
Immer freitags hier ein Autorengespräch: Diesmal mit Karl Olsberg, dessen neuer Roman Mirror am 15.August beim Aufbau Verlag erschienen ist.
Unter dem Pseudonym Karl Olsberg schreibt Dr. Karl-Ludwig von Wendt Thriller, Sach- und Jugendbücher. Ähnlich wie bei seinem ersten Roman Das System (2007) behandelt sein neuer Zukunfts-Thriller die Geschichte einer außer Kontrolle geratenen Technik. Ein technisches Thema, bei dem aber der Mensch im Mittelpunkt steht. Authentisch und spannend dargestellt durch das technische und betriebswirtschaftliche Wissen des Gründers von Technologieunternehmen. Das war Anlass für Fragen an den Autor.
BuchMarkt: Ihr neuer Roman „Mirror“ – worum geht es darin?
Karl Olsberg: Mirror ist in erster Linie ein spannender Roman, der hoffentlich vielen Leserinnen und Lesern gefällt, die Thriller mögen. Zwar geht es hier um ein technisches Thema, aber die Menschen stehen dabei im Mittelpunkt. Man muss sich nicht für Technik interessieren und braucht auch keinerlei Vorkenntnisse, um der Handlung zu folgen. 2007 erschien mein erster Roman. Das System, der ein ähnliches Thema hatte und es in die Spiegel-Bestsellerliste schaffte – mein bisher erfolgreichstes Buch. Mirror ist so etwas wie ein Nachfolger, allerdings sehr viel realistischer.
Was bitte sind denn Mirrors?
„Mirrors“ sind die Nachfolger der Smartphones – intelligent, einfühlsam, vernetzt. Statt nur passiv auf Eingaben und Anweisungen des Benutzers zu reagieren, agieren sie eigenständig und optimieren sein Leben – ob er will oder nicht. Natürlich gerät diese Technik in meinem Roman außer Kontrolle und bringt viele Menschen überall auf der Welt in Gefahr. Mirror ist ein Thriller, der unsere zunehmende Abhängigkeit von einer Technik, die wir immer weniger verstehen, thematisiert.
Inwiefern realistischer?
Als ich Das System im Sommer 2005 schrieb, kannte keiner in Deutschland Facebook oder Youtube. Es gab noch kein iPhone, vom Kindle oder iPad ganz zu schweigen. Es ist unglaublich, wie sehr sich die Welt in zehn Jahren verändert hat. Das Smartphone, das die meisten von uns in der Tasche haben, hat mehr Rechenpower als der schnellste Computer der Welt Ende der Neunzigerjahre. Und die Entwicklung hört nicht auf: Allein seit November 2015, als ich begann, Mirror zu schreiben, hat ein Computer zum Beispiel den besten Spieler der Welt in Go geschlagen und Apple und Google haben angekündigt, ihre digitalen Assistenten Siri und Google Now massiv auszubauen – ein riesiger Schritt in Richtung meiner Vision der Mirrors, den ich noch nicht mal ahnte, als ich die Geschichte schrieb.
Mirror ist noch aus einem anderen Grund realistischer als Das System, denn hier geht es nicht mehr, wie damals, um ein böses Computersystem, das einen eigenen Willen entwickelt und autonom handeln kann. Stattdessen wollen die Mirrors eigentlich nur das Beste für ihre Besitzer und beeinflussen diese auf mehr oder weniger subtile Weise, ohne dass ihnen bewusst wird, dass sie vom übergeordneten „MirrorNet“ manipuliert werden. Und dieser Horrorvision nähern wir uns bereits erschreckend schnell.
Wir werden manipuliert? Von wem?
Medien – ob digital oder nicht – manipulieren immer, das ist nichts Neues. Aber die Manipulation ist immer schwerer zu erkennen. Nehmen Sie Google: Sie geben einen Suchbegriff ein, und die Suchmaschine zeigt Ihnen Ergebnisse. Sie glauben vielleicht, dass Sie dasselbe sehen, was ein anderer sehen würde, der denselben Begriff eingibt. Aber das stimmt nicht. Google zeigt Ihnen das, von dem es glaubt, dass Sie es sehen wollen – basierend darauf, wonach Sie sonst noch suchen, auf was Sie früher geklickt haben, wo Sie wohnen und so weiter. Das nennt man Filterblase, und es kann dazu führen, dass wir immer mehr in unseren bereits bestehenden Ansichten bestärkt werden, statt mit abweichenden Meinungen konfrontiert zu werden. Der Meinungsvielfalt ist das nicht gerade zuträglich.
