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Wie war Ihr Jahr, David Mesche?

Seit dem 6. Dezember 2017 (Nikolaustag) fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2018 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“ Heute beantwortet Buchhändler David Mesche (Buchbox Berlin) unseren „anderen“ Fragebogen:

 

David Mesche
  1. Welcher Tag war Ihr schönster diesem Jahr?

Auf jeden Fall Samstag der 4.11. An diesem Tag startete die Woche unabhängiger Buchhandlungen. Als die vielen Fotos von Aktionen in ganz Deutschland eintrafen, machte ich einen Freudensprung. Nach so vielen Jahren der schlechten Nachrichten zu sehen, wie die “Kleinen” endlich im Aufbruch begriffen sind, hat mich unsagbar glücklich gemacht.

 

  1. Worüber haben Sie sich 2017 am meisten geärgert?

Unfairer Wettbewerb. Ich verstehe nicht, dass die unseligen Lizenz- und Steuertricks von Amazon und Co noch immer von der Politik toleriert werden. Der Buchhandlungspreis ist schön und wichtig. Aber was den anständigen Buchhandlungen im Land durch Steuerflucht an Umsatz abgesogen wird, ist unfassbar viel mehr.

 

  1. Was war 2017 Ihr schönster Erfolg?

Der Erfolg der WUB, die ich 2014 im Berliner Admiralspalast ins Leben gerufen habe. Die Laudatio von Roger Willemsen für den unabhängigen Buchhandel ist mir unvergessen.

Ein weitere Freude ist es, mit einem so motivierten und loyalen Team zu arbeiten. Mit den 30 Mitarbeiter*innen der BUCHBOX! Projekte und Ideen zu entwickeln ist jeden Tag ein großes Glück..

 

  1. Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

Es gibt immer Monate, in denen der Umsatz zu wünschen übrig lässt oder Veranstaltungen, die trotz Herzblut kein Publikum finden. Aber alles in allem läuft es rund.

 

  1. Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?

Ich habe das Gefühl, durch den Buchhandlungspreis und die WUB ist ein Ideenwettbewerb ins Rollen gebracht worden. Ständig werden neue Lesungsformate ausprobiert, das Erscheinungsbild von Läden und Ware verbessert und der Kund*innenservice optimiert. Wenn ich an die Buchhandlung denke, in der ich meine Ausbildung gemacht habe…sowas sieht man heute zum Glück kaum noch. Da wurde im Laden geraucht, der Umgangston war sehr unkollegial und die Warenpräsentation eine Katastrophe. Vor ein paar Wochen besuchte ich mit Kolleg*innen den Matthes und Seitz Verlag. Sehr sympathische und engagierte Leute, die ihr Profil gesucht und gefunden haben. Das hat mir gefallen.

 

  1. Von welchem Thema wollen Sie (warum) im neuen Jahr nichts mehr lesen?

Mich irritieren Vergleichszahlen und Bestseller Listen. Für meine unabhängigen Buchläden kann ich sagen, dass es bei uns meist anders läuft, als die Statistik erwarten lässt. Weder die landesweiten Umsätze noch die landesweiten Bestseller finden bei uns eine Entsprechung. Deshalb versuche ich, diese Dinge nicht mehr zu lesen.

 

  1. Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Gerne folge ich den Ideen anderen Buchläden, die im Buchmarkt vorgestellt werden. Darüberhinaus lese ich gerne, was andere Branchen tun, um der Kapitalmacht der Internet- und Kettengiganten mit Kreativität zu begegnen. Davon gerne mehr.

Darüberhinaus erwarte ich endlich ein Affiliate Programm für den mittleren- und kleinen Buchhandel. Es kann nicht sein, dass Verlage und Blogger gezwungen sind, auf Amazon, Thalia ect. zu verweisen, weil es keine Alternative gibt. Wie ich gehört habe, ist aber bei LChoice etwas in dieser Richtung in Planung.

 

  1. Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?

Mit Jan Köster teile ich mir die Geschäftsführung unserer Buchgeschäfte. Mein Part sind z.B. die Organisation von Events. Hier gibt es seit ein paar Jahren den Trend bei Verlagen, bekannte Autor*innen nur noch in die Hände der großen Kettenbuchhandlungen zu geben. Früher konnten wir charmante Debütant*innen durch “große” Lesungen querfinanzieren. jetzt geht das nicht mehr. Die Folge wird sein, dass es immer weniger Buchhandlungen in den Metropolen gibt, die sich Veranstaltungen mit noch nicht so bekannten Schriftsteller*innen leisten. Auch wir können 2018 nur noch wenige derartige Lesungen stemmen. Eine sehr traurige Tendenz.

 

  1. Und welchen Fehler werden  Sie trotzdem wiederholen?

Ich werde wieder viel zu viel Zeit mit Dingen zubringen, die Spaß machen, aber mit denen man kein Geld verdient: Schulklassen einladen und vorlesen, Pianoabende im Buchladen veranstalten, ein Straßenfest für Bilderbücher organisieren, mich auf Podien für den unabhängigen Buchhandel ins Zeug legen.

 

  1. Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?

Genial fand ich “Ein Gentleman in Moskau” aus dem Ullstein Verlag. In dem Buch folgt man Graf Rostov über viele Jahrzehnte durch seine Begegnungen und Erlebnisse. Der Gentleman darf das luxuriöse Hotel Metropol nicht verlassen, arbeitet dort als Hilfskellner und trifft Personen der Zeitgeschichte. Jede Seite spannend und interessant. Ein großartiger Zeitvertreib.

 

  1. Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Momentan lese ich “Olga” von Bernhard Schlink im Diogenes Verlag. Das Buch könnte deshalb erfolgreich werden, weil es eine Geschichte in leisen Tönen erzählt, die schön dahin plätschern. Solche Titel, wie “Unterleuten” von Juli Zeh oder “Was man von hier aus sehen kann” von Mariana Leky, sind in letzter Zeit sehr erfolgreich gewesen.

 

  1. Von wem würden Sie auch gern mal  die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Es würde mich interessieren, wie Markus Dohle den Fragebogen beantwortet. Randomhouse konfrontiert uns Händler fast jährlich mit neuen Vertreter*innen, Vertriebsgruppen und Ansprechpartner*innen. Was ist da los?

 

  1. Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben,  hätten Sie gern beantwortet?

Wie geht es weiter mit dem unabhängigen Buchhandel in Deutschland?

 

 

  1. Hier können Sie die auch beantworten:

Zur Zeit mobilisieren viele Buchhändler*innen immense Ressourcen. In diesen Leuten steckt so viel Kreativität und Energie, es ist einfach wundervoll! Buchhandlungen, in denen solche Menschen arbeiten, werden in den nächsten Jahren deutliche Zuwächse haben. Wer seinen Kund*innen hingegen nur Bücher verkauft, ohne ihnen zusätzliche Erlebnisse zu verschaffen wie Buchempfehlungsabende oder Leseförderung, wird keine Zukunft haben. Die digitale Präsenz mit Website, Facebook und Newsletter gehört ebenso zu den Standards, ohne die es nicht mehr geht.

Gestern beantwortete Thilo Schmid unseren „anderen“ Fragebogen. Morgen sprechen wir mit Christiane Heidrich über ihr Jahr 2017.

 

 

 

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