Gefühlt ist der März der Monat, in dem wir uns alle in Leipzig getroffen hätten. Das ist nun wieder nicht möglich und war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch mit BroCom-Geschäftsführer Matthias Heinrich:

Wieder sehen wir uns nicht in Leipzig zur Messe, auch der Ersatztermin im Mai fällt ja aus. Das schlägt vielen von uns auf die Stimmung.
Matthias Heinrich: Die erneute Absage der Messe ist wirklich mehr als bedauerlich. Natürlich spricht aber der gesundheitliche Aspekt dafür, die Messe nicht durchzuführen.
Aber für unsere Branche ist das jetzt die dritte Messeabsage in Folge.
Ja, und für viele von uns ist Leipzig der Stimmungsindikator und Warenumschlagskatalysator im Frühjahr. Die Neuheiten werden verlagsübergreifend aus- und vorgestellt, im Marketing-Mix von Verlagen und Dienstleistern ist der Auftritt auf den Messen ein eigentlich unverzichtbarer Bestandteil. Für uns bei BroCom empfinde ich die Messe in Leipzig dazu auch immer als etwas Besonderes. Unser Gemeinschaftsstand fördert für sich durch seinen ganz besonderen Spirit ein Gemeinschaftsgefühl.
Dazu gehört seit Jahren auch Ihr Einfall und Gag zur Messe, mit einem fröhlich verfremdeten Filmplakat Werbung für Ihren Stand zu machen.
Damit wollen wir auch unsere und die gute Stimmung der Branche zur Messe einfangen und transportieren. Deshalb haben wir jetzt zur Stimmungsaufhellung das Motiv ‚Easy Rider‘ aus dem letzten Jahr nochmal als Motivation für Branche und Messen unter dem Motto ‚Immer weiter‘ aufgelegt. Wenn wieder ein Messeauftritt wegfällt, dann verstärkt das den ohnehin nicht nur latent vorhandenen Corona-Blues. Aber wir dürfen und können uns in der Branche nicht unterkriegen lassen.

Ist Ihnen dieses Jahr kein neues Motiv eingefallen, wie wir das von BroCom gewohnt sind?
Natürlich hatten wir eine tolle Idee für ein neues Motiv. Alle Requisiten waren schon bereitgelegt, der Hintergrund und das Layout für das neue Filmplakat schon vorbereitet. Alle Blockbuster im Kino wurden aber bedauerlicherweise verschoben. Also muss das neue Motiv jetzt warten bis 2022.
Hält die Branche solange durch?
Ich bin überzeugt, dass wir das gemeinsam packen. Wir sind eine tolle Branche mit unverzichtbaren Produkten. Bücher sind ja irgendwie geistiger Impfstoff (für alle Leser, Altersstufen und Risikogruppen gleichermaßen verfügbar) und eine Möglichkeit, sich von Stress und Frustration abzulenken. Die gesamte Branche hat historisch die Finanzkrise ohne nennenswerte Blessuren überstanden, der Umsatz mäandert immer um die 9 Mrd. Euro. Durchgängig seit langem, trotz gesellschaftlichem Wandel, Krisen, Börsen-Hausse- und Börsen-Baisse. Vielleicht gereicht es uns jetzt zum Vorteil, dass wir nie hypten und deshalb auch nie wirklich abgehoben agierten. Wer nicht gewohnt ist, dass das Wasser dauernd von selbst bergauf fließt, dem rauscht jetzt auch kein Sturzbach entgegen.
Sollte der Einzelhandel übergreifend noch länger geschlossen bleiben oder nur Teilsegmente geöffnet werden, wird sich aber die gesamte Ladenlandschaft verändern …
Sicher, da dürfen wir die Augen nicht verschließen. Langfristig werden die Umsätze zwischen den Vertriebswegen dann stark hin ins Onlinegeschäft diffundieren. Zunächst hat BroCom unmittelbar nach Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 wie alle Großhändler einen massiven Anstieg der kleinteiligen B2C-Orders feststellen müssen. Während die Direktbezüge von Amazon wegen deren Corona-Priorisierung im Category-Management zurückgingen, erhöhten sich die Bestellungen von Privatkunden direkt beim Verlag. Wir müssen aber versuchen, einer Verödung der Innenstädte entgegenzuwirken, indem wir die Handelslandschaft dauerhaft befördern.