Ein anderes Beispiel ist Twitter: Man schätzt, dass bis zur Hälfte der Kurznachrichten, die im US-Wahlkampf von beiden Lagern gesendet werden, von so genannten „Bots“ stammen, also Computern, die automatisch Tweets generieren und als Meinungsverstärker agieren. Das Problem ist nur, dass man einem Tweet nicht ansieht, ob er von einem Menschen stammt oder nicht. Facebook hat gerade seine Schnittstellen für solche Bots geöffnet, und bereits jetzt können diese nicht nur Nachrichten verschicken, sondern auch intelligent auf Fragen von Menschen reagieren.
Was ist daran so schlimm?
Das ist nicht per se schlecht, aber natürlich kann jede Technik missbraucht werden oder ungewollte Nebeneffekte haben. Zum Beispiel gab es 2010 in den USA einen dramatischen Börseneinbruch, weil die vollautomatischen Handelssysteme, die bereits damals den Börsenhandel dominierten, alle gleichzeitig in eine Art Panik gerieten. Damit hatte vorher keiner gerechnet. Komplexe Systeme verhalten sich oft unvorhersehbar und sind – buchstäblich – unberechenbar. Das größte Problem ist aber nicht die Technik, sondern die Art und Weise, wie wir damit umgehen. Nehmen Sie den tödlichen Unfall mit einem automatisch gesteuerten Tesla, der kürzlich durch die Presse ging: Nicht der Wagen hatte Schuld, sondern der Fahrer, der der Technik blind vertraute und nicht auf die Straße achtete – etwas, vor dem Tesla seine Käufer ausdrücklich warnt. Übrigens hatte ich eine Art Déjà-Vu-Erlebnis, als ich davon hörte, denn mein Roman beginnt mit den Worten: „Carl Poulson saß entspannt am Steuer seines Tesla und las ein Buch.“
Das klingt, als wären Sie ziemlich pessimistisch, was den technischen Fortschritt betrifft…
Das bin ich nicht. Wie gesagt, mir macht eher die Naivität der Menschen Sorgen. Wir übertragen gedankenlos immer mehr Entscheidungen Maschinen – welche Straßen wir entlang fahren, was wir einkaufen, welches Buch wir als Nächstes lesen. Je öfter wir das tun, desto weniger sind wir in der Lage, eigene fundierte Entscheidungen zu treffen – oder finden Sie sich etwa noch ohne Navi in einer fremden Stadt zurecht? Früher konnte ich das mal, aber heute verfranse ich mich sofort. Aber die Technik hat natürlich auch viele gute Seiten – beispielsweise können Maschinen heute viele Krankheiten schneller und zuverlässiger diagnostizieren als menschliche Ärzte. Und ich habe ja selbst mehrere Technologiefirmen gegründet.
Welche denn?
Bereits 1993 habe ich eine Internet-Agentur gegründet. Einer unserer ersten Aufträge bestand darin, für einen Kunden eine E-Mail-Adresse einzurichten, die E-Mails, die dort ankamen, auszudrucken und dem Kunden zu faxen. Später entwickelten wir dort so genannte Chatbots, mit denen man sich automatisiert unterhalten kann – quasi die Vorläufer von Siri & Co. Daraus entstand 1999 die Firma Kiwilogic, die ziemlich gehypet und von der Wirtschaftswoche als „Start-up des Jahres 2000“ ausgezeichnet wurde. Doch wir waren zehn Jahre zu früh mit unserer Technologie. 2012 habe ich die Firma Briends gegründet, die Technologie für die Buchbranche entwickelt. Im März dieses Jahres haben wir die App Papego http://www.papego.de veröffentlicht, mit der man gedruckte Bücher unterwegs auf dem Smartphone oder Tablet weiterlesen kann, ohne sie mitschleppen zu müssen. Der Piper Verlag hat bereits mehrere Dutzend Papego-Titel veröffentlicht, und natürlich ist auch Mirror papego-fähig.
