tod, die Suche nach Freude und Sinn – all das ist gleich geblieben! Und deshalb gibt es Erzählungen und die Literatur. Die Geschichten und ihre Erzähler werden daher bleiben, ganz sicher. Wir werden uns um die Autoren umwerfend gut kümmern.
Welche Impulse konnten Sie aus Ihrer Zeit beim Hörverlag in einen Buchverlag mitbringen?
Die Unterschiede sind erst einmal nicht so groß wie man meint, Inhalt bleibt Inhalt, Autoren bleiben Autoren. Von Heinrich Böll bis Uwe Timm, von Hans Magnus Enzensberger bis Rafik Schami – alles alte Bekannte und zum Teil auch Freunde. Die Gesellschafter-Struktur des Hörverlages war ja analog zu denen des dtv und damit durchaus vertraut. Der Carl Hanser Verlag ist zum Beispiel als einer von ihnen geblieben.
Wir kennen uns lange genug, Sie müssen nicht untertreiben …
Zusätzlich mitgebracht habe ich: vernetztes Denken und Vermarkten, also Film, Hörfunk, Theater, Arbeit mit Dramaturgen, Regisseuren, Komponisten, Musikern, Schauspielern, also das weite Feld der Multimedia-Vermarktung – und vielleicht einen kleinen Vorsprung im Bewusstsein, was die technische Entwicklung und die Konsequenzen, die damit einhergehen, betrifft, auch auf urheberrechtlicher Seite. Ich habe ja den Wechsel von der Musikkassette bis zum Streaming und all dem, was damit verbunden ist, schon mal erlebt. Dafür lerne ich ganz viel Neues über Munken-Papier, Dispersionsklebebindung und Umschlagsveredelungen.
Wo setzen Sie an, wenn es um Neuerungen und Veränderungen geht? Wie lautet Ihre Zielsetzung?
Bei den beiden genannten Transformationen. Unser Bewusstsein muss den Spagat zwischen der Tradition und den unendlichen Möglichkeiten der Zukunft schaffen und ihn sich unter zunehmend schwankenden und sich immer schneller drehenden Bedingungen auch weiterhin bewahren. So – und nur so – betreiben wir Daseins-Vorsorge.
Das ist bestimmt nicht einfach …
Dazu gehört auch ein verändertes Bewusstsein, ausgeprägte Teamorientierung, Transparenz, erhöhte Kommunikation, Präzision, Beschleunigung aller Arbeitsprozesse, das Ineinandergreifen aller Handlungen von allen Beteiligten und das, ohne dabei den Autor auch nur aus einem Auge zu lassen mit dem Ziel, Platz für sein Werk zu schaffen.
Wieviel Zeit hat man für diese Veränderungen?
Wenig und nie genug – natürlich. Ich glaube im Übrigen nicht mehr an den Rat von Lord Salisbury aus dem 19. Jahrhundert, dass man Veränderungen nur so lange hinausziehen muss, bis sie harmlos wirken oder banal erscheinen.
Angesichts der Marktentwicklungen wirken Sie sehr entspannt. Was macht Sie so optimistisch?
Die Buchpreisbindung: Sie trägt entscheidend zum Schutz unseres Gewerbes bei. Das wiederum ist ein Demokratie-stabilisierender Faktor, von der berühmten und inflationär benutzen Vielfalt mal ganz abgesehen. Unsere Verbündeten sind: das Sortiment, praktisch jede Buchhandlung und eine Handvoll Politiker, die sich für die Preisbindung einsetzten. Einige von Ihnen gibt es glücklicherweise noch in Berlin. Doch gibt es sie auch in Brüssel? Da bin ich mir nicht so sicher.
Wie stellt sich für Sie der Markt dar?
Relativ stabil, wenn man Schweizer oder britische Verhältnisse betrachtet, wo Bücher zu Tapeten von Discountern verkommen, um Kunden anzulocken und dann in der Mischkalkulation Gewinne durch die Zahnpasta oder Pommes Frites gemacht werden; volatil, wenn man die Absatzzahlen gerade im Frühjahr/Herbst 2016 sieht. Es wird schwieriger, aber das ist eine langweilige Binse. Fragen Sie Herrn Frankl, der kann das viel besser erklären.
Apropos Rudolf Frankl, der scheidet zum Ende des Jahres aus …
Ja, da geht eine Ära zu Ende, und während ich das sage, sehe ich das Rudolf Frankl’sche Lachen vor mir aufblitzen und lächle gleich zurück. Auch dafür ist Herr Frankl berühmt! Und ich freue mich sehr darüber, dass ich zumindest dieses eine Jahr mit ihm arbeiten konnte und durfte. Wir werden noch darüber reden, mein lieber Herr Frankl!
Jetzt ist die Nachfolge geregelt …
Herr Frankl war Mitglied der Geschäftsleitung und verantwortlich für Vertrieb und Marketing – und das ganze 26 Jahre lang. Eine solche exponierte Position, mal ganz abgesehen von der Persönlichkeit, kann es heute aus naheliegenden Gründen nicht mehr geben. Gemeinsam mit den Gesellschaftern haben Herr Frankl, Herr Blüm und ich uns für eine Zweiteilung der Position entschieden: Anke Hardt wird die Vertriebsleitung übernehmen, Theresa Schenkel das Marketing des dtv. Dabei werden die Abteilungen Internet und Werbung zusammengeführt, die bisher getrennt waren, also ganz klassisch.Wir haben mit Anke Hardt und Theresa Schenkel die perfekten Besetzungen für diese Positionen gefunden, beide sind ausgewiesene Spezialistinnen auf ihren Gebieten, kreative Macherinnen mit Durchsetzungskraft, beide passen perfekt zu besagter dtv-DNA und haben genauso große Lust, mit uns die Zukunft des Verlages zu gestalten, wie wir mit ihnen. Besser geht’s gar nicht und ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit!
Die Fragen stellte Christian von Zittwitz
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