Wie kann die Branche dazu beitragen?
Der gesamte Zwischenbuchhandel hat das gesteigerte Interesse, einen durchgängig stabilen funktionierenden Abnehmermarkt zu erhalten. Der stationäre Buchhandel musste versorgt werden, damit er im Laden trotz Beschränkungen so lange wie möglich verkaufen oder sich bei seinen Kunden mit Ware und Ideen in Erinnerung rufen konnte. Erst recht dann im zweiten, ganz harten Lockdown ab dem Weihnachtsgeschäft, als es für den Handel nahezu unmöglich wurde, seinen Markt und seine Kunden weiterhin kreativ zu bespielen. Aber zumindest die Onlineshops der Händler konnten bedient und am Laufen gehalten werden.
Die Impfstoffversorgung hat also reibungslos funktioniert?
BroCom und alle anderen Zwischenbuchhändler garantierten hier weiterhin lückenlose Belieferung. Die Kombination der Auslieferungen als Aggregator ihrer Verlage in Kombination mit den Barsortimenten und deren gemeinsame Großhandels- und Verteilungsfunktion sorgten für die optimale Erhaltung einer stets geschlossenen Lieferkette, selbst in der Phase des totalen Pessimismus 2020 während des Weihnachtsgeschäfts-Shutdowns in den Ladengeschäften. Den Markt und damit auch die Konsumenten störungsfrei in ausreichender Menge mit Produkten der Branche zu versorgen, das war und ist die Kernaufgabe. Verlage produzieren tolle Ware, Vertreter krempeln trotz Reise- und Besuchsbeschränkungen die Ärmel hoch, der Zwischenbuchhandel verteilt vorbildlich, alle Händler sorgen mit Tatkraft, Kreativität und innovativen Ideen für Absatz und Umsatz durch die Konsumenten. Das war und ist ein glänzendes Zusammenspiel, auf das wir in der Krise zurecht stolz sein können.
Die Lieferkette ist das eine, aber die Sichtbarkeit der Novitäten bleibt auf der Strecke.
Das ist ein großes Dilemma, womit sich der Kreis über die geschlossenen Läden hin zu den ausfallenden Messen schließt. Unsere Publikumswirksamkeit leidet extrem. Wir in den Auslieferungen wissen sehr gut, welch interessante, inhaltsreiche und verkaufsfähige Produkte gerade in den Verlagen entstehen, der Krise trotzend. Der Handel ordert aber verständlicherweise zurückhaltend, dem Konsument fehlt der ungezwungene Ladenbesuch und der inspirierende und motivierende Schaufensterbummel.
Und die Diskussion über die Gefahr einer erneuten Welle sorgt für Mut- und Perspektivlosigkeit.
Deswegen benötigt nicht nur unsere Branche, sondern die ganze Gesellschaft, Wirtschaft und Volkswirtschaft dringend überzeugende und nachvollziehbare, gesamthafte Öffnungskonzepte. Nicht nur Sorge und Angst dürfen den Handlungskorridor bestimmen, sondern auch Augenmaß, Zuversicht und eine Berücksichtigung aller Wissenschaften. Natürlich unter besonderer Priorisierung der Medizin, aber eben nicht nur sture Orientierung an Virologen. Wir sollten nie vergessen, dass es auch einen Pakt mit Blick auf die nachfolgenden Generationen geben muss, ökologisch (was gerade sehr en vogue ist) und ökonomisch (was man gerne im Zuge der Pandemie-Bekämpfung verdrängt). Tsunamis haben aber immer Nachwirkungen, erst kommen die Wellen, dann muss über Jahre oder Jahrzehnte wieder aufgebaut werden.
Als ehemaliger Schatzmeister des Börsenvereins argumentieren Sie gerne ökonomisch. Momentan gibt es eine hitzige Diskussion um Rabatte und das Preisbindungsgesetz. Wie stehen Sie hierzu? Rücksicht auf die Verbandsinteressen müssen Sie ja jetzt nicht mehr nehmen.