Ist dieses „Papego“ aus Ihrer Sicht ein zusätzliches Verkaufsargument?
Ja. Papego kostet die Leser nichts, ist aber ein echter Mehrwert, denn Sie müssen sich nicht mehr zwischen gedrucktem Buch und digitalem Lesen entscheiden, sondern bekommen beides in einem. Aber ehrlicherweise muss man sagen, dass wir mit Papego noch ganz am Anfang der Entwicklung stehen und die App noch nicht allgemein bekannt ist. Es bedarf noch etwas Unterstützung durch den Buchhandel, um den Lesern zu erklären, was Papego ist.
Besteht nicht die Gefahr, dass Papego die Leser erst auf den Geschmack des digitalen Lesens bringt und vom gedruckten Buch weglockt?
Das glaube ich nicht. Bereits mehr als die Hälfte der Buchkäufer lesen heute hin und wieder E-Books, und für die haben wir Papego gemacht, denn sie wollen eigentlich beides – die Schönheit und Haptik des gedruckten Buchs für Zuhause und die Flexibilität ohne Zusatzgewicht für unterwegs. Unsere Erfahrung mit der App zeigt, dass das sehr gut funktioniert. Aus meiner Sicht trägt Papego dazu bei, dass wieder mehr gedruckte Bücher gekauft werden, nicht weniger. Und das halte ich auch als Autor für sehr wichtig, denn die Leser sind immer weniger bereit, für E-Books einen adäquaten Preis zu bezahlen. Allein innerhalb eines Jahres ist der Durchschnittspreis für E-Books laut Börsenverein um 6% gefallen, und Flatrates wie Amazons „Kindle Unlimited“ sowie der Boom des Selfpublishings setzen diese Preise weiter unter Druck. Mit Papego schaffen wir dagegen einen Mehrwert für das gedruckte Buch, der auch die Zahlungsbereitschaft der Leser nachweislich erhöht.
Zurück zu Ihrem Buch: Inwiefern nutzen Sie Ihre Erfahrung als Gründer von Technologieunternehmen beim Schreiben?

zum Buch
Natürlich fließen meine Erfahrungen ein – nicht ganz zufällig ist eine der Hauptfiguren des Buchs ein Gründer, so wie auch in Das System. Aber die Entwicklung ist so rasant, dass mir meine frühere Erfahrung mit Technik nicht viel nützt. Ich habe in den Achtzigerjahren über Künstliche Intelligenz promoviert, aber damals waren die Supercomputer so lahm, dass wir so was heute nicht mal in ein Telefon einbauen würden. Von dem, was Google heute macht, konnten wir selbst Anfang der Zweitausender nur träumen. Also muss ich heute genauso viel recherchieren und Fach- und Sachbücher zum Thema lesen wie jeder andere Autor auch.
Was kommt nach Mirror?
Ich habe Mirror bewusst so angelegt, dass die Geschichte ausbaubar ist. Ich war ohnehin gespannt, ob die echten „Mirrors“ noch vor meinem Buch auf den Markt kommen… Es gibt bereits eine Sammlung von Kurzgeschichten aus der „Mirror Welt“, die im Juli als kostenloses E-Book veröffentlicht wurde, um die Leser neugierig zu machen. Ich habe noch Ideen für mindestens zwei Romane, die die Mirror-Geschichte fortsetzen könnten. Ob die allerdings realisiert werden, hängt natürlich auch davon ab, wie erfolgreich das Buch wird. Und hier spielt der Sortimentsbuchhandel die entscheidende Rolle: Die Empfehlungen der Buchhändler und Buchhändlerinnen haben zum Glück immer noch eine größere Bedeutung als alle Computeralgorithmen. Ich hoffe sehr, dass das so bleibt.
Durch Klick auf das Foto geht es zur Webseite von Karl Olsberg. In der letzten Woche befragten wir Hardy Crueger über sein „Standardwerk“ für Krimiliebhaber [mehr…].