Ich habe vorher festgestellt, dass wir eine flächendeckende Handelslandschaft mit bunten, anregenden und vielfältigen Schaufenstern benötigen. Das Wort flächendeckend bedingt eine Breite an Geschäften, anregend und vielfältig kann nur eine Sortimentstiefe mit differenziertem und abwechslungsreichem Angebot sein, frei von Monotonie und Einseitigkeit. Es braucht aus meiner Sicht auch breit aufgestellte, reichhaltige Handelsformen. Ketten haben ihre Berechtigung, genauso wie unabhängige Geschäfte. Niemand sollte für sich aber die kulturelle Deutungshoheit beanspruchen, einseitiger messianischer Eifer ist ebenso sinnfrei wie die reine Huldigung kapitalistischen Denkens.
Der sinnvoll genutzte Funktionsrabatt hat natürlich seine Berechtigung, Rabatte müssen grundsätzlich mit einer Ausgewogenheit an die Abnehmer gewährt werden, um allen Sparten und Branchenteilnehmern ein langfristiges Überleben zu ermöglichen.
Aber es braucht die Preisbindung und einen Gesetzesrahmen?
Absolut. Ein Garant für Sortimentsbreite und -tiefe, für kulturelle und politische Inspiration ist die Preisbindung. Deswegen macht, wer daran rüttelt, einen Riesenfehler. Um bei fixen Endverbraucherpreisen allen Stufen in der Lieferkette eine auskömmliche Existenz sichern zu können, braucht es zunächst gute Produkte zu marktgerechten Preisen. Es ist eine Binsenweisheit, dass nur der Bedarf an Produkten Absatz und Umsatz sichert. Die Produkte müssen deshalb in entsprechender Anzahl am richtigen Ort verfügbar sein, um diesen Bedarf bedienen zu können. Und die Händler sorgen dafür, dass Ware angeboten und Bedürfnisse geweckt werden und somit überhaupt Bedarf entsteht. Natürlich braucht es jetzt die Betriebswirtschaftler in den Unternehmen, die mit spitzem Bleistift, aber auch Augenmaß dafür sorgen, dass kaufmännisch die Rechnung in allen drei Sparten aufgeht. Es ist aber nicht die Aufgabe des Verbands in die Preispolitik der Branche einzugreifen. Die drei Sparten als Teil der Branche müssen für sich erkennen, dass es nur ein Miteinander im Rahmen des Preisbindungsgesetzes geben kann.
Alles richtig und nachvollziehbar. Geht es auch ein wenig konkreter?
Zurück zur Pandemie und der Corona-Krise: Nicht einmal eine Grundversorgung mit Ware durch die gesamte Lieferkette hindurch wäre möglich gewesen, wenn eine Sparte auf der Strecke geblieben und ausgefallen wäre. Denn das Räderwerk funktioniert nur bei entsprechender Mechanik und Ölung. Das Wort Schmierung verbiete ich mir, weil es in Zeiten von WKZ und Boni einen negativen Charakter bekommen könnte. Aber: Es müssen alle Zahnrädchen entsprechend in sich greifen und wenigstens geölt sein. Der sinnvoll genutzte Funktionsrabatt hat natürlich seine Berechtigung, Rabatte müssen grundsätzlich mit einer Ausgewogenheit an die Abnehmer gewährt werden, um allen Sparten und Branchenteilnehmern ein langfristiges Überleben zu ermöglichen.
Einseitige Bevorteilung ist der falsche Weg?
Hier appelliere ich an die Vernunft der Verlage und Händler als Verhandlungspartner, die gegenseitige Leistung anzuerkennen, sich in Richtung angemessener Margen zu einigen und darüber hinaus nie zu vergessen, dass Barsortimente und Auslieferungen einen unschätzbaren Dienst leisten. Jetzt bin ich wieder bei der famosen Leistung der gesamten Branche in der Pandemie: Wir machen gemeinsam einen tollen Job. Gegenseitiges Verständnis und Rücksichtnahme können sich lohnen. Also: Immer weiter! Aber mit Verstand.
Die Fragen stellte Christian von Zittwitz